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Bautzens Streit ums Denkmal Bloß nicht Bismarck

Stand: 11.11.2021 11:59 Uhr

Die einen wollen es neu errichten lassen - die anderen sind strikt dagegen. In der Oberlausitz erhitzen Pläne zum Wiederaufbau eines Bismarck-Denkmals die Gemüter.

Von Daniel Schrödel, MDR

Noch ist der Sockel vor dem Berggasthof Czorneboh überwuchert. Aber schon bald könnte auf dem sagenumwobenen Ausflugsberg nahe Bautzen eine Bismarck-Statue wiederaufgebaut werden - nach historischem Vorbild: Fast drei Meter hoch, mit Pickelhaube, Uniformrock, Schwert und Eisernem Kreuz. Martialisch findet das Elmar Ladusch. Der Pächter des Berggasthofes will das Vorhaben eines AfD-nahen Heimatpflege-Vereins aus der Region unbedingt verhindern und Bismarck von seinem Biergarten fernhalten.

Politische Grabenkämpfe vermeiden

Dem Wirt des Berggasthofes geht es nicht darum, am bestehenden Bismarck-Erbe zu rütteln. Denkmäler des ersten deutschen Reichskanzlers und auch die vielen Bismarcktürme im Land könnten "bis zum jüngsten Tage" stehen bleiben, sagt Ladusch. Aber ein Wiederaufbau der nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörten Statue sei etwas vollkommen Anderes und daher auch so problematisch.

Bismarck sei durch seine von "Blut und Eisen" geprägte Außenpolitik und die Sozialistengesetze eine Reizfigur - und Ladusch will nicht, dass der Czorneboh eine Art "Kriegsschauplatz" für die politischen Grabenkämpfe in Ostsachsen wird. Schon häufiger habe er erlebt, dass nach Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen Gäste mit Reichsflaggen vorbeikamen.

Briefkopf "Bautzener Liedertafel"

Die "Bautzener Liedertafel" will sich vor der Kamera nicht äußern. Sie teilt einen Briefkasten mit der AfD.

Alexander Ahrens, SPD, Oberbürgermeister Bautzen

Bautzens Oberbürgermeister Ahrens hatte zunächst auch für das Bismarck-Denkmal gestimmt.

Zerstörung als "Akt der Barbarei"?

Die Zerstörung des Bismarck-Denkmals auf dem Czorneboh um 1950 sei ein Akt der Barbarei gewesen, meint hingegen der Ideen- und Geldgeber für den Wiederaufbau, die "Bautzener Liedertafel". Der Heimatpflege-Verein steht nicht nur für Tradition, sondern sympathisiert auch mit der Politik am rechtskonservativen Rand. So sangen Mitglieder zum Beispiel auf Kundgebungen der AfD und beteiligten sich an Pegida-Demonstrationen. Dazu tagt der kleine Verein im AfD-Büro in Bautzen und teilt sich mit der Partei denselben Briefkasten.

Ein Interview will die "Bautzener Liedertafel" nicht geben, die durchaus überraschend für das Bismarck-Denkmal eine Mehrheit im Hauptausschuss des Bautzener Stadtrates gewinnen konnte. Ihrem Antrag Anfang Oktober stimmten sogar SPD-Stadträte und auch der sozialdemokratische Oberbürgermeister Alexander Ahrens zu.

Archivbild - historisches Bismarck-Denkmal Bautzen

So sah das frühere Bismarck-Denkmal in Bautzen aus.

Friedrich Pollack - Historiker, Serbischer Institut Bautzen

Historiker Pollack sieht Konfliktstoff, wenn man einen neuen Bismarck auf den alten Sockel setzen würde.

Historiker mahnt: Minderheiten im Blick behalten

Kurz nach Bekanntwerden des Beschlusses formierte sich Widerstand besonders von Seiten der sorbischen Minderheit. Von Anfang an gegen das Bismarck-Denkmal war Friedrich Pollack, Historiker am Sorbischen Institut in Bautzen. Denn die Politik Bismarcks zielte auf die kompromisslose Unterdrückung ethnischer Minderheiten im Deutschen Reich wie die Sorben und Polen, mahnt Pollack.

Ein Wiederaufbau genau dort, wo die Sorben ihre Heimat haben und nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Polen, würde von beispielloser Geschichtsvergessenheit zeugen: "Wenn wir Bismarck auf einen Sockel stellen, eine drei Meter hohe Standfigur, dann drücken wir damit aus, dass wir uns in irgendeiner Weise ein Vorbild an ihm nehmen wollen und das ist etwas Anderes als historische Aufarbeitung und Beschäftigung mit einer widersprüchlichen historischen Persönlichkeit."

Keine Pilgerstätte schaffen

Der Protest hat in Bautzen bei Einigen Wirkung gezeigt. Der SPD-Kommunalpolitiker Roland Fleischer - im Hauptausschuss noch Befürworter des Bismarck-Denkmals - will in der nächsten, entscheidenden Stadtratssitzung gegen den Wiederaufbau stimmen, wie auch seine Fraktionskollegen: "Weil wir glauben, dass diese Gedenkstätte zu einer Pilgerstätte für Rechtsradikale, für Rechtsextreme und für Nationalisten werden könnte."

Roland Fleischer, SPD - Stadtrat Bautzen

SPD-Stadtrat Fleischer hat sich Gedanken gemacht - und seine Meinung übers Denkmal geändert.

Sein Parteifreund im Rathaus, Oberbürgermeister Alexander Ahrens, teilt diese Sorge nicht. Trotz vieler Kritikpunkte an Bismarck, unter dem Strich sei der Reichsgründer für seine Zeit fortschrittlich gewesen, so Ahrens. "Demokratie braucht Auseinandersetzung, allerdings mit Anstand und Respekt vor dem jeweiligen Gegner. Und ich finde, das ist förmlich eine Steilvorlage, tatsächlich dieses Denkmal wieder zu errichten, weil da haben wir einen Stein des Anstoßes, der eben zu Diskussionen führen kann." Eine ergänzende Tafel solle auf die Schattenseiten der Politik des Reichskanzlers hinweisen.

Ob Bismarck bald im Biergarten auf dem Czorneboh steht? Noch Ende November will der Bautzener Stadtrat darüber endgültig entscheiden. Die Mehrheitsverhältnisse sind vor der Abstimmung unklar.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. November 2021 um 22:15 Uhr.