Schutt liegt in der Innenstadt von Bad Münstereifel nach dem Rückgang des Hochwasssers | dpa
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Ein Jahr nach der Flut in der Eifel "Es ist ein Kraftakt"

Stand: 13.07.2022 19:27 Uhr

Bad Münstereifel ist einer der Orte, die vor einem Jahr von der Flut getroffen wurden. Das Café von Familie Reinartz ist noch immer geschlossen. Sie bleiben zuversichtlich, doch den Kampf um finanzielle Hilfe haben sie aufgegeben.

Von Jan Koch, WDR

Sie schauen aus dem gleichen Fenster hinaus auf die Erft wie vor einem Jahr. Die Erinnerungen sind sofort wieder da. "Das Wasser stieg und stieg", erzählt Christiane Reinartz. "Es ging so schnell, als das Wasser in die untere Etage lief und uns nichts übrig blieb, als in die oberen Stockwerke zu fliehen." Dort oben harrte die Cafébesitzerin aus Bad Münstereifel mit ihren Töchtern aus, bis es vorbei war, bis das Wasser sich wieder beruhigt hatte, bis sie aus ihrem Haus hinaus konnten in ihre Heimatstadt, die von da an anders aussah.

Jan Koch

Auch heute erinnern immer noch viele einzelne Baustellen, Renovierungsarbeiten an die Jahrhundertflut aus dem vergangenen Sommer. Als die eigentlich kleine Erft zu einem reißenden Strom wurde und die althistorische Innenstadt mit ihren Fachwerkhäusern und dem malerischen Kopfsteinpflaster unterspülte und alles zerstörte, was ihr im Weg stand.

Blick auf die historische Altstadt von Bad Münstereifel ein Jahr nach der Flutkatastrophe im Juli 2021.  | dpa

Ein Jahr nach der Flut gibt es in der historischen Altstadt von Bad Münstereifel noch viele Baustellen. Bild: dpa

"Wir blicken optimistisch nach vorne"

Seitdem bauen sie wieder auf, stecken all ihr Erspartes in ihre Privathäuser, in die Geschäfte. "Es ist ein Kraftakt", erzählt Christiane Reinartz, "aber wir blicken optimistisch nach vorne." In ihrem alten Lagerraum, in dem sie alte Materialien, Überbleibsel von der Zeit vor der Flut lagern, zeigen sie verschlammte Gläser, Gabeln, Tassen. "Auch das ist jetzt ein Teil der Geschichte dieses Hauses. Das darf gezeigt werden."

Daher wollen sie diese Dinge nach Wiedereröffnung in einer Vitrine in ihrem Café ausstellen. Dann, wenn Christiane und Rolf Reinartz ihren Laden, ihr Café wieder eröffnen können. Doch das wird noch dauern. "Oben haben wir noch immer keinen Strom und kein Wasser", sagt Rolf Reinartz. Sie sind voller Hoffnung, vor allem sehen sie: In der untersten Etage geht es voran. Handwerker, die nur schwer zu bekommen waren, ackern, um ihren Laden auf Vordermann zu bringen, damit sie mit einem Ladenverkauf zumindest wieder beginnen können.

Mehrheit der Läden wieder geöffnet

Sie sind voller Planungswillen, voller Tatendrang. Wie ganz Bad Münstereifel. Eine Mehrheit der Läden hat schon wieder eröffnet. Aber klar ist auch, die Stadt ist noch voller Baustellen. An vielen Ecken wird noch gebaut, restauriert. Für viele bleibt es auch immer noch unbegreiflich: Wie aus dem Flüsschen, der Erft, die durch die althistorische Innenstadt fließt, so ein reißender Strom werden konnte.

Es ist auf jeden Fall ein Szenario, das die Stadt und ihre Bürgermeisterin nie wieder erleben wollen. "Es ist ja auch noch eine Gesamtbaustelle", betont Sabine Preiser-Marian von der CDU. "Auch wenn wir schon sehen, dass mehr als 50 Prozent der Läden hier wieder aufgemacht haben. Was auch gut ist. Wir brauchen ja Lichtblicke." Beim Wiederaufbau würde sie zwar auch mit Material- und Handwerkermangel kämpfen. Doch Pläne zur Modernisierung der Stadt, die auch schon vor der Flutnacht bestanden, helfen, die Herausforderung gezielt voranzubringen. Nun wollen sie nach vorne blicken.

Stadt begeht Gedenkveranstaltung

Dieses Wochenende will die Stadt eine Gedenkveranstaltung annlässlich des Jahrestags der Katastrophe abhalten. Es gibt zahlreiche Aktionen, Ausstellungen und eine Fotogalerie, die die Tage festgehalten haben.

Doch viele haben es als Lottospiel empfunden. Bei wem werden nicht noch mehr Schäden gefunden? Wer bekommt finanzielle Hilfen? Wo läuft es unbürokratisch? André Koenigs zum Beispiel, ein Modeladenbesitzer nur ein paar Läden weiter von Christiane Reinartz Café erzählt, dass sein Bekleidungsgeschäft komplett zerstört war. Gerade erst konnte er wieder eröffnen.

Es sei ein langer, mühsamer Weg gewesen, das Geld für den Wiederaufbau zu bekommen, sagt er. Unversichert habe er mehrere hunderttausend Euro gebraucht, um seine Existenz zu retten. Das Antragsverfahren sei "ein Chaos gewesen", habe ihn "viele, viele Telefonate und Schriftverkehr" gekostet. Am Ende sei das Geld aber dann doch gekommen.

Auf einem Ladengeschäft im historischen Altstadt von Bad Münstereifel steht "Danke an alle Helfer", ein Jahr nach der Flutkatastrophe im Juli 2021.  | dpa

Am Wochenende lädt die Stadt zu einer Gedenkveranstaltung ein. Der Dank an die Helfer ist in der Altstadt für alle sichtbar.  Bild: dpa

"Es wird schon alles gut gehen"

Auch Familie Reinartz kann von Problemen berichten. Sie haben aufgegeben, ihre Anträge in einen Karton gepackt und zur Seite gestellt. Zu viele Hürden, zu viel Bürokratie. "Seit dem 14. Juli 2021 leben wir nun auf Pump. Aber ich versuche, das zu ignorieren. Es wird schon alles gut gehen", erklärt Christiane Reinartz. Und trotzdem habe sie sich allein gelassen gefühlt, was sie wütend gemacht habe. "Ich habe mir daher irgendwann Hilfe geholt. Einen Coach." Sich mit ihm auszutauschen, Lebenshilfe zu erfahren, das tue ihr gut.

Vor allem als Familie unterstützen sie sich - gemeinsam mit ihren vier Kindern. "Es ist schon Wahnsinn, was meine Mutter, meine Eltern in den letzten Monaten geleistet haben", betont die 15-jährige Tochter. Das mache auch irgendwie alle stolz. Tochter, Vater und auch Mutter Christiane, die für sich immer wieder auch dieses Fazit zieht: "Wir haben materiell einiges verloren, aber menschlich viel gewonnen."