Probe der 42. Oberammergauer Passionsspiele in Oberammergau | REUTERS
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Passionsspiele in Oberammergau Die Auferstehung nach Corona

Stand: 13.05.2022 15:02 Uhr

Mit zweijähriger Corona-Verzögerung wartet Oberammergau auf den Beginn des berühmten Passionsspiels. Obwohl vor fast 400 Jahren entstanden, ist die Passion aktueller denn je. Auch der Ukraine-Krieg hat das Spiel beeinflusst.

Von Martin Breitkopf, BR

Wer durch Oberammergau läuft, dem fällt gleich auf, wie ernst es die Oberammergauer mit ihrer Passion nehmen. Auffällig viele langhaarige und bärtige Männer prägen das Straßenbild. Der Haar- und Barterlass verbietet männlichen Darstellern die Rasur und das Haareschneiden.

Nur den Darstellern der römischen Soldaten ist ein Kurzhaarschnitt und ein glattes Kinn erlaubt. Damit alles möglichst authentisch aussieht, wuchern die Haare immer ab Aschermittwoch im Jahr vor einer Passion. Doch wegen der Corona-Verschiebung waren einige schon fast drei Jahre nicht mehr beim Friseur. Das Ritual ist im Ort Kult und stimmt alle schon Monate vor dem ersten Auftritt auf die Rolle ein.

Nur wer in Oberammergau geboren ist oder mindestens 20 Jahre im Dorf lebt, darf mitspielen - das schreibt das Spielrecht vor. Im Laufe der fast 400-jährigen Passionsgeschichte hat es sich immer wieder geändert. So durften etwas bis 1984 keine verheirateten Frauen und Frauen über 35 Jahre mitspielen. Eine Schande, fanden einige Oberammergauerinnen und erstritten sich vorm Bayerischen Verfassungsgerichtshof das Mitwirkungsrecht. Passionsspielen ist für Oberammergauer einfach eine Leidenschaft und für eine Rolle auf der Bühne wird gekämpft.

Passion soll mehr polarisieren

Auch Spielleiter Christian Stückl, der auch Intendant des Münchner Volkstheaters ist, hat die Passion erneuert. Seit 30 Jahren inszeniert der gebürtige Oberammergauer die Spiele, die für viele im Ort die Welt bedeuten. Stückls Handschrift ist unverkennbar, nicht nur im Text und auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen. So ist es ihm zu verdanken, dass Mitbürger ohne Kirchenmitgliedschaft und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften mitwirken dürfen. Das war davor Hunderte Jahre nur Christen erlaubt.

Dieses Mal hat der Theaterregisseur eine der begehrtesten Hauptrollen, die des Judas, an einen Muslim vergeben. Stückl liebt es zu polarisieren und zu provozieren. Flüchtlingskrise, Corona und der Ukraine-Krieg tun ihr übriges. Das Bühnenbild und die Kostüme sind trist und grau - das soll das derzeitige Gefühl unterstreichen. Stückl hat auch den Text nachjustiert. Jesus ist bei dieser Passion lauter und wirkt verzweifelter angesichts der Lage der Welt.

Der Spielleiter der 42. Oberammergauer Passionsspiele, Christian Stückl | dpa

Christian Stückl, Spielleiter der 42. Oberammergauer Passionsspiele, hat das Stück erneuert. Bild: dpa

Leben von und für die Passion

Rund 1800 Mitwirkende sind es bei dieser Passion, darunter Hunderte Kinder für die großen Volksszenen. Mit einem Durchschnittsalter von rund 30 Jahren ist die Passion so jung wie noch nie. Durch die Verschiebung um zwei Jahre sind gut 300 Bürgerinnen und Bürger abgesprungen oder einfach auch verstorben. Trotzdem beteiligt sich fast das halbe Dorf.

Oberammergau lebt von und für die Passion. In erster Linie wollen sie im Dorf das Gelübde einhalten, dass die Vorfahren 1633 abgelegt haben, um ihr Dorf vor der Pest zu verschonen. Doch die Passion ist für fast alle Betriebe der wirtschaftliche Motor und für die politische Gemeinde Haupteinnahmequelle außerhalb der staatlichen Finanzierung.

Der zweite Darsteller des Jesus, Rochus Rückl (Mitte), bei der Fotoprobe zu den 42. Oberammergauer Passionsspielen . | dpa

Das Bühnenbild und die Kostüme sind trist und grau, alles wirkt verzweifelter angesichts der Lage der Welt. Bild: dpa

Oberammergau ist gemacht für die Passion

Für diese Zeit putzt sich das ganze Dorf heraus. Hotels bekommen neue Betten, Fassaden werden renoviert, Souvenirläden rüsten sich mit Ware auf. Für alle - egal ob Hotels, Lokale oder Holzschnitzgeschäfte und natürlich auch die Gemeinde - muss in dieser Zeit das verdient werden, wovon man die Zeit bis zur nächsten Passion überbrückt.

