Eine Gruppe Schüler vom UWC-College Freiburg sitzen an Laptops. | Jenni Rieger, SWR
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UWC College Freiburg "Schule für Weltverbesserer"

Stand: 09.02.2022 13:07 Uhr

Am Robert Bosch United World College in Freiburg lernen junge Menschen aus der ganzen Welt, wie man diese zu einem besseren Ort macht. Oder zumindest, wie man darüber diskutiert.

Von Jenni Rieger, SWR Stuttgart

Morgens früh um halb acht sehen Terry, Victor, David und Heinrich wenig nach Eliteschülern aus - sondern vielmehr nach sehr müden Teenagern. Die vier kommen aus allen Ecken der Welt, aus Deutschland, Sambia, China und Armenien. "Früh am Morgen ist es schwierig, sich wie etwas Besonderes zu fühlen", sagt Terry auf Englisch, der Umgangssprache am Robert Bosch United World College (UWC) und Victor fügt hinzu: "Manchmal vergesse ich einfach, was alles von mir erwartet wird und genieße einfach das Frühstück, aber die Anforderungen hier sind schon hoch."

Jenni Rieger

100 Nationen lernen gemeinsam

Und damit meint Victor, der aus der Nähe von Shanghai stammt, nicht die akademischen Anforderungen. Alle der etwa 180 Schülerinnen und Schüler hier am Robert Bosch-College in Freiburg werden einen international anerkannten Hochschulabschluss, ähnlich dem deutschen Abitur, machen.

Was Victor meint, ist eher der ideologische Anspruch. Denn alle United World Colleges haben Großes vor mit ihren Schülern: Sie wollen ihnen beibringen, friedlich und produktiv miteinander zu leben und gemeinsam Lösungen für die drängenden Probleme der Welt zu finden. Völkerverständigung, Nachhaltigkeit, Weltfriede - große Themen für Heranwachsende.

Victor und Terry am UWC College Freiburg. | Jenni Rieger, SWR

Victor stammt aus der Nähe von Shanghai, Terry aus Sambia, gemeinsam lernen sie am UWC. Bild: Jenni Rieger, SWR

Der UWC-Schüler Heinrich sitzt auf seinem Bett und liest. | Jenni Rieger, SWR

Verständnis für andere zu lernen - das ist für Heinrich aus der Nähe von Chemnitz wichtig. Bild: Jenni Rieger, SWR

Engagement statt guter Noten

Aber das Konzept findet großen Zulauf. 18 United World Colleges gibt es inzwischen, verteilt auf vier Kontinente. Jährlich nehmen die UWCs Hunderte Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren auf und das unabhängig von ihren Noten oder dem Gehalt ihrer Eltern.  Das Freiburger UWC wird nur zu einem Drittel vom Land Baden-Württemberg finanziert. Ein Großteil der Kosten wird durch Spenden und Förderungen gedeckt, etwa durch die Robert Bosch Stiftung.

So gelingt es, dass in Freiburg drei Viertel aller Studierenden ein Stipendium erhalten haben. Terry aus Sambia sogar ein Vollstipendium, denn die 33.000 Euro Schulgeld, die hier jährlich anfallen, könnte sich seine Mutter nicht leisten. Aber auch Heinrich aus Deutschland wird finanziell unterstützt und auch Victor aus China.  

Laurence Nodder | Jenni Rieger, SWR

Schulleiter Nodder setzt darauf, dass seine Schüler für eine bessere Welt brennen. Bild: Jenni Rieger, SWR

Was sie alle gemeinsam haben? Das erklärt Schulleiter Laurence Nodder:

Wir suchen junge Menschen, die brennen, die Ideen haben, die sich für etwas Besonders engagieren. Das kann der Umweltschutz sein, Feminismus, was auch immer, aber wichtig ist, dass sie lernen, sich mit den Denkansätzen verschiedener Kulturen auseinanderzusetzen.

Ideen für den Frieden

Und so bevölkert an diesem Morgen eine bunte, laute, quirlige Mischung die Assembly Hall des Colleges, die Versammlungshalle. Arabische Sprachfetzen sind zu hören, deutsche, chinesische. Und natürlich Englisch, denn das ist die allgemeine Unterrichtssprache.

