Eine Gruppe sitzt im Kreis vor einer Flipcharttafel. | Lucretia Gather/SWR
mittendrin

Psychische Erkrankungen Angst - "wie auf dem Zehn-Meter-Brett"

Stand: 19.11.2021 14:46 Uhr

Psychische Erkrankungen haben in der Pandemie zugenommen. Etwa 18 Millionen Menschen sind in Deutschland betroffen. Eine Patientin berichtet über ihre Panik, die seit Corona ausgelöst wird, wenn sie anderen begegnet.

Von Lucretia Gather, SWR

Miriam Berg hat Angst, Angst vor der Begegnung mit Menschen - und vor Ansteckung mit Krankheitserregern. Seit eineinhalb Jahren kann die junge Frau wegen ihrer Erkrankung keinen normalen Alltag führen und nicht mehr arbeiten, obwohl sie ihren Job als Erzieherin liebt.

Lucretia Gather

"Bevor ich hier in die Klinik kam, habe ich kaum mehr das Haus verlassen", erzählt Berg. Zum Einkaufen habe sie sich einmal in der Woche gequält, Freunde und Familie habe sie gar nicht mehr getroffen.

Monatelang allein gekämpft

Schon die Begegnung mit drei oder vier Personen löste heftige Panik bei ihr aus. "Man weiß, dass die Angst irrational ist, aber trotzdem geht es nicht. Es fühlt sich an, wie auf dem Zehn-Meter-Brett zu stehen und nicht runterspringen zu können", beschreibt Berg ihre Gefühle.

Monate vergingen, in denen sie allein gegen ihre Angst ankämpfte. Schließlich bekam sie vor etwa vier Monaten einen Platz in der Rheinhessen-Fachklinik in Alzey bei Mainz. Die Klinik ist ein Behandlungszentrum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neurologie. Miriam Berg wird in der Tagesklinik behandelt. Das bedeutet: Die Tage verbringt sie in der Klinik, abends geht sie nach Hause.

Die Patienten in der Tagesklinik haben ganz verschiedene psychische Erkrankungen: Depressionen, Ängste, Suchterkrankungen, Ess- oder Zwangsstörungen. Chefarzt der akutpsychiatrischen Abteilung der Rheinhessen-Fachklinik ist Christoph Gerth. "Psychische Erkrankungen sind häufig und in der Regel gut behandelbar. Es ist wichtig, dass sich Betroffene rechtzeitig professionelle Hilfe suchen", sagt der Mediziner. Die Therapieprogramme seien immer "multimodal" angelegt, also eine Kombination aus medikamentöser Therapie, Psychotherapie und zusätzlichen Angeboten wie beispielsweise Gruppen- oder Ergotherapie.  

Miriam Berg | Lucretia Gather/SWR

Die Angst sei irrational, "aber trotzdem geht es nicht", sagt Miriam Berg. Bild: Lucretia Gather/SWR

Die Angst aushalten lernen

Auch Miriam Berg nimmt in der Tagesklinik an ergotherapeutischen Angeboten teil. Dort hat sie das Zeichnen für sich entdeckt: "Das Zeichnen tut gut, weil ich zur Ruhe komme. Meine Gedanken kreisen nicht mehr so und meine Anspannung reduziert sich."

Zur Behandlung von Berg gehören außerdem regelmäßige Gespräche mit Ärzten und Psychotherapeuten sowie Gruppentherapie. Anfangs fiel es ihr schwer, an diesen Gruppen teilzunehmen. Inzwischen schätzt sie den Austausch mit den anderen Patienten. In der Gruppentherapie lernt sie unter anderem, wie sie ihre Gefühle besser steuern und ihre Angst aushalten kann.

Gesellschaftliche Akzeptanz statt Stigmatisierung

"Das Positive an gruppentherapeutischen Sitzungen ist, dass die Patienten auch von den Erfahrungen der anderen profitieren können und sich verstanden fühlen. Wenn man psychisch krank ist, fühlt man sich oft einsam und gesellschaftlich nicht akzeptiert - hier sieht man, dass man mit seiner Krankheit nicht alleine auf der Welt ist", erläutert Sabine Böseler, Fachkrankenschwester für Psychiatrie.

Chefarzt Gerth wünscht sich, dass die Gesellschaft offener mit psychischen Krankheiten umgeht. "Eine psychiatrische Erkrankung kann jeden treffen. Und sie muss behandelt werden, ganz genauso wie körperliche Erkrankungen auch. Ich wünsche mir, dass Menschen mit psychiatrischen Krankheiten nicht stigmatisiert werden. Leider ist das immer noch häufig der Fall."

Pandemie verstärkt Ängste und Depressionen

Gerade in der Corona-Pandemie habe die Zahl der Menschen, die psychisch erkranken, zugenommen, sagt Gerth. Das bestätigt auch eine breit angelegte Analyse des Leipniz-Instituts für Resilienzforschung der Universität Mainz. Danach hat die Pandemie vor allem Depressionen und Ängste verstärkt.

Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) Angststörungen, Depressionen und Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Für die 18 Millionen Betroffenen und ihre Angehörigen sei eine psychische Erkrankung oft mit viel Leid verbunden und führe zu starken Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben.

Zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen

Dazu kämen volkswirtschaftliche Auswirkungen: Nach Angaben der DGPPN sind psychische Erkrankungen die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen. Und der häufigste Grund für Frühverrentungen. Die Experten gehen davon aus, dass die direkten und indirekten Kosten, die dadurch entstehen, in Zukunft noch weiter ansteigen werden.

"Wir sind keine Monster"

Miriam Berg ist froh, in der Rheinhessen-Fachklinik behandelt zu werden. Nach vier Monaten in der Tagesklinik hofft sie, irgendwann wieder in ihren Beruf als Erzieherin zurückkehren zu können - oder in einen anderen Berufsalltag.

Und sie wünscht sich, dass ihre Krankheit besser akzeptiert wird und sich psychisch Kranke nicht verstecken müssen: "Wir sind hier in der Tagesklinik auch nicht den ganzen Tag zu Tode betrübt. Wir lachen auch zusammen und haben viele gute Tage gemeinsam. Wir sind ganz normale Menschen - und keine Monster."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. November 2021 um 21:45 Uhr.