Frank und Gerd Fornacon stehen vor Spiegeln in der Tanzschule. | Lucretia Gather / SWR
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Pleite nach Corona Der letzte Tanz - nach 23 Jahren

Stand: 04.08.2021 17:55 Uhr

Die Reserven aufgebraucht, das Geschäft in Corona-Zeiten nicht rentabel: Wie die Tanzschule Fornaçon in Ludwigshafen sind viele Betriebe irgendwie durch den Lockdown gekommen - und schließen nun doch. Ein vermeidbarer Schritt?

Von Lucretia Gather, SWR

Die Diskokugel hängt noch über der Tanzfläche und wirft bunte Lichtpunkte auf das Parkett. Gerd und Frank Fornaçon haben ein letztes Mal die Lichtanlage in ihrer Tanzschule in Ludwigshafen angestellt und schwelgen in Erinnerungen. Erinnerungen an eine Zeit vor der Pandemie, als die Tanzfläche hier jeden Abend voll war.

Lucretia Gather

Rationale Entscheidung: Geschäftsaufgabe

"Als Tanzlehrer war man so eine Art Dompteur, wir standen immer in der Mitte, und um uns herum war ganz viel Bewegung", erzählt Frank Fornaçon. Sein Partner Gerd fügt an: "Nach all den Jahren kannten wir viele unserer Tanzschüler sehr gut, man wusste genau, wer gerne 'Cha Cha Cha' tanzt, wer was trinkt, wer in unserem Lounge-Bereich wo sitzt - das war wunderschön."

Nun geben die beiden schweren Herzens Betrieb auf. Nach 23 Jahren. "Wir haben es einfach nicht geschafft", sagt Gerd Fornaçon. Die beiden Geschäftsmänner haben entschieden aufzugeben, bevor sie immer weiter in die Schuldenfalle geraten - und bevor sie ein Insolvenzverfahren einleiten müssten.

Finanzielle Rücklagen reichten nicht aus

Den Unternehmern ging es wie Tausenden anderen Betrieben in der Corona-Zeit auch. Als der erste Lockdown kam, gingen sie zunächst an ihre finanziellen Rücklagen. Das Ehepaar Fornaçon hatte sich einen finanziellen Puffer angelegt, für notwendige Reparaturen oder Renovierungen etwa.

Zwar erhielten sie für ihre Tanzschule auch finanzielle Hilfen von der Bundesregierung, doch die Zahlungen, etwa die November- und Dezemberhilfe, kamen zunächst monatelang nicht an. "Und so ging unser Konto immer weiter ins Minus", erklärt Frank Fornaçon. Denn die laufenden Kosten liefen trotzdem weiter - Miete, Versicherungen, Gema-Gebühren, Strom, Nebenkosten, das alles musste bezahlt werden.

Frank und Gerd Fornacon stehen vor Spiegeln in der Tanzschule. | Lucretia Gather / SWR

Frank (links) und Gerd Fornaçon schließen ihre Tanzschule - nach 23 Jahren. Bild: Lucretia Gather / SWR

Strenge Hygieneauflagen erschweren Betrieb

Nach dem zweiten Lockdown machten die strengen Hygieneauflagen der Tanzschule zu schaffen. Wegen der Abstandsregeln hätten nur wenige Paare gleichzeitig tanzen dürfen. "Und wo kommt da das Geld rein?", fragt Tanzlehrer Frank Fornaçon.

Schließlich brachen auch weitere Einnahmequellen weg, beispielsweise die großen Bälle und Tanzshows, die die Tanzschule mehrmals im Jahr ausrichtete. Diese Großveranstaltungen mit bis zu 1200 Gästen machten etwa ein Drittel des Umsatzes der Schule aus.

Gemeinsam mit ihrem Steuerberater entschieden Frank und Gerd Fornaçon vor wenigen Wochen, ihren Betrieb aufzugeben. Vor allem, weil sie keine Perspektive mehr sehen und nicht wissen, wie es mit der Corona-Pandemie weitergeht. "Wir wissen nicht, wie sich unser Umsatz entwickeln wird. Und auf so niedrigem Niveau können wir unseren Laden mit dem 23-köpfigen Team nicht halten", sagt Gerd Fornaçon.

Verspätete Hilfen, zu viel Bürokratie

Von der Bundesregierung hätten sich die Fornaçons schnellere und unkompliziertere Hilfe gewünscht. Selbst ihre Steuerberaterin sei mit der Beantragung von Überbrückungshilfen zunächst überfordert gewesen, sagt Frank Fornaçon. Das sei "ein bürokratischer Dschungel" gewesen.

Dass die Gelder dann so verspätet geflossen seien, habe ihr Unternehmen zusätzlich in Schwierigkeiten gebracht. "Aber wir machen niemandem einen Vorwurf", sagt Gerd Fornaçon. "Keiner kann etwas für diese Pandemie."

