Mainz: Der Hauptsitz des Biotechnologie-Unternehmens Biontech | picture alliance/dpa
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Mainz und BioNTech Geldsegen aus der Goldgrube

Stand: 24.01.2022 14:36 Uhr

Das sonst so arme Mainz hat wegen des BioNTech-Erfolgs plötzlich sehr viel Geld. Jetzt geht es nicht mehr wie früher um die Kosten für Brunnenwasser - sondern um Pläne für einen bedeutenden Biotech-Standort.

Von Axel John, SWR

An einer ziemlich heruntergekommenen Mainzer Durchfahrtsstraße hat das deutsche Vorzeigeunternehmen seinen Sitz: BioNTech. Wegen seiner Impfstoff-Milliardengewinne ist die Firma mit Adresse An der Goldgrube 12 auch die neue Geldquelle der Stadt.

Axel John

Deshalb soll sich hier bald einiges tun: Schon jetzt baut BioNTech seinen Hauptsitz aus. Direkt dahinter steht eine Bundeswehrkaserne - noch. Auf dem Zwölf-Hektar-Gelände plant die Stadt ein Großprojekt.

Campus soll kommen

Oberbürgermeister Michael Ebling von der SPD geht über das Kasernengelände, deutet immer wieder auf bestimmte Abschnitte und erklärt dabei das Projekt. Nach dem Auszug der Bundeswehr im kommenden Jahr plant Mainz hier einen Campus für Medizinunternehmen. "Wir haben im Moment das Glück, so etwas wie die Apotheke der Welt geworden zu sein durch die Firma BioNTtech", sagt er. Man wolle aber auch ein international sichtbarer Biotech-Hub werden. Dann könne man in Mainz auch andere Firmen ansiedeln.

Namen will Ebling noch nicht preisgeben. Aber er freue sich schon, dass es noch dieses Jahr den Spatenstich einer Firma geben werde, die noch nicht in der Stadt sei.

Bürgermeister von Mainz | SWR

Beflügelt von dem BioNTech-Erfolg hat der Mainzer Bürgermeister Ebling große Pläne für seine bislang eher arme Stadt. Bild: SWR

"Brutkästen für die nächsten Ideen"

Auch an anderen Stellen der Stadt sollen Flächen für Firmen erschlossen werden. Die Stadt möchte aber auch gezielt Gründer unterstützen. Man brauche Laborflächen - gerade für Startups und Forscher, die noch in der Universitätsmedizin Mainz seien und ausgründen wollten, sagt der Bürgermeister. Das müsse man baulich schnell vorantreiben: "Wir wollen Brutkästen schaffen für die nächsten Ideen."

Auf 5000 zusätzliche Jobs hofft die Stadt in den kommenden Jahren. Um Mainz als Standort attraktiver zu machen, hat sie zudem den Gewerbesteuersatz deutlich gesenkt.

Inzwischen kann sie sich das auch leisten: Wegen des BioNTech-Erfolgs kam gut eine Milliarde Euro in die Stadtkasse. Bislang hatten die jährlichen Einnahmen bei der Gewerbesteuer bei rund 170 Millionen Euro gelegen. In diesem Jahr aber plant Mainz mit einer halben Milliarde an Einnahmen.

Interessenten in den Startlöchern

Einen guten Kilometer weiter hat die Firma KHR Biotec ihren Sitz. Die Firma wurde erst im vergangenen Sommer aus der Universitätsmedizin ausgegründet. So hatte es BioNTech vor Jahren auch gemacht.

Krishnaraj Rajalingam ist der Firmenchef. Mit seinem kleinen Team erforscht er ein bestimmtes Tumor-Gen. Rajalingam ist auf der Suche nach weiteren Spezialisten. Der Krebsforscher deutet in das kleine Labor, das kaum mehr als 30 Quadratmeter groß ist: "Wir haben hier nur Platz für sechs bis sieben Kollegen. Wir wollen aber auf mehr als zehn Mitarbeiter wachsen. Dafür benötigen wir dringend größere Labore."

Private Investoren finanzieren derzeit die Forschung der Firma. Jetzt hofft Rajalingam auf einen Boom durch BioNTech. "Bei Mainz dachte man bislang an Johannes Gutenberg. Jetzt ist es BioNTech. Mainz hat einen Markennamen. Dieser Erfolg bringt die Kooperation unserer Firma mit anderen voran."

Mitarbeiter des Biontech Labors sitzen an einem Computer. | SWR

Auch Biotech-Unternehmer Rajalingam hofft darauf, vom neuen Image seiner Stadt zu profitieren. Bild: SWR

Neue BioNTech-Produktionsstätte bald fertig

BioNTech treibt in Mainz auch weitere Projekte voran. Derzeit wird eine Produktionsstätte für die RNA-basierte Krebstherapie gebaut. Das Unternehmen plant hier künftig auf 16.000 Quadratmetern mehr als 10.000 Chargen Krebsimpfstoff zu produzieren. BioNTech kehrt damit nach seinem Ausflug zu den Corona-Vakzinen zu seinen eigentlichen Wurzeln zurück.

Ulrich Förstermann ist der wissenschaftliche Vorstand der Universitätsmedizin. Er kennt die beiden BioNTech-Gründer gut und beobachtet die Entwicklung genau. "Das wird auch noch die eine oder andere Hürde bedeuten. Wir hoffen sehr, dass das am Ende erfolgreich ist. Und wenn das erfolgreich ist, dann ist das ein Quantensprung für die Menschheit und die Krebstherapie."

Die Baustelle der Produktionsstätte für eine Krebstherapie von Biontech ist im Abendlicht zu sehen. | SWR

Hier will BioNTech auf 16.000 Quadratmeternn neuartige Krebsimpfstoffe herstellen. Bild: SWR

Förstermann erzählt, dass es zuletzt deutlich einfacher geworden sei, Spezialisten aus den USA für Mainz zu begeistern. Das sei bis vor kurzem unmöglich gewesen. Auch die Personalplanungen für den Biotech-Hub liefen bereits. Ein neues Netzwerk aus Wirtschaft und Wissenschaft könne entstehen. Allein BioNTech plant seine Mitarbeiterzahl in Mainz auf bis 4.000 fast zu verdoppeln und eine Milliarde Euro zu investieren.

Wo sieht Förstermann Mainz in 15 Jahren? "Ich bin recht zuversichtlich, dass man sagt: In Mainz, da ist etwas ganz Besonderes entstanden in den Anfängen der 2020er-Jahre", wagt er einen Ausblick.

Wie klug investieren?

Mainz hat über die Jahre Schulden von gut 1,2 Milliarden Euro angehäuft. Die Finanzlage war zuletzt so schlecht, dass es kaum Wasser für die Brunnen gab. Jetzt aber bringt die Gewerbesteuer wohl langfristig immense Summen.

Der Oberbürgermeister gibt sich beim Blick auf die schönen Zahlen aber vorsichtig. Man wolle zunächst die Kredite ablösen, dann nachhaltig investieren - in Immobilien, Bildung und Infrastruktur.

Aber selbst der unerwartete Geldsegen schaffe Probleme: "Es gibt einen Flaschenhals." Das sei zum einen die Bauindustrie und das Handwerk: keine Baustelle, die nicht hinter dem Zeitplan hinke. "Und zum anderen finden wir nicht immer die Fachmenschen, die wir bräuchten, um Projekte umzusetzen."

Solche Sorgen hätten andere Städte nur zu gerne. Der Impfstoff hat die Welt in der Pandemie verändert. Jetzt boostert BioNTech auch Mainz.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 24. Januar 2022 um 22:40 Uhr.