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Neuss Die zermürbende Wohnungssuche

Stand: 11.05.2022 15:57 Uhr

Hohe Mieten sind längst nicht mehr nur ein Thema in Großstädten: In Neuss versucht die Stadtverwaltung, mit sozialem Wohnungsbau gegenzusteuern - manche Familien finden dennoch seit Jahren nicht die passende Wohnung.

Von Jan Koch, WDR

Die Kleinsten der Familie Rodrigues, Lili und Tiago, toben über die Matratze, bahnen sich ihren Weg durch Kissen, Spielzeug, hin zu einer Hängeschaukel, die an der Decke befestigt ist. Die fünf- und zweijährigen Kinder toben allerdings nicht in ihrem Kinderzimmer, sondern im eigentlichen Elternschlafzimmer.

Jan Koch

Der Neusser Familie fehlt ein Zimmer. Das wird sehr schnell klar, wenn Vater Floreano und Mutter Eugenia ihre Wohnung zeigen.

Floreano Rodrigues sagt: "Ich muss leider auf der Couch schlafen, weil gar kein Platz ist. Da schläft die Kleine, da schläft der ganz Kleine. Sie schläft in der Mitte - und die beiden haben das Talent, sich extrem breit zu machen, er liegt quer, sie liegt quer und dann würde ich aus dem Bett fallen." Seine Partnerin Eugenia Ciz ergänzt: "Die Zweisamkeit, die bleibt auf jeden Fall auf der Strecke."

Und so fehlt ihnen vor allem eins: Raum. Nicht nur physisch, sondern auch Raum für Ruhe, Entspannung, Privatsphäre. Die Drei-Zimmer-Wohnung mit Küche, Diele, Bad ist für die fünfköpfige Familie viel zu eng. Denn neben dem Müllerwerker, der Altenpflegerin und ihren beiden Kindern Lili und Tiago wohnt auch die älteste Tochter noch in der Wohnung, die sich wohl am glücklichsten schätzen kann.

Denn sie hat ihr eigenes Zimmer. "Das braucht eine Jugendliche einfach", erklärt Mutter Eugenia. "Daher war für uns klar, dass sie eines der drei Zimmer für sich bekommt."

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Seit Jahren sucht diese Neusser Familie eine bezahlbare Wohnung - bislang vergebens.

"Ich wünsche mir ein Hochbett"

Von einem eigenen Zimmer träumt auch die kleine fünf Jahre alte Lili. "Ich wünsche mir ein Hochbett", ruft sie dazwischen, als Vater Floreano erzählt, dass es sie traurig macht, Lili mit ihrem Wunsch auf einen eigenen Raum immer wieder vertrösten zu müssen. Denn dafür brauchen sie eine neue Wohnung.

Und die finden sie nicht, schon seit sechs Jahren. Solange suchen sie. Mal mehr, mal weniger euphorisch, größtenteils aber frustriert, erklärt Floreano Rodrigues: "Es ist richtig anstrengend. Wenn wir mal wieder suchen und eine Wohnung finden, bei der der Preis stimmt, die Größe stimmt, dann überlegt man aber schon: Schreiben wir sie überhaupt an? Denn häufig denken wir dann auch: Die kriegen wir doch eh nicht. Warum geben wir uns überhaupt die Mühe, etwas zu schreiben."

Nur zu wenigen Besichtigungen eingeladen

Hunderte Wohnungsanzeigen haben sie sich über die Jahre angesehen, doch zu den wenigsten Besichtigungen werden sie eingeladen, die wenigsten Wohnungen können sie sich wirklich leisten. Der Müllwerker und die Altenpflegerin hoffen daher auf Wartelisten und auf Mietpreisdeckelungen.

Dabei leben sie weder in Köln, Hamburg oder München, sondern in Neuss, einer Mittelstadt direkt neben Düsseldorf. Nur der Rhein teilt die beiden Städte. Ein Vorteil für Neusser, ihre Infrastruktur, Anbindung an Einkaufen, Nachtleben und Industrie. Doch gleichzeitig auch ihr Nachteil. Denn dadurch, dass Neuss zum Ballungsraum einer der teuersten Städte Deutschlands gehört, strahlt dies auch in die Mittelstadt aus. Wohnen ist in Neuss etwas teurer als im NRW-Schnitt: Mit gut zehn Euro pro Quadratmeter. Und die Mieten steigen.

