Ingrid Becker hilft bei der Tafel | ARD Axel John
mittendrin

Steigende Inflation Auch für die Mittelschicht wird es zu teuer

Stand: 29.11.2021 14:58 Uhr

Die Ortschaft Kusel in Rheinland-Pfalz scheint fernab von den Entwicklungen der Weltwirtschaft. Doch die direkten Folgen sind auch hier zu spüren: Die stark steigende Inflation macht immer mehr Menschen das Leben schwer.

Von Axel John, SWR

Am Morgen gegen 9 Uhr ist bei der Tafel in Kusel schon viel los. Am Ortseingang hat der gemeinnützige Verein in einer Lagerhalle seine Annahmestelle - zwischen einem Bekleidungsdiscounter und einem Autoteilegeschäft. Mehrere ehrenamtliche Helfer sortieren hier Spenden aus Supermärkten der Region. Es sind Lebensmittel, die übrig geblieben sind oder kurz vor dem Verfallsdatum stehen. Pro Monat kommen hier 1,5 Tonnen an Lebensmitteln zusammen.

Axel John

Die Helfer legen Brot, Aufschnitt oder Joghurt in Boxen, auf denen die Namen der Empfänger stehen. Es muss schnell gehen, denn in ein paar Stunden kommen die Bedürftigen. "Die Arbeit macht große Freude. Ich helfe sehr gerne", sagt Gunde Jung, während sie Salate in die Stiegen legt. "Aber die Armut hat zugenommen. Das sehen wir hier täglich."

Leben am Existenzminimum

Betroffen seien vor allem Singles und alleinerziehende Mütter, ergänzt Jungs Kollegin Ingrid Becker. "Das war schon immer so. Die Zahl unserer Kunden hat in den vergangenen vier, fünf Monaten aber nochmal deutlich zugelegt." Früher seien die Bedürftigen alle zwei Wochen gekommen. Jetzt würden sie alle sieben Tage vor der Tafel stehen. "Das ist den Umständen geschuldet", sagt Ute Hess, die die einzelnen Boxen auf einem Rollwagen zur Ausgabe weitertransportiert. "Die Preise haben teils enorm zugelegt. Wir sind doch die letzte Möglichkeit für die Leute, noch etwas zu bekommen." Insgesamt werden an dieser Tafel inzwischen mehr als 500 Menschen mit Lebensmitteln unterstützt.

Im Nebenraum stellt Wolfram Schreiner die gefüllten Essensboxen in die Regale zur Abholung. Auch er beobachtet die steigende Inflation mit wachsender Sorge: "Für Menschen mit einem Budget von 400 Euro im Monat ist eine Teuerung von 30 oder 40 Euro für Lebensmittel ein enormes Problem", sagt er. "Bei uns zahlen die Kunden drei Euro für eine Palette Essen. Selbst das ist inzwischen für viele nicht mehr zu finanzieren. Sie schreiben bei uns an."

Das Leben am Existenzminimum werde durch die Inflation für viele unbezahlbar, bilanziert Schreiner. Nachdem sich auch Lebensmittel teils drastisch verteuert haben, hätten sich auch die Wünsche der Bedürftigen verändert. "Sie fragen jetzt mehr nach Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Öl, Butter. 'Habt ihr nicht dies und das noch?' Da merkt man einfach, dass die Leute das brauchen. Das hat sich zuletzt extrem verändert."

Wolfram Schreiner hilft bei der Tafel | ARD Axel John

Wolfram Schreiner merkt, dass die Nachfrage bei der Tafel in den vergangenen Monaten gestiegen ist. Bild: ARD Axel John

Tanken: Für Pendler Luxus

Von der Tafel sind es nur ein paar Schritte bis zur Hauptstraße, die Kusel mit anderen Ortschaften in der Region verbindet. Hier ist Jennifer Knobloch mit ihrem Auto auf dem Weg zur Arbeit. Heute putzt die 32-Jährige im evangelischen Gemeindehaus. Sonst arbeitet sie auch noch in einem Schuhgeschäft.

Sie ist ein Beispiel dafür, dass die Teuerung inzwischen auch die Mittelschicht erreicht hat: "Wenn ich tanke und sehe, wie das Geld gerade so davongeht, dann ist Sprit für mich purer Luxus. Ich rechne schon: Wie lange muss ich dann auf die Arbeit, um damit nur das Tanken zu finanzieren", klagt die Pendlerin.

