Patrick und Anne Dawah
mittendrin

Multikulti in Bayern Ihr Roding ist vielfältiger geworden

Stand: 03.11.2021 13:20 Uhr

Im bayerischen Roding haben viele internationale Unternehmen einen Standort. Menschen aus 84 Nationen leben in dem malerischen Ort. Und Integration ist nicht nur ein Schlagwort.

Von Rudolf Heinz, BR

Es fehlen nur noch die Alpen, dann wäre das Bayern-Klischee zu hundert Prozent erfüllt: Ganz im Osten des Freistaats, kurz vor der tschechischen Grenze, liegt idyllisch am Ufer des Flusses Regen die Stadt Roding. Es gibt kleine, verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster, und der Milchwagen fährt auch jeden Tag durch den Ort.

Wenn man aber in die Gesichter der Bürger sieht, erkennt man, dass die Stadt bunt und vielfältig ist: Gut zehn Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund. Asien, Afrika, Indien - die Neubürger kommen aus der ganzen Welt. Dass keine kulturellen Gräben entstehen, dafür sorgt unter anderem der MultiKulti-Integrationsverein.

Stadtansicht Rodingen

Die Alpen sind zwar Hunderte Kilometer entfernt - abgesehen davon erfüllt das malerische Roding aber jedes Klischee eines bayerischen Dorfidylls.

Industrie brachte Veränderung

Der Hauptgrund, warum so viele Menschen aus anderen Kulturen in Roding leben, sind moderne Unternehmen. Aus der kleinen Stadt, die früher höchstens als Bundeswehrstandort bekannt war, ist ein internationaler Industriestandort mit 8000 Arbeitsplätzen geworden. Durch Firmen wie den Autozulieferer Continental, den Chip-Maschinenhersteller Mühlbauer oder das Technologie-Unternehmen Roding-Automobile kamen und kommen internationale Arbeiter aus dem Ausland in die Region.

Anne und Patrick Dawah gehören dazu. Das Ehepaar aus Kamerun ist vor zehn Jahren nach Roding gezogen und geblieben. Er arbeitet als Ingenieur bei einem Autozulieferer, sie ist Dozentin an der örtlichen Volkshochschule. Beide fühlen sich mittlerweile heimisch in der Region und haben viele Freunde gefunden.

Alltagsrassismus beim Einkaufen

Doch der Weg bis hierhin war nicht einfach. Anne erinnert sich an ihre ersten Begegnungen in der Stadt. Immer, wenn sie an der Kasse eines Drogeriemarktes stand, musste sie ihren Ausweis vorzeigen. Eines Tages sprach sie die Verkäuferin darauf an. "Ihr schwarzen Frauen bezahlt immer mit der Bankkarte eurer Männer", soll die Aussage der Verkäuferin gewesen sein.

Heute engagiert sich das Ehepaar Dawah auch politisch, in der CSU. Sie gehen regelmäßig zum Stammtisch und sind seit ein paar Jahren ordentliche Parteimitglieder. Anne hat sich 2020, bei der letzten Kommunalwahl, sogar als Kandidatin für den Rodinger Stadtrat aufstellen lassen. Jedoch ohne Erfolg, sie erhielt nicht die benötigte Stimmenzahl.

CSU Stammtisch in Rodingen

Das Ehepaar Dawah beim CSU-Stammtisch: Anne kandidierte sogar schon bei der Kommunalwahl.

Integration hört nie auf

Patrick und Anne wollen etwas verändern. Schon 2013, kurz nach ihrem Umzug in die Oberpfalz, gründeten sie den Multikulti-Integrationsverein. Ein Verein, der die vielen Nationen in der Stadt zusammenbringen und kulturelle Barrieren abbauen möchte. Fast 90 Mitglieder aus 14 Nationen hat er bereits.

Unter anderem wird einmal im Monat gemeinsam im Verein gekocht, es gibt internationale Küche. Für Patrick Dawah ist das der ideale Ort, um Menschen zusammenzubringen. Beim Kochen denke niemand darüber nach, wer gerade neben einem stehe und welche Hautfarbe er habe. "An einem Kochabend kann es schon mal passieren, dass über 20 Nationen gemeinsam am Herd stehen", erzählt Anne.

Kulinarischer Abend in Rodingen

Einmal pro Monat veranstaltet der Integrationsverein einen Kochabend - ...

Die Bewohner Rodingens treffen sich zu einem Kochabend.

... niemand denke dabei über Hautfarben nach, sagt Patrick Dawah.

Herausforderungen in der Schule

Integration fängt aber schon im Kindergarten und in der Schule an, da ist sich Rodings Bürgermeisterin Alexandra Riedl von den Freien Wählern sicher. An der Grund- und Mittelschule sind 665 Schüler, gut 40 Prozent davon haben einen Migrationshintergrund.

Von sich aus organisiert die Schule klassenübergreifende Integrationsprojekte. Auch kostenlose Deutsch- und Elternkurse werden für Eltern mit Migrationshintergrund angeboten. Doch in Sachen Bildung, sagt die Bürgermeisterin, seien ihr die Hände gebunden - das sei Ländersache.

Sie wirbt aber für die Vereine im Ort. Ihrer Meinung nach sollten Neubürger immer Mitglied in einem Verein werden. Nur so, glaubt sie, könnten Barrieren schnell abgebaut und neue, kulturelle Brücken gebaut werden.

Ein Beispiel dafür sind die Sportvereine im Stadtgebiet. In Fußballmannschaften kicken mittlerweile die unterschiedlichsten Nationen. Einige Fußballvereine könnten ohne diese Mitglieder den Spielbetrieb nicht mehr aufrechterhalten.

Neue Firmen haben sich angekündigt

Der Industriestandort Roding ist begehrt, auch wenn der Autozulieferer Continental sein Werk dort bis 2024 schließen möchte. Das Gebäude wird aber nicht leer stehen, und ein Großteil der 500 Beschäftigten wird hier weiterarbeiten können. Ein großes Softwareunternehmen hat die Übernahme des Werks bereits angekündigt. Weitere Firmen wollen sich in Zukunft hier niederlassen, doch das Industriegebiet ist schon jetzt voll. Der Stadtrat hat deshalb die Erweiterung vor wenigen Wochen beschlossen.

Der Zuzug vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer macht sich auch auf dem Immobilienmarkt in und um Roding bemerkbar. Ein vor kurzem neu erschlossenes Baugebiet war innerhalb weniger Wochen ausverkauft.

Ein Zeichen, dass die Menschen in Roding nicht nur arbeiten, sondern auch leben wollen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 03. November 2021 um 22:15 Uhr.