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Projekt in Berlin Arbeit statt Gefängnis

Stand: 13.10.2021 15:09 Uhr

Ein Berliner Verein hilft Straffälligen, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Ein Element der Resozialisierung: Statt Geldstrafen im Gefängnis abzusitzen, können die Verurteilten sie abarbeiten.

Von Griet von Petersdorff, rbb

Schon 1827 entschlossen sich Berliner Seelsorger, Militärangehörige und engagierte Bürgerinnen und Bürger, Straffällige "zu frommen und nützlichen Staatsbürgern umzuschaffen" und dafür zu sorgen, "dass die Entlassenen nicht durch Hilflosigkeit wieder zu Straftätern werden". Sie wussten von den miserablen Zuständen in den Gefängnissen und gründeten den Verein sbh - "sozial bestimmt handeln".

Griet von Petersdorff

Strafe abarbeiten statt absitzen

In den vergangenen fast 200 Jahren hat sich das Anliegen nicht sehr verändert, sagt Geschäftsführer Matthias Nalezinski. sbh ist inzwischen ein großer weitverzweigter freier Träger, der sich in Berlin um weit mehr als 1000 Verurteilte kümmert. Ähnliche Organisationen gibt es im gesamten Bundesgebiet.

Ihr Ziel ist es, Straffälligen zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen: Mit Beratungsangeboten schon im Gefängnis, um Perspektiven für die Zeit danach zu eröffnen oder mit Übergangswohnungen für die Zeit direkt nach der Haft - vor allem aber mit Arbeitseinsätzen zum Beispiel in der Landwirtschaft wie im Brandenburgischen Kurzlipsdorf oder Malereinsätzen in öffentlichen Einrichtungen in Berlin. "Schwitzen statt Sitzen", formuliert Nalezinski solche Arbeitseinsätze etwas flapsig. Es gehe darum, Strafen abzuarbeiten - und das sei besser, als sie im Gefängnis abzusitzen.

"Bei uns fängt jeder wieder bei Null an"

In einer Westberliner Schule streichen Torsten, Patrick und John gerade das Treppenhaus. Malermeister Daniel Müller leitet sie an. Patrick, Mitte 20, ist froh und dankbar. Er hatte schon eine Ausbildung als Maler und Lackierer begonnen, musste sie aber "wegen besonderer Umstände" abbrechen, wie er etwas nebulös schildert. Er war beim Schwarzfahren erwischt worden und zahlte die Strafen nicht. Als die sich summierten, bekam er beim sbh die Möglichkeit, sie abzuarbeiten - denn wenn man nie zahlt, droht das Gefängnis. Daneben hat die Arbeit beim sbh für Patrick weitere unschätzbare Vorteile: Endlich eine Struktur, meint er, endlich schaffe er es, pünktlich aufzustehen.

Patrick bewundert seinen aktuellen Chef, der zeigt, wo es lang geht, aber auch zugewandt ist und viel versteht. Ein möglicher Grund: Bauleiter Müller ist auch mal "links abgebogen", wie er sagt, und landete deshalb beim sbh - um die Strafe abzuarbeiten. Dort überzeugte er offenbar und bekam eine Stelle als Bauleiter. Sein Motto: "Es ist egal wo jemand herkommt, was für Straftaten er begangen hat. Wir sehen in erster Linie den Menschen. Bei uns fängt er wieder bei Null an."

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John aus Guinea-Bissau hofft, später als Maler zu arbeiten.

Ordnung ins Leben bekommen

John, Asylbewerber aus Guinea-Bissau, streicht mit weißer Farbe die Fußleisten. Er arbeitet eher für sich, die Sprachbarrieren hemmen, er spricht vor allem englisch. Er habe einige Probleme gehabt, erzählt John, unter anderem wurde auch er ohne Fahrschein erwischt. Dass er hier streichen darf, um so seine Strafe abzuarbeiten, macht ihn prinzipiell froh. Vielleicht könne er später in dem Metier arbeiten, hofft er.

Der 45-jährige Torsten war bereits wegen schwererer Delikte im Gefängnis, unter anderem wegen räuberischer Erpressung und schwerem Raub, in den letzten Jahren sammelten sich kleinere Delikte an - die auch er beim sbh abarbeitet. Die Arbeit, aber auch die Zuwendung durch die Mitarbeiter vom sbh würden ihm helfen, Ordnung in sein Leben zu bekommen, meint er. Das Trinken habe er aufgegeben, umso wichtiger sei die Arbeit.

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Bauleiter Daniel Müller hat selbst einmal beim sbh eine Strafe abgearbeitet.

Corona bremst die Hilfe aus

Während der Corona-Pandemie seien viele Straffällige amnestiert worden, erklärt Nalezinski. Das sei zwar für die Täter erst einmal angenehm, allerdings seien dadurch auch Resozialisierungsmaßnahmen weggefallen. Denn viele strauchelten nach der Haft oder nach einer Verurteilung auf dem Weg zurück ins wirkliche Leben. Ihnen die Hand zu reichen und einen Weg aufzuzeigen, sei die Hauptaufgabe der Straffälligenhilfe. "Wer hier arbeitet, muss Empathie mitbringen und Sinn für Beziehungsarbeit", so Nalezinski. Es sei "höchste Zeit, dass Corona nicht mehr die Hilfe ausbremst".

Wenn die Verurteilten ihre Stunden abgeleistet haben, kommt die nächste Herausforderung. Beim sbh können sie höchstens ehrenamtlich bleiben. Durch durch die regelmäßige Tätigkeit der vergangenen Monate sind sie zwar besser gerüstet für das Leben danach, aber dann muss es allein weitergehen. Und da besteht das Risiko, dass der eine oder andere den gerade gefunden Kompass wieder verliert. Deshalb bietet der sbh auch danach Sprechstunden an, zu denen jeder der Betroffene kommen kann.

Die Straftäter und Straftäterinnen kämen häufig aus eher schwierigen Verhältnissen, am Rande der Gesellschaft, erzählt Nalezinski. Oft sei Geldmangel einer der Gründe, dass sie kriminell würden. Dennoch: Die sogenannten Armutsdelikte hätten in den vergangenen Jahren abgenommen, berichtet er. Das liege wohl auch an der geringen Arbeitslosigkeit. Es sei viel leichter, einen Job zu bekommen und Geld zu verdienen, das sei spürbar. Die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen machen sich auch beim sbh bemerkbar.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 14. Oktober 2021 um 22:15 Uhr.