Eine Maßnahme, steigende Mietpreise zu bekämpfen, sieht die Stadt im Bau von Sozialwohnungen. Davon gibt es immer weniger. Bundesweit hat sich die Zahl der Sozialwohnungen seit 2006 halbiert.

Christoph Hölters | Jan Koch

Baudezernent Christoph Hölters über den Dächern der neu entstandenen Sozialwohnungen, die innerhalb kurzer Zeit vergriffen waren. Bild: Jan Koch

Zu wenig Platz für neue Wohnungen

Doch nicht nur, weil zu wenige gebaut werden, sondern auch weil es zu wenig Platz gibt, um überhaupt zu bauen. In Neuss entstanden gegen den Trend auf dem Gelände einer alten Fabrik mehr als 100 Sozialwohnungen. Mit Fördergeldern und gebaut vom Neusser Bauverein, kostet der Quadratmeter in diesen Wohnungen gut sechs Euro. Weit unter dem Neusser, aber auch dem NRW-Durchschnitt.

Hier soll für alle was dabei sein, wirbt die Stadt: Ob für Paare, Singles oder kleine Familien. Daher war auch alles rasant vom Markt. Die Nachfrage nach Wohnraum ist so immens hoch, dass das Angebot nach kurzer Zeit vergriffen war.

"Gerne würden wir deswegen noch mehr günstige Wohnungen anbieten", erklärt Christoph Hölters, Baudezernent der rheinischen Stadt. "Wir beobachten schon seit vielen Jahren, dass 1000 Menschen im Jahr aus dem benachbarten Düsseldorf nach Neuss ziehen und 1000 Menschen aus Neuss ins Umland ziehen. Das ist ein belastbarer Wert und da gehen wir entsprechend mit um." Neuss sei daher Teil eines erweiterten regionalen Wohnungsmarktes, "mit dem sozialen Wohnungsbau können wir letztendlich die Mietpreise da noch auf einem niedrigerem Niveau halten", so Hölters.

Mieterbund rechnet mit weiter steigenden Mieten

Die Miete für Sozialwohnungen ist auf bis zu 25 Jahre festgeschrieben. Das reiche aber nicht, fordert der Mieterbund. Hans-Jochem Witzke ist Vorsitzender für Düsseldorf und Neuss, aber auch für ganz Nordrhein-Westfalen. "Wir fordern Bindungen von 40 oder 50 Jahren."

Die Eigentümervertretung Haus und Grund sieht im sozialen Wohnungsbau zwar auch eine Maßnahme, die Mietpreise niedriger zu halten und Wohnraum für wirtschaftlich schwächere Bevölkerungsteile zu garantieren. Doch eigentlich wollen deren Vertreter in Neuss einen anderen Weg einschlagen: Sie fordern eine klare Strategie zur Eigentumsförderung. Die Kosten dafür seien immer noch viel hoch, die Anreize zu niedrig. Sie wollen mehr Menschen zu Wohnungsbesitzern, statt zu Mietern machen. Eine Maßnahme ihrer Meinung nach wäre die Senkung der Grunderwerbssteuer.

"Es gibt gerade keine Grundstücke"

Eine weitere Maßnahme wäre die Erschließung neuen Baulands und die Umwidmung bestehender zum Beispiel Gewerbeimmobilien hin zu Wohnimmobilien. Alexander Busch von Haus und Grund Neuss meint: "Neuss hat eigentlich schon den Vorteil, dass wir hier durch die Grundstückspreissituation einen Standortvorteil haben, günstiger sind als zum Beispiel in einer Großstadt wie Düsseldorf. Aber nur einen theoretischen, denn es gibt gerade keine Grundstücke."

Einig sind sie sich allerdings alle in einem: Es muss mehr gebaut werden. Denn es gibt eine eklatante Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Diese zu schließen, darauf hofft auch Familie Rodrigues. Denn für sie bleibt nur das alte Sprichwort: Die Hoffnung stirbt zuletzt. "Und die verlieren wir auch nicht", erzählt Mutter Eugenia Ciz. "Denn wir wollen auch die Wünsche der Kinder erfüllen. Auf ein Hochbett, ein eigenes Zimmer, so dass auch wir, Floreano und ich, unser Wohnzimmer zurückbekommen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. Mai 2022 um 22:15 Uhr.