Schulleiter Nodder gibt ein paar organisatorische Informationen und überlässt die Bühne dann den Schülerinnen und Schülern. Und schon geht es um das, was diese drängend diskutieren wollen: rassistische Geschichtsschreibung, den Balkankonflikt, intersektionalen Feminismus - sehr spezielle Themen. Aber Themen, die die jungen Erwachsenen hier für relevant halten.

Schülergruppen sitzen am UWC-College Freiburg zusammen. | Jenni Rieger, SWR

Die Krisen der Welt, die Rolle der Kirche oder das Thema Rassissmus - in der Versammlungshalle wird das und mehr diskutiert. Bild: Jenni Rieger, SWR

"Das ist schon irgendwie auch eine Blase hier", sagt Heinrich, der aus der Nähe von Chemnitz kommt. Eigentlich wäre er gerne an ein UWC im Ausland gegangen, aber den Ort dürfen sich die Schüler nicht aussuchen. Sie werden zugeteilt. Nun lernt er also in Freiburg, zwei Jahre, bis zum internationalen Abschluss.

Aber der Ort sei auch nicht so wichtig, meint Heinrich, viel wichtiger sei der "Spirit", der Geist, der an der Schule herrsche: "Es gibt für alles mehr Verständnis und Akzeptanz. Man ist nicht so als Einzelgänger unterwegs, sondern fühlt sich mehr als Teil einer großen Gruppe mit ähnlichen Ideen. Obwohl es manchmal auch Situationen gibt, in denen ich mir mehr Kontroversen wünschen würde."

Leben in der Blase?

Der "Spirit" des Freiburger UWC, er wird deutlich, wenn man sich in dem Gebäude umsieht. Vor einem Klassenraum hängt ein "Fridays for Future"-Plakat, auf der Mädchentoilette ein Klimastreik-Aufruf. Regenbogen-Sticker und Feminismus-Parolen zieren die Laptops einiger Schülerinnen und Schüler.

Tatsächlich liegt die Befürchtung nahe, dass eine Schule, die ihre Schüler nach deren Überzeugung und Weltanschauung auswählt, Gefahr läuft, Kontroversen zu vermeiden. Schulleiter Nodder kennt diese Befürchtung - und widerspricht vehement:

Selbst, wenn das hier eine Blase ist, so gibt es darin Dinge, die sehr unbequem sind und genau über die wollen wir sprechen. In Deutschland wird zum Beispiel viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Aber für Leute aus Burkina Faso ist das kein drängendes Thema. Die regen sich auf, sagen, was soll denn dieses Gerede über Nachhaltigkeit, nennen uns sogar heuchlerisch!

Und er fügt hinzu: "Unsere Schule will einfach Impulse setzen für ein friedliches Zusammenleben. Und das tun wir, indem wir Diskussionen provozieren, auch unbequeme."

Gebäude des UWC Colleges in Freiburg. | Jenni Rieger, SWR

Von Freiburg in die Welt - am UWC sollen die Studierenden auch Themen durchdenken, die in ihren Heimatländern noch gar nicht diskutiert werden. Bild: Jenni Rieger, SWR

"In Sambia finden viele Diskussionen gar nicht statt"

Und indem sie die Schüler immer wieder konfrontieren - vor allem mit sich selbst. Obwohl pro Jahr 33.000 Euro Schulgeld pro Schülerin oder Schüler anfallen, sind die Jugendlichen zu viert im Zimmer untergebracht. Auf engstem Raum, quasi ohne Privatsphäre. "Zu Hause hatte ich mehr Platz", meint Heinrich.

Aber Terry ist im Glück. "Erleuchtet" fühle er sich, sagt er, seit er hier ist: "Zu Hause in Sambia finden viele Diskussionen gar nicht statt. Zum Beispiel über Homosexualität oder auch über Rassismus. Was das bedeutet, habe ich erst hier in Deutschland gelernt - denn in Sambia sind ja eh alle schwarz."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. Februar 2022 um 22:25 Uhr.