Teuerung treibt Zukunftssorgen

Ihr Lebensgefährte ist auch berufstätig. Er arbeitet als Tiefbauer. Obwohl beide verdienen, bleibt für sie und die beiden Kinder am Monatsende immer weniger übrig - vor allem wegen der steigenden Spritpreise. Aber für ihre beiden Jobs ist Knobloch dringend auf ihr Auto angewiesen.

Das gilt für viele in der Region rund um Kusel: ohne Auto keine Arbeit. Viele müssen nach Kaiserslautern, Ludwigshafen und sogar bis ins anderthalb Stunden entfernte Mainz fahren, um zu arbeiten. Die Spritpreise sind für viele in der ländlichen Region zunehmend ein finanzieller Kraftakt.

Aber nicht nur die Kraftstoffpreise machen Knobloch Sorgen: Beim Putzen im Pfarramt macht sie sich grundsätzliche Gedanken - und das, obwohl ihr Mann ja auch Geld verdient. "Wie wird das in zehn, 15 Jahren für meine Kinder sein, wenn sie erwachsen sind? Werden sie sich mal irgend etwas leisten können? Können die sich mal ein Haus bauen? Da hat man als Mama schon richtig Angst davor."

"Irgendwann sind dann auch die Rücklagen weg"

In der Nähe des Gemeindehauses liegt auch die Einsatzzentrale der Feuerwehr. Hier arbeitet Bettina Heinz ehrenamtlich. Vor der Coronakrise hatte die 43-Jährige eine Stelle als Sanitätsfachfrau. Als im Lockdown und danach die ältere Kundschaft aus Angst vor Ansteckung daheimblieb, verlor sie ihren Job. "Ich kann nicht nur zu Hause rumsitzen. Deshalb unterstütze ich die Feuerwehr und halte die Zentrale mit in Schuss", erzählt sie. "Mit nur noch einem Einkommen und den ständig steigenden Preisen ist es wirklich schwer."

Ihr Mann arbeitet bei der Feuerwehr und hat ein festes Gehalt. "Irgendwann sind dann aber auch die Rücklagen weg. Man muss dann rechnen - von zwei Gehältern auf ein Gehalt. Es darf jetzt nichts kaputt gehen." Mit Sorge schaut das Paar derzeit auf die Spülmaschine. "Wir wissen nicht, wie lange sie noch hält. Die hat schon ihre Macken. Aber 400 Euro für eine neue Maschine sind nicht drin. Jetzt kann man sagen: 'Dann spül mit der Hand.' Das machen wir auch öfter. Aber dann kommt die höhere Rechnung für mehr Wasser. Egal wie man es macht, es wird teurer."

Angesichts der steigenden Inflation fühle sie sich hilflos, klagt Heinz. Zum ersten Mal sei auch ihre Vorfreude auf Weihnachten getrübt. "Das Familiäre, das Zusammensein, das geht unter, weil zu viel hinten dran steht. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft." Das Fest werde kleiner ausfallen als die Jahre zuvor. "Das fängt bei den Geschenken an und setzt sich bis zum Essen fort. Das macht so keinen Spaß."

Frau Heinz hilft bei der Feuerwehr | ARD Axel John

Bettina Heinz verlor in der Coronakrise ihren Job. Nun hilft sie ehrenamtlich bei der Feuerwehr aus. Bild: ARD Axel John

"Es wird noch schlechter werden"

Am Nachmittag hat sich vor der Tafel eine lange Schlange gebildet. "Wir öffnen normalerweise um 16.30 Uhr. Die ersten kommen aber schon anderthalb Stunden früher. Sie haben Angst, dass es für sie nicht reicht", erzählt Ingrid Becker. Wegen der Corona-Auflagen geben die Helfer die Lebensmittel draußen im Hof aus. Für den Filmbeitrag in den tagesthemen will aber niemand vor der Kamera über die Folgen der Teuerung reden. Einige erzählen von ihrer Scham und Unsicherheit.

Auf die Zukunft und das Thema Inflation angesprochen, findet dagegen Wolfram Schreiner klare Worte. "Ich bekomme ständig neue E-Mails, in denen mir die Menschen von ihren Nöten schreiben. Es wird noch schlechter werden. Es kommen ja fast jede Woche Leute dazu. Ich wüsste nicht, wie sich das bessern sollte. Da fehlt mir die Fantasie dafür - das sage ich Ihnen ganz ehrlich."

Die Zukunftssorgen wachsen. Die Politik und einige Wirtschaftsforscher versprechen, dass die hohe Inflation nur vorübergehend sei. Aber was, wenn nicht? Diese Frage stellen sich zunehmend immer mehr Menschen in Kusel - und wohl auch weit darüber hinaus.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. November 2021 um 22:15 Uhr.