Mitglieder der Initiative "Superbüttel" an ihrem Infostand
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Verkehrswende in Hamburg Wenn der Verkehr Stadtviertel entzweit

Stand: 09.09.2021 15:44 Uhr

Hamburg hat sich eine Verkehrswende verordnet: weniger Autos, breite Radwege, neue U- und S-Bahnlinien. Auch ganze Wohnviertel kämpfen für Verkehrsberuhigung - was manche dort eher beunruhigt.

Von Andreas Hilmer, NDR

Im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel haben sich Bürger nicht weniger als eine Revolution vorgenommen: Alle parkenden Autos sollen in eine Art Quartiers-Großgarage unter die Erde, die engen Straßen entlang der hundert Jahre alten schönen Mehrfamilienhäuser sollen wieder zu Begegnungsflächen für die Anwohner werden.

Andreas Hilmer

Rechnerisch so eng wie in Seoul

"Wie früher, da waren vor vielen Häusern kleine Gärten, da hatten Bürger und Familien echten Lebensraum direkt vor ihren Häusern", sagt Jörn Bodewadt und stellt einen Infotisch an die Straße.

"Die schon wieder", schimpft ein Nachbar von Gegenüber. Er hat ein Gewerbe und braucht sein Auto. Eimsbüttel ist extrem dicht besiedelt. 18.000 Menschen kommen auf einen Quadratkilometer - es ist von den Zahlen her fast so eng wie in Seoul. Und inzwischen hat in Hamburg fast jeder ein eigenes Auto.

Anwohner gegen Anwohner am Bordstein

Aber "es gibt eben kein Anrecht auf einen Parkplatz direkt vor der eigenen Wohnung", sagt Kai Ammer, der die kleine Gruppe von Aktivisten anführt. Auf seinem T-Shirt prangt das Logo von "Superbüttel". Die Eimsbütteler Aktivisten streiten schon seit Jahren für Velorouten - jetzt gilt ihre Aufmerksamkeit der radikalen Neugestaltung des öffentlichen Raumes.

Das bleibt nicht ohne Widerspruch: "Was ist denn euer Problem, ihr Spinner? Ich hab hier einen Betrieb und will weiter fahren und parken", schimpft der Mann von Gegenüber, der seinen Namen nicht sagen möchte, unversöhnlich. Anwohner gegen Anwohner am Bordstein.

Immer ist jemand dagegen

Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks von den Grünen kennt solche Diskussionen. Immer wenn es um Verkehrswende und Bauprojekte geht, ist jemand dagegen. Es ficht ihn nicht an. Seine Visionen einer echten Mobilitätswende für die Hansestadt zeigt er uns vom Rad aus.

Einen Dienstwagen hat der Politiker der Grünen eh nicht, und so radeln wir entlang der Alster auf breiten Radtrassen. "Hier rasten früher Autos durch, hier parkten Hunderte Autos den ganzen Tag. Jetzt fahren hier 10.000 Bürger pro Tag mit dem Rad", sagt er nicht ohne Stolz, während ihm auf dem Rennrad der blaue Schlips um den Hals weht. Ein Grüner, der hofft, Bus, Bahn und Rad sinnvoll verknüpfen zu können.

Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks

Hamburgs Verkehrssenator Tjarks an seiner "Lieblingsbaustelle", an der noch nicht ganz zu erkennen ist, wer mal wo fahren soll.

"'Protected Bikelanes', wie in Kopenhagen"

An der Großbaustelle Esplanade, einem echten Knotenpunkt mitten in der Millionenstadt, hält Tjarks an: Hier fahren Busse, darunter die U-Bahn, und hier würden bald ganze Autospuren umgewidmet. Breite Radstreifen kämen links und rechts hin - rot markiert und mit wenig Ampeln, die den Fahrfluss stoppen könnten. Gegenüber sind die Radstreifen schon von der Fahrbahn baulich getrennt.

"'Protected Bikelanes', wie in Kopenhagen", sagt der Senator lächelnd. Er ist auch Herr über 715 Baustellen, die bei der Mobilitätswende mithelfen sollen. "63 Kilometer Radwege haben wir letztes Jahr neu gebaut, 83 Millionen Euro für Radflächen ausgegeben, und jetzt bekommt als Ergänzung noch der Öffentliche Nahverkehr 16 ganz neue Stationen."

Das Ziel: Der Öffentliche Nahverkehr müsse auch entfernte Stadtteile erreichen, alle fünf Minuten solle eine Bahn fahren, dann ließen Hunderttausende Pendler auch das Auto stehen, so die Theorie. In der Praxis strömen täglich 360.000 Pendler in die City - viele im Stau mit dem Auto.

"Bänke, Kinderspielzeug und viel freier Platz"

Die Auto-Rebellen aus Eimsbüttel hoffen auf schnellere Lösungen. Gemeinsam mit einer Agentur haben sie schon mal ihre Vision einer Spiel- und Flaniermeile der umliegenden Straßen erstellt.

"Bänke, Kinderspielzeug und viel freier Platz - so könnte der öffentliche Raum fairer verteilt werden", erklärt Kai Ammer und zeigt mit dem Finger auf all die Flächen, die wieder dem Bürger zur Verfügung stünden, wenn die Blechkisten weg wären.

Eine Infotafel der Initiative "Superbüttel"

Damit Eimsbüttel "Superbüttel" wird, soll es weniger Platz für Autos geben, fordert die gleichnamige Initiative. "Spinner", sagen andere dazu.

Weg durch die Instanzen statt übereilter Entscheidung

Bei einer Umfrage im Viertel hätten sogar die Autobesitzer mehrheitlich für ihre Ideen gestimmt. Nun fehlt noch die Politik - und das Geld. Damit es ihnen aber nicht so geht wie im Stadtteil Ottensen, wo die Politik etwas übereilt alle Autos aus dem Quartier verbannt hatte und ein Gericht dann alles rückgängig machte, wollen sie weiter den langsamen Weg durch die Instanzen gehen. In Ottensen hatten sich damals sogar einige Gewerbetreibende mit Anwohnern gegen eine Verkehrsberuhigung verbündet, weil man sie nicht mitgenommen fühlte bei dem Prozess.

Verkehrssenator Tjarks ist inzwischen mit dem Rad bei seiner "Lieblingsbaustelle" angekommen: Sechs Spuren. Ampeln. Autos rasen, Radfahrer kreuzen. Noch unklar, wer hier wo einmal fahren wird. Es ist eben nicht leicht, Fahrradstadt werden zu wollen und doch ein bisschen Autostadt zu bleiben.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. September 2021 um 22:15 Uhr.