Schild mit Dank an die Gäste | SWR/Gather

Das "Franz und Lizzy" sollte zu Kultur und Geselligkeit einladen - muss nun aber auch schließen. Bild: SWR/Gather

Der Lockdown zerstört den Lebenstraum

Auch der Traum von Eleonore Hefner ist geplatzt. Im Süden Ludwigshafens hatte sie sich im Herbst 2019 mit der Eröffnung ihres alternativen Cafés "Franz und Lizzy" einen Lebenstraum erfüllt. Ein halbes Jahr später kam der erste Lockdown. "Ein Café zu eröffnen ist sowieso schon ein Risiko", sagt Hefner. "Aber wenn man dann direkt in eine Pandemie hineinschlittert, dann ist es fast unmöglich, den Betrieb zu halten."

Dabei sollte das "Franz und Lizzy" mehr sein als nur ein Café: Die Kulturmanagerin Hefner wollte einen Ausstellungsraum schaffen, einen Ort für Lesungen, Konzerte, Diskussionsveranstaltungen. Immer wieder hatte sie renommierte Künstler zu Gast.

Als der Lockdown kam, konnte Hefner aber nur geringe finanzielle Hilfen beantragen, da ihr Café noch kaum Umsatz generiert hatte. "Wir haben zwar etwas Geld bekommen, das war toll, aber das reichte natürlich nicht, um die laufenden Kosten zu decken und vor allem Umsatzausfall zu kompensieren."

Eleonore Hefner | SWR/Gather

Eleonore Hefner hatte sich mit dem Café einen Lebenstraum erfüllt. Bild: SWR/Gather

Stadt macht die letzte Hoffnung zunichte

Sie habe die Bemühungen der Regierung wahrgenommen und wertgeschätzt, bilanziert Hefner. Dennoch bleibe für sie unterm Strich der Eindruck, dass der Bereich Kultur in der Pandemie zu wenig gefördert worden sei.

Schließlich machte die Stadt Ludwigshafen die letzte Hoffnung für das "Franz und Lizzy" zunichte: Hefner wollte auf dem Vorplatz des Cafés etwa 20 Sitzplätze schaffen, um im Sommer zumindest etwas mehr Gäste bewirten zu können. Doch die Stadt erteilte keine Erlaubnis. Mit der Begründung, das Lokal habe nur zwei Toiletten. Nun muss das "Franz und Lizzy" schließen - das erste Kulturcafé Ludwigshafens.

Zwei Frauen stehen vor dem Laden "Rasierer Vöst" | SWR/Gather

Nachmieter für einen Laden in der Innenstadt von Ludwigshafen zu finden, ist schwer. Bild: SWR/Gather

"Wenn vier Leute am Tag kommen, ist das gut"

In der Innenstadt von Ludwigshafen hat Sabine Vöst ihren Laden. Ein kleines Fachgeschäft für Rasierwaren, Messer und Scheren. Der Laden befindet sich in einer Einkaufspassage vor einem mehrstöckigen Betonklotz. Seit 1960 gibt es das Traditionsgeschäft an genau dieser Stelle, Sabine Vöst hat es vor sechs Jahren übernommen. Doch seit der Corona-Pandemie bleiben die Kunden aus. "Wenn vier Leute am Tag kommen, ist das gut", erzählt Sabine Vöst. "Heute war noch niemand da."

Die Pandemie habe den Online-Handel gestärkt und kleine Geschäfte wie ihres noch weiter unter Druck gesetzt, so Vöst. In der ganzen Passage kämpften die Einzelhändler - viele würden ihre Läden nur noch wenige Stunden am Tag öffnen, berichtet die Geschäftsfrau.

Sabine Vöst | SWR/Gather

Sabine Vöst hält ihren Laden auf - obwohl es sich nicht rechnet. Bild: SWR/Gather

Geschäft bleibt auf - auch wegen der Nachmieter-Problematik

Auch sie habe finanzielle Hilfen von der Regierung erhalten, bestätigt Vöst. Doch auch sie beklagt: "Der Einzelhandel lebt ja vom Umsatz." Und wenn der ausbleibe, durch Lockdown oder sinkende Kundenzahlen, dann habe man Probleme zu überleben. Ihr Geschäft gehe nun etwa Null auf Null auf, sagt sie. Sie könne privat nur überleben, weil ihr Mann Geld verdiene. Alleine von ihrem Laden könne sie nicht leben - und ihre finanziellen Reserven seien aufgebraucht.

Dennoch will sie ihr Geschäft noch halten, zumindest solange der Mietvertrag läuft. Denn Vöst fürchtet, keinen Nachmieter zu finden: "Wer will denn heute noch Einzelhandel machen?"

In der Tanzschule Fornaçon räumen Frank und Gerd die letzten Möbel raus, packen die Gläser hinter der Bar in Kartons und tragen Kistenweise CDs nach draußen. Wie es für die beiden weitergeht, wissen sie nicht. Frank möchte vielleicht als angestellter Tanzlehrer arbeiten.

"Wir sind sehr traurig", sagen die beiden. Und Gerd fügt mit Tränen in den Augen hinzu: "Am meisten werde ich unsere Tanzschüler vermissen. Beim großen Abschlussball war ich immer so stolz auf unsere Jugend."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. August 2021 um 22:15 Uhr.