Eine Freiwillige schneidet die Zweige einer Latsche zurück. | BR/Fuß
mittendrin

Projekt bei Bayrischzell Schwenden für Almerhalt und Artenschutz

Stand: 04.10.2021 17:09 Uhr

Dass in den Alpen Bäume und Sträucher wachsen, klingt nach gesunder Natur. Doch wenn das Wachstum zu üppig ausfällt, sind die Almen bedroht. Freiwillige helfen deshalb beim Schwenden - dem Fällen für den Naturschutz.

Von Barbara Fuß, BR

Herbst ist Schwendzeit. Wenn die Jungrinder, Milchkühe, Ziegen und Schafe von den Almen getrieben sind, dann ist die richtige Zeit, um die Almflächen von Latschen und Sträuchern zu befreien, damit sie nicht zuwuchern. Das nennen die Bauern "schwenden". Und da die Almbauern immer weniger Zeit für diese harte Arbeit haben, gibt es mittlerweile Freiwillige, die ihnen unter die Arme greifen.

Aus gutem Grund: Denn die offenen Almflächen, die so typisch sind für die Alpenregionen, sind ein wichtiger Lebensraum für viele bedrohte Arten, wie etwa das Birkhuhn.

Motorsäge statt Mountainbike

An diesem Wochenende hat der Gebietsbeauftragte des oberbayerischen Mangfallgebirges, Florian Bossert, Freiwillige der Münchner Bergwacht und des Münchner Alpenvereins zusammengetrommelt.

Sie wollen eine Schneise zwischen zwei Weideflächen unterhalb der Aiplspitz freilegen, denn die Ziegen und Jungrinder, die hier vom Frühjahr bis in den Herbst grasen, kommen kaum noch zur hinteren Weide durch. Sie droht, sich in eine Graswüste zu verwandeln und nach und nach zuzuwachsen - wie bereits auf der Fläche zwischen den beiden Weiden geschehen. Die Latschen haben sich den Raum zwischen den beiden Flächen über die vergangenen Jahrzehnte zurückerobert.

Florian Bossert, Gebietsbetreuer "Mangfallgebirge" beim Landkreis Miesbach | BR/Fuß

Florian Bossert, Gebietsbetreuer "Mangfallgebirge" beim Landkreis Miesbach Bild: BR/Fuß

Knapp 30 Leute sind gekommen. Mit Motorsägen und Astscheren legen die freiwilligen Helfer den Verbindungsweg nach und nach frei. Bereits im vergangenen Jahr haben Freiwillige mit der Schneise für die Tiere begonnen. Die Arbeit ist hart. Was die Gruppen zusammen an drei Wochenenden schaffen, dafür würden die Almbauern fünf Jahre brauchen. Sie können ja immer nur im Herbst schwenden, da während der Vogelbrutzeit keine Störungen zugelassen sind.

Klimaerwärmung lässt Pflanzen stärker wachsen

Im Gebirge ist von 1960 bis 1991 vor allem im Sommerhalbjahr die Durchschnittstemperatur um etwa 1,6 Grad Celsius gestiegen. Die Vegetationsphase startet bereits drei Wochen früher. Das bedeutet, dass das Futterangebot auf den Almweideflächen größer wird. Da aber trotzdem nicht mehr Vieh nach oben getrieben wird, schaffen es die Tiere nicht, die Flächen abzugrasen und damit die Weiden offen zu halten.

Fazit: Bei Unterbeweidung setzt eine Wiederbewaldung der Fläche ein. So sind in den vergangenen zehn Jahren zirka 1800 Hektar Almfläche verloren gegangen. Das entspricht etwa einer Fläche von 64 Almen, rechnet Weidespezialist Siegfried Steinberger von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft vor.

Das Birkhuhn braucht Platz

Doch die offenen Flächen sind wichtig: fürs Vieh, aber auch für viele seltene Pflanzen, Insekten und für vom Aussterben bedrohte Wildtiere. Wie eben das Birkhuhn, das als Beispiel für viele andere bedrohte Arten steht. Es braucht die halboffenen, strukturreichen Flächen für seine Balz und um Insekten für den Nachwuchs zu finden.

Wo es verschwindet, weil die Offenflächen zuwachsen, da geht die Biodiversität im Allgemeinen zurück. Um das zu verhindern, setzt Florian Bossert als Gebietsbetreuer für Natur- und Artenschutz im Mangfallgebirge auf die Hilfe der Freiwilligen.

Florian Bossert mit einer Gruppe Freiwilliger | BR / Fuß

Florian Bossert erklärt den Freiwilligen, welche Bereiche geschwendet werden sollen. Bild: BR / Fuß

Spaß beim Schwenden

Und die machen gerne mit - nicht nur wegen des Birkhuhns. Sie wollen die offene Kulturlandschaft auch so erhalten, wie sie sie kennen. Mit Almhütten, auf denen es Milch, Limo und Bier gibt. Und mit den Weideflächen, die das Landschaftsbild interessanter gestalten, wenn man in den bayerischen Bergen unterwegs ist. Und letztlich haben alle Teilnehmer gesagt, dass es Spaß macht, auch wenn das Schwenden harte Arbeit ist.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. Oktober 2021 um 22:15 Uhr.