Protestschilder der Initiative "AAA Pödelwitz" hängen in dem Dorf.
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tagesthemen mittendrin Ein Dorf will bleiben

Stand: 23.09.2020 15:52 Uhr

Das Dorf Pödelwitz im sächsischen Tagebaurevier sollte eigentlich der Kohle weichen. 80 Prozent der Bewohner zogen freiwillig um. Dann kam der Kohleausstieg. Und jetzt?

Von Sven Knobloch, MDR

Der Tagebau Schleenhain endet direkt an der Dorfgrenze von Pödelwitz. An dem riesigen Krater muss jeder vorbei, der über die Bundesstraße ins Dorf fährt. "Mein Haus ist das mit dem großen Transparent. Können sie nicht verfehlen", sagt Jens Hausner am Telefon. Und wirklich: "Zukunft statt Braunkohle" prangt an der Hauswand. Das ist in dem 40-Häuser-Ort nicht zu übersehen.

Hausner ist 54 Jahre alt, Landwirt und wohnt seit Jahrzehnten in dem kleinen sächsischen Dorf. Hier wollte er auch nicht weg. Als die mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft MIBRAG plante, das Dorf abzubaggern, entschieden sich 80 Prozent des Dorfes freiwillig umzusiedeln. Dafür bekamen sie Entschädigungen von der MIBRAG.

Hausner wehrt sich

Hausner blieb und gründete die Bürgerinitiative "Pro Pödelwitz", um sich gegen die drohende Abbaggerung zu wehren. Jetzt, durch den vorzeitigen Kohleausstieg, scheint das Dorf plötzlich gerettet. Und auch die schwarz-grün-rote Landesregierung hat sich inzwischen zu Pödelwitz bekannt.

Doch für Pödelwitz stellen sich neue Fragen: Wie kann das Dorf nach dem langen Kampf eine Zukunft haben?

Was passiert mit den Häusern?

Die MIBRAG besitzt den Großteil der Häuser im Ort. Sie stehen leer, drohen zu verfallen. Bei einem Rundgang durch das Dorf fallen überall die Schilder ins Auge: "Privatgelände". "Unbefugten ist das Betreten und Befahren verboten." Dazu das Logo der MIBRAG. Bislang gibt es kein Zeichen, was mit den Häusern passieren soll. Auch auf Nachfrage will sich das Unternehmen nicht äußern.

Hausner wünscht sich, dass die Landesregierung die Häuser kauft, zum Beispiel über eine Stiftung - und dann an Menschen verkauft, die den Ort mit Leben füllen. "Wir sind hier 20 Kilometer südlich von Leipzig", sagt er. "Wir wissen, dass in Leipzig Wohnraum dringend benötigt wird. Und hier stehen Grundstücke leer. Das darf politisch nicht gewollt sein."

Sehnsucht nach dem Dorfleben

Auch seine Stieftochter Franzi würde gerne nach Pödelwitz zurückkehren. Vor sechs Jahren ist sie nach Leipzig gezogen und arbeitet dort. Doch so langsam sehnt sich die 27-Jährige wieder nach dem Dorfleben.

"Hier kennt jeder jeden. In der Stadt ist es total anonym", sagt sie. Sie würde sich gerne im Elternhaus eine alte Scheune ausbauen. Noch aber fehlt ihr die klare Perspektive für Pödelwitz. Helfen wollen dabei die einzigen neuen Bewohner, die zuletzt nach Pödelwitz gezogen sind.

Pödelwitz, südlich von Leipzig: Das Dorf liegt nur 500 Meter vom Tagebau Vereinigtes Schleenhain entfernt. Der Ort im Leipziger Braunkohlerevier will zu einem Vorzeigeprojekt des Strukturwandels werden.

Pödelwitz, südlich von Leipzig: Das Dorf liegt nur 500 Meter vom Tagebau Vereinigtes Schleenhain entfernt. Der Ort im Leipziger Braunkohlerevier will zu einem Vorzeigeprojekt des Strukturwandels werden.

Aktivisten der Klima-Bewegung

Die Gruppe "AAA - Aufstand am Abgrund" hat von der Kirchgemeinde ein kleines Grundstück gepachtet. Dort leben etwa zehn Aktivistinnen und Aktivisten aus der Klima-Bewegung, in Bauwagen und Zelten. Sie bewirtschaften einen Garten, haben sich eine kleine Infrastruktur aufgebaut.

"Der Router hängt im Walnussbaum", sagt eine Aktivistin. Ursprünglich war die Gruppe hierhergezogen, um Pödelwitz zu unterstützen und zu retten. Nun würden sie gerne bleiben und helfen, das Dorf neu aufzubauen. Auch ein junger Mann mit rotem Vollbart, der sich Mambo nennt. Er ist vor eineinhalb Jahren aus Trier hierher gezogen. "Wir haben viele Ideen. Hier könnte ein Bildungsort entstehen, Werkstätten, ein Dorfladen."

Doch auch die Gruppe will eine Perspektive. Es wäre einfacher, Energie in den Ort zu stecken, wenn man wüsste, dass man in zehn Jahren noch da sein kann, meint Mambo.

Musterdorf für den Strukturwandel?

Die Aktivisten und die Ur-Pödelwitzer wollen nun gemeinsam versuchen, das Dorf wiederzubeleben. Dafür haben sie ein Maßnahmenpapier geschrieben. Klimafreundlich soll die Zukunft sein, die Verkehrsanbindung sich verbessern und neue Gemeinschaftsangebote entstehen. Und sie wollen keine Großinvestoren im Ort.

"Wenn wir das schaffen, dann können wir ein Musterdorf für den Strukturwandel werden", sagt Hausner. Ohne die Hilfe der Politik und ein Einlenken MIBRAG wird es schwierig für Pödelwitz. Doch die Menschen bringen etwas ein, das überall im Ort zu sehen ist. An vielen Häusern sind rote Herzen an die Wände gesprüht. Herzblut haben die Pödelwitzer. Das Dorf will nicht einfach nur bleiben, es will sich neu erfinden.