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Medizin-Zentren gegen die Landflucht Es tut sich was in Kirtorf

Stand: 25.10.2022 13:47 Uhr

Zu wenige Ärzte, immer ältere Menschen - viele ländliche Regionen leiden unter dieser Entwicklung und verlieren damit an Attraktivität. Kirtorf in Hessen will nun mit einem neuen medizinischen Zentrum wieder Leben in den Ort bringen.

Von Joscha Bartlitz, hr      

Durch die Hauptstraße der kleinen Stadt im Vogelsbergkreis mit seinen gut 3000 Einwohnern rollen schwere Bagger, direkt neben dem historischen Marktplatz. Kräne überragen die - für die beschaulichen Verhältnisse hier - riesige Baustelle. Es tut sich sichtbar etwas in Kirtorf. Und das ist auch dringend nötig. Denn in den Jahren zwischen 2000 und 2017 sank die Bewohnerzahl hier stetig. Viele jüngere Menschen fanden keine Arbeit und wollten hier nicht mehr bleiben. Sie verließen ihr Dorf, das offiziell als Landstadt gilt, weil der Ortskern immer weiter verwahrloste.

Ein kleiner Ort kämpft ums Überleben

"Das ist bedrückend", findet auch Karsten Jost, der in genau dieser Straße in Kirtorf aufgewachsen ist. "Wenn man über Jahrzehnte an verfallenden, leeren Fachwerkhäusern vorbeigeht, ist das nicht schön", sagt der 50-Jährige, der sich hier als Stadtverordneter seit Jahren engagiert: "Wir haben uns sowohl die Altersstruktur als auch die Besitzerstruktur der Häuser hier angeschaut und gesehen, dass die Mitte des Ortes im Grunde tot ist", sagt Jost mit sorgenvollem Blick. Er spricht von "wesentlichen Grundproblemen auf dem Land" - und meint damit neben Infrastrukturproblemen auch das "Landärztesterben", das Kirtorf genau wie vielen anderen kleine Gemeinden in Deutschland große Sorgen macht.

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Verfallene, leere Fachwerkhäuser: Wie viele kleine Gemeinden leidet auch Kirtorf in Hessen unter Landflucht.

In Kirtorf gibt es eine einzige Hausarztpraxis mit vier Ärzten und zwei Assistenzärzten. Sie behandeln gemeinsam mehr als 4000 Patienten pro Quartal, die nicht nur aus dem Ort selbst, sondern auch aus den umliegenden 20 Nachbardörfern kommen. Das Einzugsgebiet hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter ausgedehnt. "Irgendwann sind wir an unsere Grenzen gekommen", sagt Allgemeinmediziner Michael Buff. Die Ärzteversorgung in Kirtorf ist zwar insgesamt noch gut. Doch die Gemeinschaftspraxis, in der Buff arbeitet, ist fast immer überfüllt - er und seine Kolleginnen und Kollegen sind dauergestresst. Es fehlt vor allem an mehr Platz, um sich auch personell vergrößern zu können. Die infektiösen Patienten sind hier schon ausquartiert worden - als eine Art Notlösung müssen sie in einem blauen Baucontainer auf dem Hof der Praxis behandelt werden. "Es musste irgendwas passieren", resümiert Hausarzt Buff. Denn die Ärzteversorgung sei für die Menschen hier ein Kernthema.

Medizinisches Zentrum als Neuanfang

2016 entstand in Kirtorf die Idee, mitten im Ortskern mit einem Großprojekt der negativen Entwicklung entgegenzusteuern. "Entweder man nimmt es so hin, dass man immer weniger Einwohner hat und immer uninteressanter wird. Oder man sagt: wir wollen etwas unternehmen", blickt der heutige Bürgermeister von Kirtorf, Andreas Fey, zurück.

Seine Gemeinde entscheidet sich dafür, aktiv zu werden und bringt dafür ein "Leuchtturmprojekt", wie er es nennt, auf mehr als 5000 Quadratmetern auf den Weg. Ein echter Neuanfang. Der Schlüssel dafür soll ein neues medizinisches Zentrum sein, das die dauerhafte Ärzteversorgung im Dorf und im Umland sicherstellen soll.

