Wahlkampf-Veranstaltung mit Merz in Meschede | WDR/Rupert Wiederwald
#mittendrin

Wahlkreis Hochsauerland Kirche, Vereinsleben - und Friedrich Merz?

Stand: 08.09.2021 15:17 Uhr

Im Hochsauerlandkreis galt lange die Gleichung "Konservativ = CDU". Konservativ sind viele Menschen dort noch immer. Doch Ergebnisse wie früher darf die CDU nicht mehr erwarten - auch wenn sie mit Friedrich Merz antritt.

Von Rupert Wiederwald, WDR

Friedrich Merz grüßt in jedem Dorf im Hochsauerlandkreis, seine Plakate sind überall. "Für Land und Leute" tritt er an - zumindest steht es so auf dem Plakat. Diese Plakate hängen auch in Langscheid bei Sundern. Doch beim örtlichen "Sport- und Spielverein 1920 SuS Langscheid / Enkhausen" haben sie gerade keinen Kopf dafür.

Rupert Wiederwald

Das Fest zum 100-jährigen Bestehen droht buchstäblich ins Wasser zu fallen - und der Vereinsgeschäftsführer Markus Trippe schaut ein wenig skeptisch in den verregneten Himmel. Es schüttet, und jetzt ist die große Frage: Wer kommt denn dann noch zum großen Fest?

Immerhin: Die Blaskapelle des Musikvereins ist schon mal da - und der Pfarrer. Kirche und Vereinsleben, das sind zwei der wichtigen Säulen im Leben der meisten Sauerländer. "Das ist Tradition". sagt Trippe und zählt die Vereine auf, in denen er Mitglied ist. "Wir kennen uns alle und wir helfen uns auch alle", sagt er und zeigt auf die Besucher, die so langsam trotz Regen zum Sportplatz kommen.

Den Sportverein im Regen stehen lassen, das geht nicht. "Und wenn dann noch Kirche ist, dann kommen trotz Regen trotzdem alle", sagt Trippe lachend. Als die Messe beginnt, schaut der Pfarrer in ein volles Zelt. Das Sauerland gilt als eine der stärksten Hochburgen der CDU in Deutschland. Sauerland gleich konservativ gleich CDU, so war hier sehr lange die Rechnung.

Veranstaltung beim SuS Langscheid / Enkhausen | WDR/Rupert Wiederwald

Den SuS Langscheid / Enkhausen im Regen stehen lassen? Kommt für Sauerländer nicht in Frage. Bild: WDR/Rupert Wiederwald

Merz-Zitate - "die gehen gar nicht"

Doch auch im Sauerland ändert sich was, erklärt der Vorsitzende des SuS Langscheid, Dirk Henneke: "Der Sauerländer ist bodenständig konservativ", sagt er, aber: "Wir haben hier viele, die aufs Land ziehen, viele Zugezogene - das ändert natürlich was. Die Basis aber ist noch so." Und so geht auch beim SuS Langscheid / Enkhausen die alte Gleichung "Konservativ = CDU" nicht mehr zwangsläufig auf.

Für Würstchen und Bierstand sind die Jugendabteilungen beim Fest zuständig. Der 17-jährige Tom Zimmer hat das organisiert, selbstverständlich. "Das ist Tradition, da bin ich konservativ." Friedrich Merz kommt bei ihm nicht gut an: "Natürlich ist der auch ein konservativer Typ, aber der hat Ansichten, die junge Leute wie ich nicht mehr unterstützen. Zum Beispiel bei Frauenrechten, da habe ich Zitate von ihm gelesen, die gehen gar nicht."

"Da ist die CDU zu Hause"

Wenige Kilometer weiter in Meschede hat die CDU zum Wahlkampfauftakt geladen. Merz versucht, in der Schützenhalle von Meschede seine Anhänger für den Endspurt zur Bundestagswahl zu motivieren. Merz ist Sauerländer, zwischen 1994 und 2009 war er schon mal für den Hochsauerlandkreis als Abgeordneter in Berlin. Er selbst bezeichnet seine Auftritte hier als Heimspiel: "Wir sind hier sehr verwurzelt in der Bevölkerung, sind präsent in den Vereinen, den Organisationen. Da ist die CDU zu Hause."

Bei der Wahl 2017 hatte CDU-Kandidat Patrick Sensburg im Hochsauerlandkreis 48 Prozent der Erststimmen geholt, bei früheren Wahlen waren es auch gerne weit über 50 Prozent. Aber auch hier sind die Zeiten von haushohen Mehrheiten für Christdemokraten vorbei. Deshalb muss CDU-Mann Merz seinen Parteifreunden zurufen: "Wir müssen jetzt loslegen: abheben, starten, kann man im Luftverkehr nur gegen den Wind. Und den haben wir jetzt!"

"Bewahrung der Schöpfung - das ist doch konservativ"

Der ganze Hochsauerlandkreis ist landschaftlich reizvoll, aber eben auch weit entfernt von den Zentren. Und doch - oder gerade deswegen - haben sich hier mittelständische Unternehmen entwickelt, die als "Hidden Champions" gelten - also als Unternehmen, die auf ihrem Gebiet führend sind, unbemerkt von der großen Öffentlichkeit.

Eines davon ist die Condensator Dominit. Die Firma baut Geräte, mit denen Fabriken Spannungsschwankungen kontrollieren können. Gründer Christian Dresel bezeichnet sich selbst als "stockschwarz und wertkonservativ". Spricht man mit ihm über Politik, klingt das ganz anders. Die Energiewende kann ihm nicht schnell genug gehen. "Wir müssen die so organisieren, dass die Menschen sehen, das bringt uns Wohlstand", sagt er. "Die Politiker glauben immer noch, man könne das mit Rezepten der Industriepolitik der vergangenen 60 Jahre machen, das geht aber nicht."

Den neuen Unternehmenssitz hat Dresel bereits auf weitgehend CO2-neutral getrimmt, zwei E-Ladesäulen stehen vor der Tür. Firmenwagen werden zukünftig elektrisch betrieben. "Bewahrung der Schöpfung - das ist doch konservativ", sagt er - und lacht.

Christian Dresel | WDR/Rupert Wiederwald

Firmengründer Christian Dresel nennt sich selbst "stockschwarz", klingt dann aber mitunter eher grün. Bild: WDR/Rupert Wiederwald

"Das ist Dorf"

Die Musikkapelle beim Fest des SuS Langscheid / Enkhausen gönnt sich nach dem Gottesdienst eine Pause und das erste Bier. Es regnet immer noch, aber das ist jetzt egal. Stattdessen ist nun Zeit für das, was sie hier alle schätzen: Zusammen stehen, reden, Gemeinschaft. "Das ist Tradition, das ist gewachsen, das gehört zum Dorfleben dazu," erzählen Anke Blücher und Melanie Schirp.

Die beiden Frauen spielen Klarinette im Musikverein, beide schon von Kindesbeinen an. "Das muss auch fortgeführt und weitergegeben werden an die nächste Generation", sagt Schirp. "Das ist Tradition, aber konservativ ist das nicht. Das ist Dorf."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. September 2021 um 22:15 Uhr.