Franziska Schnitzler und ihr Sohn Theo stehen in der Tür eines Tiny Houses. | Christian Kretschmer
mittendrin

Ahrtal Im Tiny House zurück im Flutgebiet

Stand: 08.06.2022 11:40 Uhr

Das Winzerdorf Dernau an der Ahr wurde vergangenes Jahr hart von der Flut getroffen, der Wiederaufbau läuft schleppend. Immerhin ist der Ort wieder bewohnt: In Tiny Houses haben Flutgeschädigte ein Zuhause gefunden.

Von Christian Kretschmer, SWR

In ihrer alten Heimat hat Franziska Schnitzler ein neues Leben angefangen. Ein neues Leben im Tiny House, in ihrem von der Flut schwer getroffenen Heimatdorf Dernau. Monatelang war die 27-Jährige mit ihrem sechs Jahre alten Sohn Theo in Ausweichquartieren untergebracht, einige Kilometer entfernt. Ihr altes Haus steht nicht mehr.

Christian Kretschmer

"Wir fühlen uns ganz wohl hier", sagt sie beim Rundgang durch ihr neues, 32 Quadratmeter kleines Zuhause. Ihre Familie lebt in unmittelbarer Nähe, ebenso wie die Freunde ihres Sohnes. "Jetzt wieder im Ort zu sein und hier wohnen zu können", sagt die Studentin, "das war uns sehr wichtig."

Franziska Schnitzler und ihr Sohn Theo sprechen in einem Tiny House miteinander. | Christian Kretschmer

Den kleinen Esstisch hat Franziska Schnitzler zu einem Arbeitsplatz umfunktioniert. Bild: Christian Kretschmer

Nicht alles läuft rund

Ihr Tiny House hat alles, was man zum Leben braucht: eine Küchenzeile, ein Schlafzimmer, Bad mit Dusche, ein kleines Kinderzimmer, ein Wohnzimmer mit Sofa. Darüber hängt ein Panorama-Foto von Dernau. "Das alte Dernau, muss man ja inzwischen sagen", sagt Schnitzler mit einem fast wehmütigen Lächeln. Das Bild hing einige Zentimeter tief im Wasser der Ahr, als der Fluss ihr altes Zuhause verwüstete.

"Früher habe ich auch gerne für Freunde gekocht. Aber ein großer Esstisch ist hier nicht mehr möglich", sagt Schnitzler und blickt auf ihren kleinen Tisch im Tiny House. Der ist mittlerweile zum Arbeitsplatz umfunktioniert worden.

"Wir waren ja lange wie ein Geisterdorf"

Rund 200 Tiny Houses stehen inzwischen in der Ahr-Region, zum Beispiel in Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig und Grafschaft. Bei der Bereitstellung der Tiny Houses, die durch Spenden finanziert wurden, kam es teils zu deutlichen Verzögerungen: Manche Betroffene berichten von einer monatelangen Wartezeit. Auch bei Schnitzler läuft noch nicht alles rund. Der Herd ist seit dem Einzug vor fünf Monaten defekt. Sie behilft sich mit einer kleinen Camping-Kochplatte. Der Lieferant, der den Schaden beheben solle, melde sich leider nicht.

Betrieben werden die Tiny Houses durch die Gemeinden, die dafür etwa Strom- und Wasseranschlüsse neu verlegen mussten. Unter Hochdruck wurde neuer Wohnraum geschaffen, denn noch immer sind allein in Dernau 90 Prozent der von der Flut betroffenen Häuser wegen der Schäden unbewohnt. Die provisorischen Unterkünfte wie die Tiny Houses seien "extrem wichtig", erzählt Alfred Sebastian, Ortsbürgermeister von Dernau. "So ist wieder Leben im Ort", sagt er. "Wir waren ja lange wie ein Geisterdorf".

Hedwig und Oskar Gorbach | Christian Kretschmer

Hedwig und Oskar Gorbach sind in einer Wohnanlage mitten im Ort untergekommen. Bild: Christian Kretschmer

"Es könnte viel schlimmer sein"

Auch für Senioren hat man inzwischen Übergangslösungen gefunden: Mitten im Ort befindet sich eine Wohnanlage für 15 Menschen, die dort auf jeweils 40 Quadratmetern leben und in einem Gemeinschaftsbereich essen können. "Tritt ein, bring Sonnenschein", strahlt es von einem bunten Schild an der Tür von Hedwig und Oskar Gorbach. Beide sind Mitte 80.

Nach dem Eintreten steht man mitten in der kleinen Küche. Rechts daneben befindet sich das Wohnzimmer mit Fernseher und Tischchen. Auf der linken Seite: das Schlafzimmer mit zwei Betten, dazwischen eine Plastikbox mit Lebensmitteln - kaum mehr. Sie fühle sich wohl, sagt Gorbach, und ergänzt: "Es könnte viel schlimmer sein". Für beide reiche wenig. "Was bleibt einem auch anderes übrig", sagt ihr Mann. Trotz allem Pragmatismus: Die CDs und Schallplatten mit klassischer Musik, die Fotoalben mit den Bildern von Urlaubsreisen und von der Familie - das vermissen sie.

Blick ins Innere eines Tiny Houses. | Christian Kretschmer

Ein Sofa, ein Fernseher, ein kleines Tischchen - mehr passt nicht ins Wohnzimmer der Gorbachs. Bild: Christian Kretschmer

Wiederaufbau oft auf der Kippe

Die Generation, die noch den Zweiten Weltkrieg erlebt habe, beklage sich kaum über die Umstände, sagt Doreen Kistner vom Arbeiter-Samariter-Bund. Die Sozialbetreuerin kümmert sich um die Bewohner der Seniorenanlage. Der psychische Zustand der Menschen hänge oftmals mit dem Zustand des Wiederaufbaus zusammen, auch wenn es nicht jeder zeige. "Da haben wir ein Auge drauf", sagt Kistner. "Gerade bei den Bewohnern, von denen wir wissen, da könnte es mit dem Haus schwierig werden."

Die Zukunft von Gorbachs altem Haus ist immer noch ungewiss. Eventuell muss es abgerissen werden, denn es ist mit Heizöl kontaminiert worden. Franziska Schnitzler würde gerne gemeinsam mit ihrem Vater das Haus ihrer Familie samt Gasthof wieder aufbauen. Aber sie hat andere Probleme: Weder sie noch ihr Vater seien bislang antragsberechtigt für die staatliche Wiederaufbauhilfe. Denn das Grundstück gehört der Großmutter - für sie komme jedoch ein Wiederaufbau altersbedingt und aus finanziellen Gründen nicht infrage.

Bürokratie sorgt für Frust

Erben können nur unter bestimmten Voraussetzungen die Wiederaufbauhilfe beantragen. Von den Behörden habe es hierzu lange keine klare Aussage gegeben, sagt Schnitzler. Die Kommunikation sei schwierig, viel bürokratischer als angekündigt. "Man fühlt sich belogen", sagt sie. Sie hofft nun auf eine Berechtigung als Härtefall.

Die Klagen über zu viel Bürokratie sind kein Einzelfall. "Ich kenne mehrere Familien, die frustriert sind", sagt Ortsbürgermeister Sebastian. "Die bekommen von offizieller Seite keine Antwort, warten immer noch auf die Wiederaufbauhilfe. Und manche können deswegen keine Handwerker mehr beschäftigen, weil das Geld aufgebraucht ist." Elf Monate nach der Flut ist klar: Es wird Provisorien wie die Tiny Houses noch eine Weile brauchen.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 08. Juni 2022 um 22:15 Uhr.