Der Marktplatz in Homberg. | Jakob Schaumann HR
#mittendrin

Projekt in Homberg (Efze) Pionierarbeit auf Zeit

Stand: 12.08.2021 12:12 Uhr

Für sechs Monate tauschen sie Stadt- gegen Landleben: In Homberg entwickeln 20 "Pioniere" Ideen, wie die Kleinstadt attraktiver werden kann. Die bürokratischen Hürden sind weniger hoch als befürchtet.

Von Jakob Schaumann, HR

Katrin Hitziggrad steht vor einer alten Schuhpoliermaschine, zurückgelassen vom Vormieter. Das ehemalige Orthopädiefachgeschäft steht schon seit Längerem leer, wie so viele andere Läden im Altstadtkern von Homberg (Efze).

Genau das will die 33-jährige Immobilienfachwirtin und Stadtgestalterin aus Thüringen ändern. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern vom "Summer of Pioneers" will sie hier einen "Makersspace" errichten, eine Art offene Werkstatt für Jugendliche.

"Es geht darum, neue Impulse zu setzen. Mit einem Pop-up-Store oder einer Galerie auf Zeit ändert sich das Straßenbild und so auch die Wahrnehmung vieler Bürger", sagt Hitziggrad. Aus der temporären Nutzung soll dann im Idealfall eine Dauerlösung werden. Wie man Leerstand zu neuem Glanz verhelfen kann, hat die gebürtige Jenaerin bereits in zahlreichen Projekten in Thüringen bewiesen.

Die "Pioniere" beim gemeinsamen Essen. | Jakob Schaumann HR

Zusammen essen, zusammen Ideen entwickeln: Die "Pioniere" wohnen bereits seit drei Monaten in der nordhessischen Kleinstadt. Bild: Jakob Schaumann HR

Aus der Großstadt aufs Land

Leer stehende Geschäfte für kreative Ideen zu nutzen, ist eines von vielen Projekten beim "Summer of Pioneers". Das sind 20 Großstädter, die seit Mai für sechs Monate auf dem Land leben. Die "Pioniere" sollen Ideen mit in die Provinz bringen und zahlen im Gegenzug 150 Euro pro Person. Dafür gibt es eine möblierte Wohnung, Internet und ein Co-Working-Space. Damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer miteinander in Kontakt kommen, wohnen sie alle rund um den Marktplatz.

Organisator Jonathan Linker hat das Projekt mit Unterstützung der Stadt ins Leben gerufen. Er kommt aus der Region, lebte selbst lange in Darmstadt und Frankfurt und gründete vor einigen Jahren bereits die "HOMEberger" - ein Netzwerk von jungen Unternehmerinnen und Unternehmern, die zeigen wollen, dass ein modernes und innovatives Leben auch auf dem Land möglich ist.

"Ich glaube, dass wir Lebensräume und Menschen mehr miteinander in Verbindung bringen müssen. Das heißt, vor allem digitale Entwicklungen, die aktuell noch überwiegend in der Stadt stattfinden, stärker aufs Land zu holen."

"Ein bisschen wie im Paradies"

Anna Groos ist zusammen mit ihrem Mann Tobias und den beiden Söhnen Carlo und Joscha nach Homberg gekommen. Sie wohnen in einem kleinen Fachwerkhaus mit Blick auf den Marktplatz, das Büro der Innovationsberaterin ist im Erdgeschoss in der ehemaligen Tourismus-Information. Ihre Wohnung in der Darmstädter Innenstadt haben sie für sechs Monate untervermietet.

Nach knapp drei Monaten auf dem Land sieht sie vor allem Vorteile. "Ich erlebe hier sehr wenig Bürokratie und ganz wenige Hürden, wenn man Lust hat, was zu machen. Für jemanden, der die Enge der Stadt gewohnt ist, fühlen sich die vielen freien Räume hier ein bisschen wie im Paradies an." Trotzdem können sich die vier ein dauerhaftes Leben in Homberg, fernab der Großeltern nicht vorstellen.

Jörg Jessen und Organisator Jonathan Linker | Jakob Schaumann HR

Jörg Jessen (links) und Organisator Jonathan Linker im Co-Working-Space am Marktplatz: Homberg soll mithilfe des Start-up-Gründers auch in Sachen digitale Verwaltung besser werden. Bild: Jakob Schaumann HR

Was in Berlin geht, klappt auch in Homberg

Im Co-Working-Space am Marktplatz sitzt Jörg Jessen an seinem Rechner. Der Digitalunternehmer hat ein breites Grinsen im Gesicht, Pionier sein macht ihn glücklich. Er liebt den Wechsel zwischen urbanen und ländlichen Lebensräumen, hat viele Jahre in Kalifornien und Berlin gelebt, aber auch sechs Jahre auf einem Hof in Oberbayern. Zuletzt gründete der 58-Jährige ein Start-up in Darmstadt, das sich mit dem Thema digitale Identitäten beschäftigt.

Er will vor allem die Stadtverwaltung digitaler machen. "Oft werden Patente in Großstädten wie Berlin angemeldet, weil dort eben die Firmen sitzen. Die Ideen kommen aber häufig vom Land, weil hier mehr Raum für Kreativität ist."

Neben seinen digitalen Projekten kümmert sich Jessen auch um ein ganz und gar analoges Thema. Zusammen mit der Stadt und anderen Pionieren sanieren sie Hessens ältestes Gasthaus, die Krone von 1480. Und Jessen hat schon jetzt beschlossen, nach dem "Summer of Pioneers" in der Region zu bleiben und nachhaltig für eine Veränderung zu sorgen.

Sozialer und kulinarischer Treffpunkt

In der früheren Apotheke am Marktplatz duftet es nach frischem Hefegebäck. Lisa Amling bereitet gerade eine Portion Buchteln mit Vanillesoße vor. Zweimal pro Woche kocht sie für die ganze Gruppe vegetarisch, denn das Angebot an fleischlosen Alternativen ist in Homberg eher überschaubar.

Die ehemalige Apotheke ist aber nicht nur ein kulinarischer, sondern auch ein sozialer Treffpunkt für die Pioniere. "Jeder arbeitet hier so ein bisschen vor sich hin, macht irgendwas vor dem Bildschirm, was nicht so wirklich greifbar ist und hier mit dem Essen von Lisa, kann man in Austausch kommen", sagt Organisator Linker. "Die Leute sind ein halbes Jahr zusammen, die müssen sich als Gemeinschaft finden und dafür ist das Essen ein super Kitt, um die Gruppe zusammenzubringen."

Ungewisse Zukunft

Ob es nach dem "Summer of Pioneers" mit einer Art "Winter of Pioneers" weitergeht, wird sich erst in den kommenden Wochen entscheiden. Linker und rund die Hälfte der Pioniere würden sich eine Verlängerung des Projekts wünschen, um nachhaltig in Homberg etwas zu bewegen.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 12. August 2021 um 22:15 Uhr.