Warft Treuberg während der Bauarbeiten | Lukas Knauer
mittendrin

Schutz von Hallig Langeneß Eine "Klimawarft" mit Supermarkt

Stand: 19.10.2021 15:28 Uhr

Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht zunehmend die Halligen im Nordfriesischen Wattenmeer. Auf Langeneß wird deshalb eine neue Warft aufgeschüttet. Sie wird höher als die alten und bekommt etwas, das seit 2013 fehlt: einen Supermarkt.

Von Lukas Knauer, NDR

Andreas Borchers springt aus seinem weißen Lieferwagen, auf dem der Name eines bekannten Lebensmittelmarktes prangt. Borchers beliefert die Hallig und seine 119 Bewohnerinnen und Bewohner mit Waren des täglichen Bedarfs. 18 bewohnte Warften - wie die sturmflutsicheren, künstlichen Hügel heißen - gibt es auf Langeneß, heute stehen 14 davon auf seinem Lieferzettel.

Das Zeitfenster ist eng. Die Fähre zurück ans Festland geht in drei Stunden und 15 Minuten: "Nach sieben Jahren ist es Alltag geworden. Aber es macht immer noch Spaß mit den Leuten einen Schnack zu haben. Das ist schön, trotz manchmal anstrengender Geschichten zwischendurch, wenn man sehr viel Ware oder einen Anhänger dabei hat."

Halligkaufmann auf der Straße | Lukas Knauer

Regelmäßig fährt Andreas Borchers mit seinem Lieferwagen die Hallig ab. Bild: Lukas Knauer

Borchers lebte selbst drei Jahre lang mit seiner Familie auf Langeneß und kennt die Menschen hier. Doch viele seiner Kunden trifft er zum ersten Mal - wie René und Nicole Veith. Sie kommen aus Südhessen und machen das erste Mal Urlaub auf Langeneß.

"Es ist natürlich für uns als Touristen sehr gut, dass wir einen Lieferdienst haben und man nicht immer alles mitschleppen muss, wenn man zum Urlaub kommt, und eine gewisse Auswahl hat an frischen Sachen hat", sagen sie. Ein Supermarkt direkt vor Ort wäre aber natürlich noch besser, weil man direkt einkaufen könne, wenn man es wolle.

93.000 Kubikmeter Sand für neue "Klimawarft"

Knapp einen Kilometer entfernt sitzt Hallig-Bürgermeisterin Heike Hinrichsen in ihrem Büro auf der Ketelswarft und beugt sich über einen großen Bauplan aus Papier. Seit 2013 gibt es auf Langeneß keinen Kaufmann mehr. Der Hallig fehle seitdem ein Ort des Miteinanders, findet die Bürgermeisterin: "Ich kenne die Zeiten, als wir noch einen ortsgebundenen Kaufmann hatten. Da war dann, wenn die Ware dienstags und donnerstags kam, ganz Langeneß vertreten."

Der Wunsch nach einem neuen Hallig-Kaufmann könnte bald Wirklichkeit werden. Denn Ende September wurden die Arbeiten an Warft Treuberg abgeschlossen. Die sogenannte "Klimawarft" ist ein Pilotprojekt des Landes Schleswig-Holstein. Mehr als 93.000 Kubikmeter Sand wurden herangeschafft, um die 3300 Quadratmeter große Fläche so zu befestigen, dass sie dem Klimawandel standhalten kann.

Der große graue Hügel ist knapp sechs Meter hoch, und damit etwa zwei Meter höher als die anderen Warften auf Langeneß. Auf Treuberg sollen - neben einem Supermarkt - auch Dauerwohnungen, ein Gemeindezentrum und eine kleine Krankenstation entstehen.

Hallig bei Hochwasser | Lukas Knauer

Um die Häuser vor Sturmfluten zu schützen, wurden auf den Halligen Hügel aufgeschüttet - sogenannte Warften. Bild: Lukas Knauer

Warftaufschüttung mit Kostenexplosion

Neun Millionen Euro hat die Warftverstärkung bereits gekostet. 95 Prozent davon übernimmt das Land Schleswig-Holstein. Noch einmal so viel wird wohl der Bau der Gebäude verschlingen. Und die Arbeiten verzögern sich: Erst im Frühjahr 2023 sollen wieder die Bagger rollen.

Das liegt zum einen daran, dass nun die Zeit der Herbst- und Winterstürme begonnen hat, zum anderen müssten die Architekten ihren Entwurf für den "Oberbau" noch einmal anpassen, sagt die Bürgermeisterin. "Teilweise war da geplant, eine Überdachung innerhalb der Bebauung umzusetzen, und da hatten die Gemeindevertreter die Befürchtung, dass sie durch den Wind beschädigt werden könnte und immer wieder teuer instand gesetzt werden müsste."

Heike Hinrichsen | Lukas Knauer

Hallig-Bürgermeisterin Hinrichsen wünscht sich auf der neuen Warft einen Ort des Miteinanders. Bild: Lukas Knauer

"Mutig vom Land Schleswig-Holstein"

Stürme, Sturmfluten, Extremwetter - die Menschen auf Langeneß kennen das. 17 weitere Warften gibt es auf der Hallig. Auch sie müssen wegen des Klimawandels befestigt werden. Doch weil sie bewohnt sind, können sie nicht einfach so erhöht werden. Hier müssen andere Lösungen her.

Virginia Karau betreibt das Café "Kookenstuv" auf der Ketelswarft: "Ich finde es sehr mutig vom Land Schleswig-Holstein, so viel Geld in die Hand zu nehmen und eine ganz neue Warft zu bauen, wenn man bedenkt, dass der Klimawandel ja in vollem Gange ist", sagt sie. "Wer weiß, wie lange wir hier noch leben können - umso optimistischer finde ich das."

Es ist 15:10 Uhr - in fünf Minuten geht die Fähre zurück ans Festland. Mit seinem weißen Lieferwagen steht Hallig-Lieferant Borchers am Anleger. In drei Tagen wird er wiederkommen, mit der nächsten Lebensmittellieferung. Wie lange das noch so laufen wird? Borchers bleibt entspannt: "Man weiß ja noch gar nicht wie lange die Arbeiten auf Treuberg dauern werden. Zwei Jahre, drei Jahre? Abwarten und Teetrinken. Wir werden sehen, was passiert."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. Oktober 2021 um 22:15 Uhr.