Fluggäste in der Schlange am Flughafen
mittendrin

Seelsorge am Flughafen Wenn die Reise zur Belastungsprobe wird

Stand: 29.07.2022 17:10 Uhr

Airport-Seelsorgerin Klünemann hat aktuell alle Hände voll zu tun. Im Flugchaos am Drehkreuz Frankfurt versucht sie, verzweifelten Passagieren zu helfen - ob bei der Suche nach dem Gate oder mit beruhigenden Worten.

Von Jacqueline Dreyhaupt, HR

"Flughafenseelsorge / Airportchaplaincy" steht auf der gelben Warnweste, die sich Bettina Klünemann am Morgen in ihrem Büro im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens überzieht. So ist sie für alle gut zu erkennen. Dann packt sie schnell noch Gummibärchen und Schokoriegel in ihre Umhängetasche. "Nervennahrung für gestresste Passagiere und Mitarbeitende gleichermaßen", sagt sie.

Jacqueline Dreyhaupt

In Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland haben erst vor Kurzem die Sommerferien begonnen. Zehntausende Passagiere reisen jeden Tag über Frankfurt. Deshalb ist auch die evangelische Pfarrerin früher aus dem Urlaub zurückgekommen. Sie weiß, in der aktuellen Situation wird jede helfende Hand gebraucht und dabei geht es um ganz weltliche Dinge - um verlorenes Gepäck etwa oder das richtige Gate. Ihre Mission ist es, Passagieren beizustehen, denn Probleme gibt es hier an jeder Ecke.

So chaotisch wie nie

Seit vier Jahren arbeitet die evangelische Pfarrerin am Flughafen in Frankfurt am Main. So ein Chaos wie in den vergangenen Wochen hat sie noch nie erlebt. Auch an diesem Tag sind die Schlangen vor den Check-in-Schaltern lang. Da fällt es selbst den Profis schwer, den Überblick zu behalten.

Ein junger Mann winkt die Seelsorgerin zu sich heran. Der US-Amerikaner ist sich nicht sicher, ob er in der richtigen Schlange steht. Er will mit Condor fliegen, muss aber noch seine Dokumente checken lassen und braucht einen Boarding Pass. Allerdings soll das Einsteigen in den Flieger bereits in 40 Minuten sein und der Schalter ist noch nicht mal in Sichtweite.

Klünemann läuft los. Sie findet einen Condor-Mitarbeiter, der zieht den amerikanischen Passagier vor, so kann er seinen Flieger doch noch schaffen. Ein kleiner Erfolg für die Pastorin, besonders weil alle zusammenarbeiten und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

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Bettina Klünemann und ihr Team stehen Reisenden bei kleinen und großen Problemen zur Seite.

Gestrandet in Frankfurt

Nächster Stopp ist der Umbuchungsschalter der Lufthansa. Hier sammeln sich die Problemfälle. Eine Mutter ist zu spät aus Chicago gekommen. Sie will zu ihrer Familie nach Polen und ist über Nacht geflogen. Der Flieger hatte Verspätung, dadurch haben sie und ihr Kind den Umstieg nicht geschafft und sind jetzt gestrandet. Die Sonne knallt in den Wartebereich. Mutter und Kind sind erschöpft, wissen nicht, ob und wie es weitergeht.

So geht es aktuell vielen Passagieren, sagt Klünemann. Frankfurt sei nun mal ein Umsteigeflughafen. "Und das ist dann teilweise auch so, dass die dann nicht an dem Tag noch fliegen können, sondern erst am nächsten Tag." Dann fingen die Probleme erst an: wo übernachten, wo Windeln und Gläschen für Babys hernehmen und so weiter.

Bei ihren Rundgängen entdecken die Pfarrerin und die ehrenamtlichen Helfer immer wieder Menschen, die weinend in den Gängen sitzen oder verzweifelt sind. Der Mutter aus Chicago bietet sie an, später in der Seelsorge vorbeizukommen, dort könnten die Kinder in Ruhe spielen, es gibt Essen und Getränke. Mehr kann sie gerade nicht tun.

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Die Mitarbeitenden am Flughafen sind gestresst. Klünemann muntert sie auf - mit "Nervennahrung".

Arbeiten am Limit

Eine Herzensangelegenheit ist für die Pfarrerin die Situation der Mitarbeitenden. Es sei einfach zu wenig Personal da. Diejenigen, die da sind, arbeiten größtenteils sieben Tage die Woche, zehn Stunden pro Tag und haben kaum Pausen. "Es wird zu viel von denen, die da sind, verlangt und die möchten das alles gut machen, so wie sie es eigentlich gewohnt waren und gewohnt sind. Und das geht aber nicht."

Die Mitarbeitenden seien ständig hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Das führe dazu zu, dass sie mit Angst und Sorge zur Arbeit kämen und danach so erschöpft seien, dass nichts mehr gehe. "Man kriegt die Emotionen von den ganzen Leuten mit, ob die sich jetzt auf irgendwas freuen, ärgern, was auch immer, nervös sind. Das ist der Stress, den es auch bei den Mitarbeitern macht. Die leiden mit, die sind voll dabei."

Deshalb nutzt Klünemann jede Gelegenheit, um auf ein Wort vorbeizuschauen und einfach zu hören, was gerade los ist. Daniela Krüger-Donnelly wirft ihr eine Kusshand zu. Sie arbeitet seit zwölf Jahren für Fraport am Informationsschalter, die Besuche der Seelsorgerin sind für sie ein wichtiger Anker. "Einfach mal Frust ablassen. Ich kann ja schlecht unsere Passagiere angehen - aber zu sagen, ich hatte heute einen Passagier, der war echt eine Katastrophe, mega unhöflich und keine Ahnung was." Bei Klünemann kann sie es loswerden.

Freude und Trauer nah beieinander

Viel Zeit zum Plaudern bleibt nicht: Das Handy klingelt. Die Seelsorgerin ist fast immer erreichbar. Es geht um einen Todesfall. Die Familie möchte Abschied nehmen, bevor der Tote nach Ägypten überführt wird, und fragt, ob die Kapelle frei sei.

Auch am Flughafen gibt es immer wieder Menschen, die zum Beispiel einen Herzinfarkt bekommen und sterben. Freude und Trauer liegen hier ganz besonders nah beieinander, das mache ihren Arbeitsplatz so besonders. Vom Ärger über einen verpassten Flug bis hin zum Todesfall, die Bandbreite an Gefühlen, mit denen Klünemann zu tun hat, könnte kaum größer sein. "Das ist das empfundene Unglück in dem Moment. Und ob das jetzt ein ganz großer Verlust ist oder ein ganz kleiner Verlust: Man weiß ja auch nicht, was es den Menschen in dem Moment bedeutet. Tränen sind Tränen, die nehme ich dann so wie sie sind", sagt sie und lächelt.

"Entschuldigung, sind Sie von der Flughafen-Seelsorge?", fragen zwei junge Männer. Sie haben Klünemann an ihrer gelben Warnweste erkannt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 27. Juli 2022 um 22:15 Uhr.