Wanderer und Mountainbiker
#mittendrin

Wanderer vs. Mountainbiker Der Streit um den Wald

Stand: 05.07.2021 15:12 Uhr

Im Lockdown ist es auf Waldwegen voller geworden: Wanderer wollen dort entspannen, Mountainbiker sich austoben. Das führt zu Konflikten. Wie könnte eine Lösung aussehen?

Von Peter Sonnenberg, SWR

Im Wald hört man eine Fahrradklingel ziemlich weit und es ist unmissverständlich, worauf sie hinweist. Ein Schritt zur Seite, ein freundlicher Gruß und Wanderer und Radfahrer gehen wieder ihrer Wege - im Idealfall. Im schlechteren Fall hat ein Mountainbiker keine Klingel und der Wanderer erschreckt sich, wenn er auftaucht. Oder der Wanderer hört eine Klingel, will aber keinen Platz machen.

Peter Sonnenberg

Nicht selten entsteht derzeit Zoff auf Waldwegen, weil es beiden Seiten an Verständnis für den anderen fehlt. Meist verlaufen die Begegnungen im Wald konfliktfrei. Aber eine Umfrage der Pfalz-Touristik-Agentur hat ergeben, dass sich ein Viertel der befragten Wanderer im Pfälzer Wald von Radfahrern belästigt fühlt.

Mehr Radfahrer, nicht nur im Pfälzer Wald

"Wir haben eine starke Zunahme von Radfahrern im Wald", sagt Tobias Kauf, stellvertretender Geschäftsführer der Pfalz-Touristik. "Die Fahrradgeschäfte sind ausverkauft und viele wollen im Wald fahren. Und hier gibt es immer noch den Irrtum, das sei überall erlaubt, aber das stimmt nicht." In Rheinland-Pfalz zum Beispiel verbietet das Landeswaldgesetz Mountainbikern Fahrten auf schmalen Wegen, es sei denn, diese sind als Mountainbike-Park ausgewiesen. Kauf plädiert für gute Besucherlenkung, also für eine weitgehende Trennung von Wanderwegen und Mountainbike-Trails.

Michael Maul, Vorsitzender der "Pfalzbiker", einem Mountainbike-Verein aus der Region, hätte nichts gegen eigene Wege für seinen Sport. "Aber für uns gibt es vielerorts überhaupt kein Angebot. Man ist auf uns Mountainbiker nicht zugegangen, sondern hat viel versprochen und wenig umgesetzt." Er fordert aber nicht nur Mountainbike-spezifische Angebote im Wald, sondern auch freie Fahrt auf allen Wegen, zumindest für Einheimische.

 

Mountainbikefahrer steuern ihr Rad bergab. | Peter Sonnenberg / SWR

Radfahrer im Pfälzer Wald. Bild: Peter Sonnenberg / SWR

Mountainbikefahrer steht neben seinem Rad. | Peter Sonnenberg /SWR

In der Pandemie haben viele Menschen das Mountainbiken für sich entdeckt. Bild: Peter Sonnenberg /SWR

Illegale Trails im Wald

"Es sind aber viel weniger die in Vereinen organisierten Biker ein Problem, sondern die, die sich über soziale Netzwerke organisieren, aus dem Internet die Pläne nicht genehmigter Trails runterladen und dann fahren", sagt Günter Franz von der Oberen Forstbehörde. Vereine dagegen schulten ihre Mitglieder und seien meist vernünftig.

Mountainbiker haben einen stärkeren Impact auf den Wald als Wanderer. Sie erschrecken Tiere wegen der höheren Geschwindigkeit und tragen mit ihren Reifen und mit starken Bremsungen mehr zur Bodenerosion bei.

Trotz der Größe des Pfälzer Waldes haben Tiere auch hier nicht mehr viele Rückzugsgebiete. Aber gerade solche abgelegenen Waldgebiete sind interessant für Trailbauer, die bei ihren illegalen Waldaktivitäten nicht gerne beobachtet werden. Hier spuren sie steile Querfeldeinabfahrten und bauen sogar Holzrampen als Sprungschanzen. Die Forstbehörde beseitigt solche Bauten, wenn sie Kenntnis davon erhalten, aber die Verantwortlichen kriegen sie fast nie zu fassen.

Neustadt an der Weinstraße, Rheinland-Pfalz | klaes-images/Jochen Heim

Die schöne Landschaft im Pfälzer Wald, hier ein Foto aus Neustadt an der Weinstraße, zieht Wanderer und Radfahrer an. Bild: klaes-images/Jochen Heim

Es fehlt an Angeboten für Mountainbiker

Deutlich wird an solchen illegalen Aktivitäten aber der Bedarf an legalen Strecken für Mountainbiker. MTB-Tourguide Philipp Herale von der Sektion Landau des Deutschen Alpenvereins betont, Rücksichtnahme und Umweltschutz spielen in seinem Verein eine große Rolle. Aber er wirbt um Verständnis für seinen Sport: "Es ist elementarer Bestandteil unseres Sports, schmale, anspruchsvolle Wege runterzufahren, breite Wege werden schnell langweilig für uns."

Der Wanderer weiß meist nicht um die Vielzahl der Disziplinen im Mountainbike-Sport: Nimmt ein Cross-Country-Fahrer auch mal einen breiteren Waldweg in Kauf, geht es einem Enduro- oder Downhill-Fahrer um anspruchsvolle Abfahrten, dem Dirt-Biker um Sprünge und dem Trialer um Körperbeherrschung und Balance.

"Dass wir auf Waldwegen manchmal beschimpft werden, liegt auch an Schildern, die kürzlich aufgestellt worden sind. Die sagen den Wanderern, dass wir nicht auf allen Wegen fahren dürfen", berichtet Herale. "Es ist aber nicht genau definiert, welche Wege das betrifft. Deshalb fühlt sich der Wanderer im Recht und wir können es oft gar nicht richtig machen."

Mountainbiker im Gelände | GIAN EHRENZELLER/EPA-EFE/REX/Shu

Mountainbiker brauchen nicht unbedingt befestigte Radwege. Bild: GIAN EHRENZELLER/EPA-EFE/REX/Shu

Bringt Runder Tisch die Lösung?

Am Haardtrand im Pfälzer Wald haben die Interessengruppen schon vor mehr als einem Jahr einen Runden Tisch ins Leben gerufen, um besser auf die jeweiligen Bedürfnisse einzugehen und um Verständnis für alle Beteiligten zu werben. "Wir sind strategisch auf Wanderer zugegangen und haben erfolgreich Angebote für sie geschaffen", sagt Tobias Kauf von Pfalz-Touristik.

"Wir sind aber nicht auf die Mountainbiker zugegangen, vielleicht auch, weil wir Konflikte befürchtet haben. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Wir haben eine große Nachfrage nach Mountainbike-Trails, aber wir haben kein Angebot. Jetzt gehen wir in die Genehmigungsverfahren für solche Trails, aber das kann drei bis vier Jahre dauern."

Besucherlenkung könnte ein Anfang sein, um Konflikte im Wald zu vermeiden. "Gegenseitige Rücksichtnahme ist unsere eiserne Regel", sagt Mountainbike-Guide Philipp Herale, "damit fahren wir am besten". Vielleicht deshalb sind ihm und den Teilnehmern seiner Touren meistens auch die Wanderer sehr freundlich begegnet.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Juli 2021 um 22:15 Uhr.