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Ausbildung von Polizeibeamten Auf alles vorbereitet?

Stand: 31.07.2022 13:30 Uhr

An der Polizeischule Rheinland-Pfalz werden Anwärter auf ihren Dienst vorbereitet - und auf die steigende Gewaltbereitschaft gegenüber den Beamten. Ein Restrisiko aber bleibt, wie die Polizistenmorde von Kusel zeigen.

Von Lucretia Gather, SWR

"Stehen bleiben oder ich schieße!" Polizeianwärterin Alina Heib zückt in Sekundenschnelle ihre Waffe, steckt sie zurück in den Holster an ihrer Hüfte und läuft weiter. "Stehen bleiben oder ich schlage!" Jetzt zieht sie den Schlagstock aus der Halterung an ihrem Körper. Unzählige Male wiederholen die Studierenden die immer gleichen Bewegungsabläufe. Es ist früher Vormittag an der Polizeihochschule im rheinland-pfälzischen Büchenbeuren. Auf dem Stundenplan steht "Einsatztraining", draußen auf dem Sportplatz.

Lucretia Gather

Während 15 Polizeianwärterinnen und -anwärter in Uniform im Kreis laufen, gibt Trainerin Eva Lang in der Mitte lautstark Anweisungen. "Die Studierenden sollen üben, das richtige Einsatzmittel zu ziehen - und zwar vor allem schnell", erläutert Lang.

Besonders wichtig seien dabei die vielen Wiederholungen, denn: "Das gibt Routine und die verleiht Sicherheit. Denn wenn ich angegriffen werde, dann kann ich nicht lange überlegen, wo meine Waffe ist und ob ich sie wirklich ziehe."

Alina Heib | Lucrecia Gather

Die 20-jährige Alina Heib ist eine von rund 1600 Studierenden der Polizeihochschule in Rheinland-Pfalz Bild: Lucrecia Gather

"Verantwortung für die Gesellschaft"

Der Bachelorstudiengang Polizeidienst an der Hochschule im Hunsrück dauert drei Jahre. Aktuell werden dort 1600 Studierende zu Polizeikommissaren und -kommissarinnen ausgebildet.

Heib ist 20 Jahre alt und im zweiten Studienjahr. Noch vor dem Abitur hatte sie sich an der Schule beworben. Polizistin zu werden, das war schon immer ihr Traum, erzählt sie. Vielfältig, spannend, herausfordernd sei der Beruf, und: "Man übernimmt Verantwortung für die Gesellschaft und sorgt für Sicherheit und Recht und Ordnung, das finde ich wichtig."

Vorbereitung auf Ausnahmesituationen

Während der drei Jahre Studienzeit sind Theorie und Praxis eng verzahnt. "Die künftigen Polizeikommissarinnen werden interdisziplinär auf eine bürgernahe Polizeiarbeit vorbereitet", sagt Sabine Schmitt-Bauer, Sprecherin der Hochschule.

Zu den Inhalten des theoretischen Teils der Ausbildung gehören juristische Grundlagen wie Strafrecht oder Verkehrsrecht, das Erlernen kriminaltechnischer Methoden, aber auch Fächer wie Psychologie.

Frank Hallenberger ist Psychologiedirektor an der Hochschule und Leiter des Kriseninterventionsteams. "Polizeibeamte sind immer wieder mit Menschen konfrontiert, die sich in emotionalen Ausnahmesituationen befinden und aggressiv oder provokativ handeln", sagt Hallenberger. 

Im Verlauf des Studiums lernen die Studierenden Techniken, mit denen sie solche Stresssituationen deeskalieren können. Und sie lernen, auch mit ihren eigenen Gefühlen in solchen Lagen umzugehen. Häufig könnten aufgeheizte Situation verbal entspannt werden. Aber immer wieder kämen Polizeibeamte auch in die Lage, selbst Gewalt anwenden zu müssen - auch zu ihrer eigenen Verteidigung.

