Rettungsmannschaften kämpfen gegen die ansteigende Flut. (Archivbild: 17.02.1962) | dpa
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Hamburger Sturmflut vor 60 Jahren Als das Wasser kam

Stand: 16.02.2022 10:54 Uhr

Es gab eine Sturmflutwarnung heute vor 60 Jahren, doch in Hamburg nahm sie kaum jemand ernst. In der Nacht brachen dann viele Deiche, 315 Menschen starben. Heute sind die Deiche höher - der Meeresspiegel aber auch.

Von Katharina von Tschurtschenthaler, NDR

"Ich träume, dass das Wasser überall aus den Ritzen im Fußboden hochkommt. Dass ich am Abgrund stehe, um mich herum überall Wasser." Noch immer träumt Monika Genz jede Nacht davon.

Die Nacht, in der das Sturmtief "Vincette" zum Orkan wurde und mit 130 Kilometern pro Stunde den Norden Deutschlands heimsuchte, ist 60 Jahre her. Doch kaum ein anderes Nachkriegsereignis hat die heute 80-Jährige und viele andere Norddeutsche so sehr geprägt wie die Flutkatastrophe in der Nacht auf den 17. Februar.

Sturmwarnungen nicht ernst genommen

Die Sturmwarnungen im Radio wurden im Laufe des Abends an die bedrohliche Lage angepasst - doch die Hamburger nahmen sie nicht ernst, weil von einer Sturmflut an der Nordseeküste die Rede war, ihre Stadt aber nicht explizit erwähnt wurde. Die Menschen fühlten sich sicher hinter ihren Deichen, die letzte schwere Sturmflut lag immerhin 107 Jahre zurück.

Auch Monika Genz wusste noch nicht, wie sehr die Lage eskalieren würde, als sie von einem Kino-Rendezvous mit ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann Heiner nach Hamburg-Neuenfelde zurückkehrte. Als sie in ihr Elternhaus wollte, stand das Wasser fast an der Deichkrone. Klitschnass rettete sie sich mit einigen Nachbarn auf allen Vieren in die höhergelegene alte Mühle.

"Dann wurde es immer ruhiger und ruhiger"

"Erst hat noch alles durcheinandergeschrien und geweint, und dann wurde es immer ruhiger und ruhiger", berichtet sie. "Einige ältere Leute haben sich in diese Getreidesäcke reingewühlt, dadurch konnten sie sich wieder erwärmen, und wurden trocken." Etwa 25 Menschen verbrachten die Nacht in dem Gebäude, mit der Angst, die Fenster könnten unter dem Druck des Wellenschlags zerbersten.

Erst bei Tagesanbruch trauten sich die Gestrandeten nach draußen - und sahen das volle Ausmaß der Katastrophe. Das Wasser hatte fast alle Deiche und Dämme der Hansestadt überflutet, bis zum frühen Morgen waren sie an 60 Stellen gebrochen. Das Wasser riss Häuser mit, entwurzelte Bäume, zerstörte Straßen und Gleise.

17.02.1962, Hamburg: Eine Frau wird mit einem Schlauchboot in Sicherheit gebracht | dpa

315 Menschen starben durch die Sturmflut, Zehntausende wurden obdachlos. Aus ihren überfluteten Häusern wurden sie oft mit Schlauchbooten gerettet. Bild: dpa

Viele konnten nie wieder in ihre Häuser zurück

Viele Gebiete waren von der Außenwelt abgeschnitten, Strom und Telefon fielen aus, etwa 100.000 Hamburger waren von den Wassermassen eingeschlossen und mussten zum Teil per Hubschrauber evakuiert werden. Viele konnten nie wieder in ihre Häuser zurückkehren.

Tagelang hatte Monika Genz keinen Kontakt zu ihrem Freund, glaubte nicht daran, dass er die Katastrophe überlebt hatte. Erst fünf Tage später kam er ihr auf dem Deich in Neuenfelde entgegen: "Ich sah ihn schon von weitem, erkannte ihn an seinem Schlendergang. Und konnte es doch nicht glauben."

Sturmflut Hamburg 1962

Stadt investiert Millionen in Hochwasserschutz

Die Nacht auf den 17. Februar 1962 prägte nicht nur das Schicksal vieler Menschen, sie bewirkte auch ein Umdenken beim Hochwasserschutz. Sämtliche Deiche gingen in das Eigentum der Hansestadt über. Seitdem kümmert sich die Verwaltung um die 103 Kilometer lange Hochwasserschutz-Linie. Zwischen 20 und 30 Millionen Euro werden jährlich investiert - für die Deicherhöhung oder die Errichtung neuer Flutschutztore wie etwa am Baumwall unweit der Elbphilharmonie vor zwei Jahren.

Allein sechs Millionen Euro kostet die Pflege der Hochwasserschutz-Anlagen, erklärt Staatsrat Wolfgang Michael Pollmann von der zuständigen Umwelt- und Energiebehörde. "Das, was 1962 passiert ist, dagegen wären wir heute mit Sicherheit gewappnet." So wird der Deich im Stadtteil Wilhelmsburg, der besonders hart von der Flut betroffen war, Stück für Stück auf 8,10 Meter erhöht, das sind zweieinhalb Meter mehr als vor 60 Jahren.

Ein Auto steht auf dem Fischmarkt mit der Fischauktionshalle während einer Sturmflut im Wasser der Elbe (Archivbild Januar 2022) | dpa

Auch heute stehen Bereiche am Hamburger Hafen regelmäßig nach einer Sturmflut unter Wasser. Dank hoher Flutschutzmauern ist das aber nur noch eine Gefahr für Autos, die nicht rechtzeitig umgeparkt werden, nicht mehr für Anwohner. Bild: dpa

Flutnacht ins Gedächtnis eingebrannt

Die Strategie der Stadt ist, nicht mehr nur auf Umweltkatastrophen zu reagieren, sondern bereits im Vorfeld gewappnet zu sein. "Wir müssen antizipieren, dass mit dem steigenden Meeresspiegel, mit stärkeren Winden aufgrund des Klimawandels auch die Sturmflutrisiken weitersteigen werden," so Pollmann. Experten rechnen für das Jahr 2100 an der Nordseeküste mit einem Ansteigen des Meeresspiegels um bis zu einem Meter im Vergleich zur Jahrtausendwende.

Monika und Heiner Genz | Genz

Monika und Heiner Genz im Jahr 1962. Nach der Flutnacht zogen sie von der Elbe weg. Bild: Genz

Für das Ehepaar Genz gibt es immer noch ein Leben vor und ein Leben nach der Flut. "Wenn wir jemanden kennenlernen, dann fragen wir: Wann bist Du geboren? Ah, 1964. Also nach der Flut. Das ist bei uns eingebrannt", erzählt Heiner Genz. Die beiden haben sich nach der Flutnacht 1962 von der Elbe verabschiedet. Sie wohnen mittlerweile 20 Kilometer entfernt - auf dem so genannten Hexenberg. Er liegt 39 Meter über dem Meeresspiegel.