Eine Gruppe überwiegend junger Menschen sitzt in einem Stuhlkreis. | Birgit Virnich/WDR
mittendrin

Begegnungsprojekt "Meet a jew" Wie fühlt sich ein Jude in Deutschland?

Stand: 16.06.2022 15:26 Uhr

Miteinander reden, nicht übereinander - das ist das Motto von "Meet a jew". Bei dem Projekt sprechen Juden mit Schülern darüber, wie es ist ein Jude in Deutschland zu sein. Das Ziel: Brücken bauen und Antisemitismus bekämpfen.

Von Birgit Virnich, WDR

Fred Kupermann ist ein Brückenbauer. Der 24-Jährige ist Jude in Deutschland. Was das heißt, erzählt er denen, die keine Juden kennen. Überall in Deutschland. Dafür geht er seit zwei Jahren in Schulen oder Sportvereine.

Birgit Virnich

Heute führt ihn seine Reise nach Dortmund. Dort will er mit Schülern und Schülerinnen eines Berufskollegs ins Gespräch kommen. Eine Begegnung bewirke mehr als Bücher oder Vorträge, erklärt Fred. Zusammen mit Anna Ben-Shlomo, einer Jüdin aus Dortmund, will er vor allem über den Alltag von Jüdinnen und Juden sprechen. Es ist ihnen wichtig, dass die Jugendlichen sie nicht als Opfer sehen, sondern als Teil der Gesellschaft.

Fred Kupermann | Birgit Virnich/WDR

Fred Kupermann will, dass Jüdinnen und Juden nicht nur als Opfer, sondern als Teil der Gesellschaft gesehen werden. Daher spricht er vor allem über Alltägliches in seinem Leben. Bild: Birgit Virnich/WDR

"Es gibt auch moderne Juden"

Wir sind nicht nur auf den Titelseiten von Zeitschriften, wenn es um Antisemitismus geht, wir sind nicht nur die Opfer der Shoa, wir treten nicht nur bei Gedenktagen in Erscheinung mit 3000 Polizeiwagen, die auf uns aufpassen. Es gibt auch junge, moderne Juden. Nicht nur Männer mit Schläfenlocken

Die beiden sind sich einig: keine Tabus bei der Gesprächsrunde heute. Anna Ben-Shlomo will eine Art Raum schaffen, in dem man alles fragen kann. "Die Kids sollen über Vorurteile und Stereotypen sprechen können."

Heute sind sie im Stadion von Borussia Dortmund. Der Fußballverein engagiert sich seit Jahren gegen Antisemitismus und lädt auch immer wieder Schulklassen ein, um Vorurteile abzubauen. "Ich erhoffe mir, den Stein ins Rollen zu bringen", erklärt Kupermann. "Ich werde niemanden zwingen können, gegen Antisemitismus vorzugehen."

Anna Ben-Shlomo  | Birgit Virnich/WDR

Anna Ben-Shlomo spricht mit Schülern darüber, wie es ist Jüdin in Deutschland zu sein. Verbotene Fragen gibt es dabei nicht. Bild: Birgit Virnich/WDR

Direkter Dialog statt Geschichtsunterricht

Natürlich haben Schülerinnen und Schüler Fragen, weil sie immer nur über Jüdinnen und Juden maximal im Geschichtsunterricht hören, aber über das Jetzt spricht niemand.

Miteinander reden statt übereinander, das ist die Idee. Ungezwungen und auf Augenhöhe. Wird man als Jüdin oder Jude beleidigt, wollen die 16- und 17-Jährigen wissen. Und wie sich das Leben anfühlt, wenn man Jude ist.

Es seien vor allem Menschen, die in Deutschland Kippa tragen, die Anfeindungen erleben, erklärt ihnen Fred Kupermann. Deswegen tragen viele die Kippa unter dem Käppi. Doch Antisemitismus finde auch dort statt, wo kein jüdischer Mensch anwesend sei, erklärt ihnen Anna. "Die ganzen Schmierereien, Ausrufe bei Fußballspielen, auch auf Schulhöfen - da müssen nicht unbedingt jüdische Menschen anwesend sein."

"Sowas darf nicht nochmal geschehen"

Doch es soll bei diesen Begegnungen nicht nur um Antisemitismus gehen, sondern vor allem auch um Alltägliches. Anna und Fred haben deshalb auch persönliche Gegenstände mitgebracht. Viele der Schüler halten zum ersten Mal in ihrem Leben ein jüdisches Gebetbuch in der Hand. Nach und nach werden sie immer unbefangener. Für die meisten Schüler ist es der erste Kontakt mit jemandem jüdischen Glaubens.

"Ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt noch Juden in Deutschland gibt,“ erklärt der 16-jährige Schüler Arthur Friess. Für die 17-jährige Nila-Rosa Kamenica steht fest, "sowas darf nicht nochmal geschehen, was damals passiert ist und was heutzutage auch noch geschieht".

Zukünftig wollen sie sich einsetzen gegen Antisemitismus. Ein Erfolg für Anna und Fred - auch weil sie mit den Schülern nicht nur über die dunklen Seiten des jüdischen Lebens in Deutschland, sondern auch über den ganz normalen Alltag reden konnten.