Gewalt gegen Polizeibeamte nimmt zu

Denn: Angriffe gegen Polizeibeamte nehmen bundesweit zu. Im Jahr 2020 erlebten fast 85.000 Polizistinnen und Polizisten Gewalt - rund sechs Prozent mehr als im Jahr zuvor. Dazu zählen nach einer Statistik des Bundeskriminalamts körperliche Angriffe. Hinzu kommen Beschimpfungen, Beleidigungen, Nötigung oder Widerstand.

Der Großteil der Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten - 84,5, Prozent - werde von Männern verübt, mehr als jeder zweite Täter habe unter Alkoholeinfluss gestanden. In einer Stellungnahme des Bundeskriminalamtes heißt es, es sei eine gesellschaftliche Aufgabe, diese Entwicklung aufzuhalten: "Angriffe auf Repräsentanten des Staates sind zu verurteilen."

Auf einem Sportplatz trainieren Polizeischüler:innen. | Lucrecia Gather

Zur Ausbildung der angehenden Polizeibeamten gehört neben körperlicher Fitness auch der Umgang mit Stresssituationen. Bild: Lucrecia Gather

Betroffenheit nach Polizistenmord in Kusel

Für die Studierenden an der Polizeihochschule in Rheinland-Pfalz ist dieses Thema besonders präsent. Vor wenigen Monaten erst, im Januar dieses Jahres, starben ein junger Polizeibeamter und eine Polizeianwärterin im Einsatz - erschossen bei einer Routinekontrolle im pfälzischen Kusel. Beide haben hier an der Hochschule studiert.

"Das beschäftigt uns bis heute", sagt Psychologiedirektor Hallenberger. "Die erschossene Kollegin war noch aktive Studierende hier bei uns, viele kannten sie persönlich, und so ein außerordentliches Ereignis lässt niemanden kalt."

Es sei auch seine Aufgabe, den jungen Polizeianwärterinnen mögliche Ängste vor ihrem Dienst zu nehmen und ihnen zu helfen, innerlich Abstand zu den Dingen zu behalten, die sie täglich "draußen" erleben werden. "Resilienz, also psychische Widerstandskraft, ist für angehende Polizeibeamte sehr wichtig," meint der Psychologe. Schon bei der Auswahl der Studierenden werde darauf geachtet, ob der junge Mensch, der sich bewirbt, eine stabile Persönlichkeit aufweise und emotional und sozial geeignet sei. 

Hoher Stellenwert: körperliche Fitness

Hinzu kommt die körperliche Eignung, denn Sport spielt eine extrem wichtige Rolle in der Polizeiausbildung. Tägliches Training gehört für die angehenden Polizisten dazu, denn: "Kraft und Ausdauer sind in dem Job überlebenswichtig", erläutert Sporttrainer Dennis Laux. 

Während Heib einen Hindernisparcour auf dem Sportplatz absolviert, erklärt der Sportwissenschaftler, dass körperliche Fitness auch Sicherheit für den Einsatz auf der Straße verleiht. "Sie müssen sich hundertprozentig darauf verlassen können, dass ihr Partner ihnen in Stresssituationen, etwa bei einer Verfolgungsjagd, helfen kann und körperlich dazu in der Lage ist."

"Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht"

Heib hat gerade zehn Liegestütze gemacht, danach rennt sie im Zickzack durch einen Autoreifen-Parcour. "Vor allem für uns Frauen ist es enorm wichtig, fit zu sein, weil unser Gegenüber meistens um einiges stärker ist und körperlich mehr gegen uns einzusetzen hat."

In einem Jahr wird Heib die Polizeihochschule verlassen. Und als Polizeikommissarin zunächst bei der Bereitschaftspolizei eingesetzt oder im Streifendienst. Sie freue sich auf den Dienst, sagt sie. Angst habe sie nicht: "Wir sind gut auf alles vorbereitet, was uns im Einsatz erwarten kann. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Es kann immer auch etwas Unvorhergesehenes passieren."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 31. Juli 2022 um 22:45 Uhr.