Zwischen Projektstart und Realisierung liegen zwar bereits sechs Jahre, doch mittlerweile stehen die ersten Rohbauten. In zwei der insgesamt sieben teils sanierten, teils neu errichteten Gebäude, ist schon im kommenden Jahr unter anderem der Einzug von Haus- und Fachärzten, einer Physiotherapie-Praxis, einer Intensivpflegeeinrichtung und einer Apotheke geplant. Dazu kommen Cafés, Coworking-Büroräume und auch neuer Wohnraum. Sprich: eine komplett neue Infrastruktur für die Innenstadt.

Ärztliche Versorgung als Grundbaustein auf dem Dorf

"Damit wird jetzt ein Leerstand wieder aktiviert, das ist eine ganz tolle Geschichte", freut sich auch Mediziner Buff, der mit seinen Kollegen eine ganze Etage in einem der beiden Häuser des neuen medizinischen Zentrums von Kirtorf beziehen wird. Statt wie bisher 200 Quadratmeter, wird es für die Hausärzte so künftig 360 Quadratmeter Platz geben. "Die ärztliche Versorgung ist ein Grundbaustein für eine funktionierende gesellschaftliche Struktur auch hier in Kirtorf", so Buff.

Und auch beim Stadtverordneten Karsten Jost ist die Freude groß: "Das verändert erst einmal grundsätzlich die Versorgungssituation", während das Gesundheitsangebot gleichzeitig deutlich ausgeweitet werden könne. Außerdem ändere sich die langfristige Perspektive, denn so könne etwa die Kirtorfer Hausarztpraxis auf Dauer erhalten werden - auch, wenn Hausarzt Buff und seine Kollegen einmal in Rente sein werden. "Nachwuchsärzte sind eher bereit, in so einem Zentrum in eine Praxis reinzugehen als im Vergleich zu den alten Strukturen", ist sich Jost sicher und erhält dafür Zustimmung von Hausarzt Buff. Und ebenso wichtig: Das Zentrum soll hier viele neue Arbeitsplätze schaffen, an denen es zuletzt mangelte.

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Großbaustelle im Ortskern: Mit dem medizinischen Zentrum will der Ort attraktiver werden für Kirtorfer und solche, die es vielleicht werden wollen.

Das Konzept der so genannte "Medzentren" mit ganzheitlichen Konzepten, bei denen unter anderem Ärzte, Physiotherapeuten und Gesundheitsstudios eng zusammenarbeiten, setzt sich auch andernorts durch und wird nicht nur in Kirtorf zum Herzstück für die Wiederbelebung ländlicher Orte. 43 dieser Zentren gibt es bereits deutschlandweit, weitere zwölf sind derzeit im Bau, darunter auch der Standort Kirtorf. "Wir haben eine alternde, tendenziell morbidere Gesellschaft, die wir mit weniger ärztlicher Arbeitskraft versorgen müssen", erklärt Alexander Bechtler, Initiator des Medzentrum-Konzepts. Medizinisches Personal, allen voran Ärzte, würden sich zunehmend lieber anstellen lassen als sich selbst mit einer Praxis selbstständig zu machen. Daher brauche es entlastende Einrichtungen - "und die können wir nur in solchen Ärzte- und Gesundheitszentren schaffen", so Bechtler. Dies sei für ihn die "Praxisstruktur der Zukunft".

Beispielhaft für kriselnde Kommunen

Kirtorf investiert für sein gesamtes Infrastrukturprojekt über 20 Millionen Euro. Möglich ist das nur mit Hilfe privater Investoren und einer Förderung durch das Dorfentwicklungsprogramm des Landes Hessen in Höhe von 2,7 Millionen Euro. Die kleine Kommune selbst bezahlt 5,5 Millionen Euro. Auch wenn Bürgermeister Fey das ganze als "ein bürokratisches Monster, das uns sehr zu schaffen macht", bezeichnet, betont er auch, dass es sich lohne. Die Einwohnerzahl sei bereits wieder gestiegen. "Wir wollen wieder bedeutsam und für unsere Mitbürger und junge Familien attraktiv sein", unterstreicht Fey. Hier könne Kirtorf auch anderen ländlichen Kommunen als Beispiel dienen.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 20. Oktober 2022 um 22:15 Uhr.