Das zerstörte Grab der Familia Hallah. | David Zajonz WDR
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Sorge in der muslimischen Community Wie Iserlohn mit der Grabschändung umgeht

Stand: 01.02.2022 12:01 Uhr

In der Silvesternacht haben Unbekannte in Iserlohn 30 muslimische Gräber geschändet. Die Musliminnen und Muslime in der Stadt wollen sich davon nicht unterkriegen lassen und fordern mehr Sicherheit auf dem Friedhof.

Von David Zajonz, WDR

Die Grabsteine des Ehepaars Hallah bestehen nur noch aus Einzelstücken. Irgendjemand muss sie und zahlreiche andere muslimische Grabsteine auf dem Friedhof von Iserlohn gezielt zertrümmert haben. Inzwischen haben die Angehörigen die Einzelstücke zusammengeschoben, die Risse sind aber noch deutlich zu sehen.

David Zajonz

Riesige Solidarität

"Das war natürlich erschreckend", beschreibt Abed Hallah den Anblick des Grabes seiner Eltern unmittelbar nach der Tat in der Silvesternacht. Damals seien der Familie viele Fragen durch den Kopf gegangen, sagt er. "Sind wir hier zu Hause?", hätten Hallah und seine Geschwister sich gefragt. Außerdem hatten sie Zweifel, ob es richtig war, dass sie die Eltern in Iserlohn haben bestatten lassen. Denn viele Muslime aus Deutschland finden ihre letzte Ruhe in ihren Herkunftsländern. Im Fall von Familie Hallah wäre das der Libanon gewesen.

Dann aber erlebte die Familie eine riesige Solidarität. Die Stadt Iserlohn und viele muslimische und nicht-muslimische Bürger hätten sich an ihre Seite gestellt, sagt Hallah. "Das hat uns nochmal stark gemacht, sodass ich auf jeden Fall auch hier beerdigt werden möchte."

Die Geschwister Hallah vor einem Grab. | David Zajonz WDR

Die Grabsteine der Familie Hallah wurden von Unbekannten zertrümmert. Bild: David Zajonz WDR

Abed Hallah vor einem Grab. | David Zajonz WDR

"Das war natürlich erschreckend", beschreibt Abed Hallah den Anblick der Gräber. Bild: David Zajonz WDR

Friedhof mit Videoüberwachung?

Aylin Bakirtan hat sich erst vor drei Monaten von ihrer Mutter verabschieden müssen. Sie hatte sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Nach der Silvesternacht fand sie Fußspuren auf dem frischen Grab. Noch immer ist Bakirtan wütend auf die unbekannten Täter. Sie kämpft für mehr Sicherheit auf dem Friedhof und fordert unter anderem die Überwachung durch Videokameras.

Darüber hat sie auch schon mit dem Bürgermeister diskutiert, der aber auf ausstehende juristische Prüfungen verweist. Die Stadt habe bereits vor einigen Jahren eine Videoüberwachung auf dem Friedhof geprüft, argumentiert der parteilose Bürgermeister Michael Joithe. Eine ganztägige Videoüberwachung in einem "öffentlichen Grünflächenraum" sei rechtlich nicht erlaubt. "Aber wir müssen natürlich jetzt nochmal juristisch prüfen, ob das in den Nachtstunden möglich ist", sagt Joithe.

Die Stadt Iserlohn will diese Fragen zusammen mit den Angehörigen und anderen Beteiligten an einem runden Tisch klären. Bakirtan findet das enttäuschend. Sie hatte sich eigentlich schnelle Beschlüsse zum Schutz der Gräber gewünscht: "Das wurde jetzt verschoben an den runden Tisch." Immerhin sagt der Bürgermeister zu, dass in der kommenden Silvesternacht ein Sicherheitsdienst den muslimischen Teil des Friedhofs bewachen soll.

Aylin Bakirtan am Grab ihrer Eltern. | David Zajonz WDR

Aylin Bakirtan am Grab ihrer Eltern. Ihre Mutter ist erst vor drei Monaten gestorben. Bild: David Zajonz WDR

Rückschritt bei der Integration?

Ercan Atay, der im Integrationsrat der Stadt sitzt, fordert ein stärkeres Zeichen der Stadt, um das Vertrauen der muslimischen Community zu stärken. Eigentlich funktioniere das Zusammenleben in Iserlohn gut, sagt Atay. Nach den Vorfällen in der Silvesternacht seien die Muslime aber aufgewühlt, einige überlegten jetzt, ob sie sich möglicherweise doch nicht in Deutschland beerdigen lassen sollen. Mit Blick auf die Integration wäre das "kein Schritt nach vorne, sondern nach hinten", sagt Atay.

Iserlohn hat eine große muslimische Community. Von den rund 94.000 Einwohnern seien etwa 12.000 muslimischen Glaubens, schätzt das Bündnis der Muslime in der Stadt. Ein Problem mit organisiertem Rechtsextremismus habe Iserlohn eigentlich nicht, sagen viele der hier lebenden Muslime.

Von den Grabschändung wollen sie sich nicht unterkriegen lassen. Er sei schließlich Iserlohner, sagt Hallah. "Wir lassen uns von solchen Leuten nicht abschrecken."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 31. Januar 2022 um 22:15 Uhr.