Der ausgetrocknete Eichelbach | Alex Jakubowski
mittendrin

Wassermangel in Hessen Wie Vogelsberg gegen die Trockenheit kämpft

Stand: 18.08.2022 14:43 Uhr

Trockene Böden, kein Niederschlag, wenig Futter für die Tiere. Im hessischen Landkreis Vogelsberg spüren die Menschen die Folgen des Klimawandels unmittelbar - und versuchen die Trockenheit selbst in den Griff zu bekommen.

Von Alex Jakubowski, hr

Das Gras ist vertrocknet, der Boden staubig. Die paar Rinder, die Bio-Landwirt Nik Hampel auf seiner Weide im hessischen Ort Schotten grasen lässt, finden kaum noch etwas zu fressen. "Es hat hier seit Mai nicht nennenswert geregnet", sagt er achselzuckend. "Wir haben vielleicht noch für zwei Wochen Futter auf den Wiesen."

Alex Jakubowski

Mit seinem Hut wirkt er wie ein Cowboy in der nordamerikanischen Steppe. Viel früher als sonst muss er in diesem Jahr die Futtervorräte angreifen. Gras- und Heuballen, die in großen Mengen auf seinem Hof gelagert sind. "Das bedeutet, wir müssen schon jetzt im Sommer anfangen, unsere Konserven zu verfüttern. Im Notfall müssen wir sogar Gras oder Heu zukaufen. Das wäre tatsächlich ein Novum." Für ihn ist klar: Der Klimawandel macht sich längst bemerkbar, hier im Landkreis Vogelsberg.

Kühe stehen auf einer Weide. | Alex Jakubowski

Kühe stehen auf der vertrockneten Weide von Bio-Landwirt Hampel. Bild: Alex Jakubowski

Mit "Mob Grazing" gegen die Erosion

Schon lange macht er sich Gedanken darüber, wie man den veränderten Klimabedingungen begegnen kann. Ein Lösungsansatz kommt aus Australien und nennt sich auf Englisch Mob Grazing. "Wir treiben dabei relativ viele Tiere auf eine verhältnismäßig kleine Weidefläche. Das Ziel ist, dass die Tiere rund die Hälfte der Pflanzen niedertrampeln. Dieses niedergetrampelte Gras schützt den Boden vor Austrocknung und Erosion." Nur den Rest fressen die Rinder dann ab.

Was bisher nur ein kleiner Versuch ist, könnte große Folgen haben für die viel zu trockenen Böden. Denn sollte es im Sommer mal wieder regnen, würde der Niederschlag von dem niedergetrampelten Gras aufgefangen und nicht so schnell abfließen. Die Feuchtigkeit wäre länger in der Bodenoberfläche - ein Schutz vor dem Austrocknen.

Ausgetrocknete Bäche - niedrige Grundwasserpegel

Wie trocken die Gegend bereits ist, zeigt sich am Ortsausgang. Normalerweise fließt dort der Eichelbach. Sein Wasser speist sich auch aus Hangquellen. Doch weil die Grundwasserstände in der Region gesunken sind, kommt auch aus diesen Quellen kein Wasser mehr. Das Bachbett ist ausgetrocknet. "Das ist an dieser Stelle extrem ungewöhnlich", erklärt Ökologe Hans-Otto Wack. Er beobachtet die klimatischen Veränderungen hier seit Jahrzehnten.

Der ausgetrocknete Eichelbach | Alex Jakubowski

Das Flussbett des ausgetrockneten Eichelbachs. Bild: Alex Jakubowski

Anwohner werden selbst aktiv

"Wir haben hier nicht erst seit ein paar Jahren Wassermangel, das ist im Prinzip schon seit 2004 so", meint der Ökologe. "Um das zu ändern, müssten wir eigentlich versuchen, das Wasser am Berg und im Erdreich zu halten."

Genau das tun manche Anwohner mittlerweile - Reinhard Bischof etwa. Mit eigenem Bagger hat er einen Graben ausgehoben. Gerade verlegt er ein mit Löchern perforiertes Plastikrohr. Das Oberflächenwasser aus der Umgebung soll sich in dieser Versickerungsanlage sammeln und durch die Löcher langsam ins Erdreich abfließen. Das Ziel ist das gleiche wie bei Öko-Landwirt Hampel: der Schutz vor Austrocknung und Erosion. Für Reinhard Bischof ist das im Übrigen keine Aufgabe, die er seinen Nachkommen überlassen möchte: "Irgendwann muss man ja mal anfangen. Man kann das nicht vertagen oder der nächsten und übernächsten Generation übertragen", meint er.

Reinhard Bischof | Alex Jakubowski

Reinhard Bischof hat einen Graben für eine Versickerungsanlage ausgehoben, um die Feuchtigkeit im Boden zu halten. Bild: Alex Jakubowski

In der Nachbargemeinde Ulrichstein denkt man bereits an noch entferntere Generationen. Der Ort liegt rund 300 Meter höher als Schotten. Mehr als hundert Jahre lang wurde das Trinkwasser des Ortes durch sogenannte Schürfquellen im Wald sichergestellt. Weil die aber längst nicht mehr genug Wasser hergeben, musste 2018 monatelang Wasser in Tankwagen zu den Vorratsbecken gefahren werden. Mittlerweile verfügt Ulrichstein über einen 200 Meter tiefen Brunnen.

Neuer Brunnen für Trinkwasser

"Die alten Quellen geben im Moment gerade mal drei oder vier Kubikmeter Wasser in der Stunde her. Wir brauchen aber neun bis zehn Kubikmeter. Mit dem neuen Brunnen bekommen wir das hin", so Bürgermeister Edwin Schneider. Weil es immer öfter Starkregenereignisse gibt, fließt das Wasser zu schnell ab. Das Grundwasser kann sich kaum regenerieren.

Die Hoffnung des Bürgermeisters ist, dass der Brunnen die nächsten Jahrzehnte ausreicht. Denn eine neue Bohrung wäre zu teuer. Vorsorglich hat er bereits an die Bewohner appelliert, weniger Wasser zu verbrauchen. Denn sollte auch der neue Brunnen an seine Kapazitätsgrenzen kommen - dann wäre das "eine absolute Horrorvorstellung", so der Bürgermeister.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. August 2022 um 22:15 Uhr.