An Weintrauben ist Schimmel zu erkennen. | HR/Jacob Schaumann
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Weinbau und Klimawandel Neue Rebsorten braucht das Land

Stand: 22.09.2022 16:30 Uhr

Lange Dürreperioden, extreme Hitze und starke Regenfälle: Der Klimawandel und seine Folgen stellt die Winzer im Rheingau vor große Herausforderungen. Vor allem traditionelle Rebsorten leiden unter dem Extremwetter.

Von Jakob Schaumann, HR

Prall und reif hängen die dunklen Trauben des Spätburgunders an den Reben. Mit den typischen Winzerscheren arbeiten sich Cosima Lindenau und Niklas Eisenacher Rebstock für Rebstock durch einen ihrer Weinberge im hessischen Oestrich-Winkel. Auf den ersten Blick sieht es nach einer guten Lese aus, doch durch den Starkregen der vergangenen Tage haben sich viele Beeren so mit Wasser vollgesogen, dass sie geplatzt sind.

"Das Wetter ist unberechenbar geworden", sagt Eisenacher. "Wir haben zum einen die Sonne, die im Sommer die Trauben verbrennt, deswegen müssen wir hier in der Traubenzone die Blätter zum Schutz stehen lassen. Und dann kommt auf einmal ein Schlagregen, so wie die letzten Tage, dann fängt alles an feucht zu werden und zu schimmeln."

Vor einem Jahr hat das junge Winzerpaar ein konventionelles Weingut übernommen - mit dem Ziel, ökologisch und nachhaltig Wein anzubauen. Durch den Klimawandel ist das mit alten Rebsorten nahezu unmöglich geworden, deshalb wird es eine der letzten Spätburgunderlesen sein.

Piwis statt Riesling und Spätburgunder

In Zukunft setzen Lindenau und Eisenacher in ihrem Weingut "Prana" auf Piwis - pilzwiderstandsfähige Rebsorten. 0,7 Hektar ihrer insgesamt 4,5 Hektar wollen die beiden jedes Jahr umwandeln. Ziel ist es, deutlich weniger Spritzmittel zu benötigen und mit der zunehmenden Hitze besser klarzukommen. "Ein großer Vorteil ist, dass sie gegen die gängigen Pilzkrankheiten im Weinberg resistent sind", erklärt Lindenau. "Außerdem haben sie ein längeres Stielgerüst und sind lockerbeeriger als beispielsweise der Spätburgunder. Dadurch platzen die Beeren nicht so leicht, und Fäulnis entsteht erst gar nicht in den Trauben."

Geschmacklich bedeuten die neuen Rebsorten wie Cabernet Cortis, Solaris oder Calardis Blanc eine Erweiterung des traditionellen Sortiments. Das junge Winzerpaar weiß, dass nicht alle Weinliebhaber von Riesling und Co. auf Piwi-Weine umschwenken werden. "Wir glauben, dass wir eine Nische ansprechen und Leute ansprechen, die sich für ein ökologisches Bewusstsein interessieren. Genau diese Leute wollen wir erreichen und können mit neuen Rebsorten auch deren Wunschvorstellungen ansprechen."

Cosima Lindenau und Niklas Eisenacher sitzen in ihrem Traktor. | HR/Jacob Schaumann

Cosima Lindenau und Niklas Eisenacher setzen auf ökologischen und nachhaltigen Weinbau. Bild: HR/Jacob Schaumann

Riesling vor dem Aussterben retten

Die Hochschule Geisenheim forscht seit 2014 mit einem in dieser Form weltweit einzigartigen Projekt dazu, wie die Zukunft des Weinbaus aussehen könnte. Mit dem FACE-Experiment wagen die Forscher einen Blick in die atmosphärische Zukunft. Durch gezielte Zuführung von rund 20 Prozent Kohlenstoffdioxid wird die erwartete CO2-Konzentration von 2050 simuliert.

Zwei Sorten werden untersucht: der eher aus wärmeren Gefilden bekannte Cabernet Sauvignon und der für den Rheingau typische Riesling. "Natürlich interessiert uns, wie der Wein 2050 wird, aber vor allen Dingen: Wie reagiert die Pflanze?", sagt Hans Reiner Schultz, Präsident der Hochschule. Es gehe etwa um den Wasserverbrauch und die Struktur der Frucht, denn je kompakter eine Frucht sei, umso anfälliger sei sie für Fäulnis.

Schon heute zeigt sich, dass genau das für den Riesling zum Problem werden könnte. Die erhöhte CO2-Konzentration führt zu gesteigerter Photosynthese und stärkerem Beerenwachstum; dadurch werden die Rieslingreben kompakter und somit anfälliger für Schimmelbildung. Damit der Riesling im Rheingau nicht ausstirbt, züchtet die Hochschule Rieslingreben, die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen und insgesamt ein lockereres Beerenwachstum haben.

Spitzenweine aus dem Norden

Durch den Klimawandel haben sich auch die Anbauzonen verschoben. Bis vor einigen Jahren war der Rheingau, am 50. Breitengrad gelegen, eines der nördlichsten Weinbaugebiete. Mittlerweile ist man am 57. Breitengrad in Schweden und Norwegen angelangt. In Zukunft rechnet Schultz damit, dass Spitzenweine aus bislang untypischen Regionen kommen werden. 

"Die Weinbaugebiete haben sich auf der Nordhemisphäre ziemlich stark nach Norden ausgebreitet, beispielsweise nach Kanada und England. Da gehen Investoren hin, weil das kühle Klima dafür sorgt, dass insbesondere bei Rotweinen mehr Aromaintensität, kräftigere Farbe und mehr Struktur entsteht."

Eine Anlage sprüht Kohlenstoffdioxid auf Weinreben. | HR/Jacob Schaumann

Die Anlage sprüht gezielt Kohlenstoffdioxid auf die Reben um so die CO2 Konzentration von 2050 zu simulieren. Bild: HR/Jacob Schaumann

Quer statt längs anbauen

Wer sich eine Luftaufnahme des Rheingaus anschaut, der stellt fest, dass der Großteil der Weinberge in Steillagen senkrecht, also in Falllinie angelegt ist. Der Grund: Auf diese Weise können im Vergleich zur Querterrassierung mehr Rebstöcke pro Weinberg angelegt und somit höhere Erträge erwirtschaftet werden. Doch auch das könnte sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ändern.

"Durch den Klimawandel und die daraus resultierende Zunahme von Starkregenereignissen werden in Steillagen in Zukunft immer häufiger große Mengen fruchtbarer Boden weggeschwemmt und Kohlenstoff freigesetzt", so Schultz. Bei quer angelegten Weinbergen gibt es hingegen deutlich weniger Erosion, und durch das Terrassenprofil kann mehr Wasser im Boden eingespeichert werden.

"Wir sollten die Bewirtschaftung ändern", plädiert Schultz. "In den kommenden Jahren wird es mehr und mehr zu einem Vorteil in Richtung Querterrassierung kommen. Ein riesengroßes Problem bei der Umgestaltung bestehender Weinberge sind neben den Kosten die erheblichen Mengen Kohlenstoff, die dadurch freigesetzt würden."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. September 2022 um 22:15 Uhr.