2010 bei der letzten Passion waren knapp eine halbe Million Gäste im Ort. Laut Bürgermeister Andreas Rödl wurden rund 40 Millionen Euro verdient. "Andere Orte haben Großkonzerne, die Gewerbesteuer zahlen, wir eben die Passion", so der Bürgermeister.

Ein Drittel aller Gäste kommen aus den USA, Großbritannien und Skandinavien. Aber auch viele andere Nationen sind vertreten. Das Dorf Oberammergau präsentiert sich wie eine Filmkulisse - umrahmt von Bergen, dazu Lüftelmalerei an den typisch oberbayerischen Häusern und viel Holzschnitzhandwerk - meist aus Südtiroler Herkunft - in den Schaufenstern.  

Die Passion und Corona

Die Corona-Pandemie überschattete das Leben in Oberammergau stärker als andernorts. Als Spielleiter Stückl 2020 einige Tage vor der Premiere mit Tränen in den Augen die Reißleine zog und die Spiele um zwei Jahre verschob, war das für viele im Ort ein Schock. Tausende von Tickets, Hotelbuchungen und Reisearrangements mussten rückabgewickelt werden, die Darsteller fielen in eine Art Schockstarre und das Passionstheater war mit einem Schlag im Winterschlaf.

Als dann auch noch die Inzidenzzahlen neue Rekordwerte erreichten, glaubte niemand mehr so Recht an eine Premiere in diesem Jahr. Doch hartnäckig wie die Oberammergauer sind, tüftelten sie im Winter ein Hygienekonzept aus. 

Egal ob auf oder hinter der Bühne, jeder musste vor Betreten des Passionstheaters einen Coronatest machen. Auch, als die Bestimmungen von Seiten des Staates längst gelockert waren. Geprobt wurde nur in kleinen Gruppen, der Aufwand war groß doch letztlich zahlte es sich aus. So gibt es im Passionstheater keine Beschränkungen, alle 4400 Plätze dürfen besetzt werden und es gilt weder Masken- noch Testpflicht für die Zuschauenden.

Rund zwei Drittel aller Tickets sind verkauft, vor allem aus Deutschland sei die Nachfrage sehr hoch, sagt Walter Rutz, der Geschäftsführer der Passionsspiele. Viele würden anscheinend nach dem Corona-Lockdown nach solchen Kulturevents lechzen. Tickets gebe es noch in allen Preiskategorien von 30 Euro bis 180 Euro. Die Passionspiele in Oberammergau werden vom 14. Mai bis zum 2. Oktober aufgeführt.

Während für die Besucher alles wie immer ist, müssen sich die Mitwirkenden weiter testen, um Ansteckungen zu minimieren. Von Vorteil ist auch, dass alle Hauptrollen doppelt besetzt sind. Der Spielbetrieb kann auch dann weiterlaufen, wenn sogar Jesus an Corona erkranken würde.

Zahlreiche Darsteller der 42. Passionsspiele Oberammergau stehen bei der ersten großen Probe mit Volk auf der Bühne | dpa

Zahlreiche Darsteller der 42. Passionsspiele Oberammergau stehen bei der ersten großen Probe mit Volk auf der Bühne. Der halbe Ort steht bei der Aufführung auf oder hinter der Bühne. Bild: dpa

Ein Dorf rückt zusammen

Die Oberammergauer sind ein streitbares Volk. Die Passionsgemeinde ist bei Volksentscheiden bayernweit ganz vorn mit dabei. Ob Bürgerbegehren zum Freizeitbad im Ort, Schneekanonen im Skigebiet oder eben immer wieder die Passionsspiele. Von der Gestaltung der Fassade bis zur Verschiebung der Spiele in den Abend.

Doch alle zehn Jahre ist Schluss mit dem Theater und alle ziehen an einem Strang. Jung und Alt raufen sich zusammen und schaffen immer wieder aufs Neue etwas Einzigartiges. Egal ob beim Bühnenbildbau oder in der Schreinerei, überall packen die Dorfbewohner mit an, andere studieren Texte für die Sprecherrollen, wieder andere sind im Chor oder im Orchester engagiert.

Ein halbes Jahr werden sie fast täglich zusammen sein, über 100 Vorstellungen stehen auf dem Plan. Das ist eine intensive Zeit und schweißt zusammen, heißt es immer wieder. Auch die Geselligkeit kommt nie zu kurz. Und obwohl die Geschichte der Passion von anno dazumal ist, fasziniert sie vor allem auch die Jungen. David Bender ist zum ersten Mal bei der Passion dabei und spielt gleich eine Hauptrolle, den Engel, der als Erzähler durch die Passion führt.

Für den 19-Jährigen geht es weniger um Glauben, sondern mehr um das Miteinander. Doch die Rolle prägt ihn mehr und mehr. So meint er etwa, wenn sich mehr Menschen eine Scheibe von Jesus abschneiden würden, wäre die Welt besser. Oberammergauer sind vielleicht keine gläubigeren Menschen, aber die Passion erdet sie immer wieder aufs Neue und kittet so manchen Streit im Dorf.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Mai 2022 um 22:15 Uhr.