Frauen beim Yoga auf einer Wiese | Jacqueline Dreyhaupt
#mittendrin

Deutschlandweites Engagement Jung, modern, Landfrau

Stand: 02.07.2021 04:21 Uhr

Kuchen, Kirche und Kinder - so oft das altbackene Image der Landfrauen, dabei engagieren sie sich deutschlandweit politisch und sozial. Auch immer mehr junge Frauen sind dabei und wehren sich gegen alte Vorurteile.

Von Jacqueline Dreyhaupt, hr

Lisa Geßner ist 30 Jahre, koordiniert eine Fachstelle für Demokratieförderung und Extremismusprävention - und ist eine Landfrau. Seit einem Jahr ist sie auch im Vorstand der Landfrauen Villmar im mittelhessischen Landkreis Limburg-Weilburg. Gerade koordiniert sie eine Nachhaltigkeits-Aktion: Sie sammeln alte Blumenzwiebeln, die sie im Herbst wieder einpflanzen, "um Villmar noch ein Stück bunter zu machen".

Jacqueline Dreyhaupt

Vor zehn Jahren ist sie in die 7000-Einwohner-Gemeinde gezogen. Als klar war, dass sie bleibt, ist sie eingetreten: "Wenn man neu zuzieht, dann ist man sofort mittendrin. Man hat sofort ein Netz, das einen auffängt und wo man hingehen kann." An den Landfrauen komme man nicht vorbei, sagt sie. Sie hielten den Ort zusammen, prägten ihn. Das gefalle ihr.  

Lisa Geßner | Jacqueline Dreyhaupt

"Man hat sofort ein Netz, das einen auffängt", sagt Lisa Geßner. Bild: Jacqueline Dreyhaupt

Viel mehr als Kuchen, Kirche, Kinder

Den Deutschen Landfrauenverband gibt es bereits seit 1948. Früher waren vor allem Frauen im Verein, die in der Landwirtschaft arbeiteten. Heute sind von den rund 500.000 Mitgliedern gerade einmal zehn Prozent in landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigt. Es gibt Ortsvereine in Städten wie Hamburg oder Wiesbaden.

Die Landfrauen sind im Wandel. Trotzdem hat Lisa Geßner immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. "Wenn ich sage, dass ich Landfrau bin, wird sehr häufig gelacht und dann kommen Sprüche wie: Da weiß ich ja wo ich hingehen muss, wenn ich einen Kuchen brauche. Früher habe ich dann gelacht, mittlerweile reagiere ich auch zunehmend genervt oder auch mal pampig. Dieses Kuchenbacken, Kirche, Kinder, das passt heute überhaupt nicht mehr."

 Mandy Markus, Denise Kaulakis, Lisa Geßner, Kathrin Rosbach (v.l.) stehe bei einem Fest hinter einem Tisch mit Getränken | Jacqueline Dreyhaupt

Mandy Markus, Denise Kaulakis, Lisa Geßner und Kathrin Rosbach (v.l.) Bild: Jacqueline Dreyhaupt

"Werden auch durchaus in der Politik gehört"

Landfrauenverbände setzen sich deutschlandweit ein für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Land, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Natur- und Klimaschutz, nachhaltige Landwirtschaft. "Das Besondere an den Landfrauen ist, dass sie nicht nur auf Ortsebene so viel bieten, sondern auch durchaus in der Politik gehört werden", so Lisa Geßner. Und das motiviere, dabei zu sein.

Das Angebot ist kunterbunt: Die Landfrauen bieten Weiterbildungen in den Bereichen Unternehmensgründung und Selbstständigkeit ebenso, wie berufliche Fortbildungen im Bereich Ernährung und Gesundheit. Brustkrebsvorsorge, Rentenberatung, Reisen und vieles mehr.

Yoga statt Gymnastik

Erstmals im Programm des Ortsvereins Villmar ist der Schnupperkurs Yoga - eine Idee der jungen Vereinsmitglieder. Auf dem Galgenberg mit Blick über Felder und Wiesen haben sich trotz sommerlicher Hitze 15 Frauen versammelt.

Denise Kaulakis ist mit ihrer Mutter hier. Ihre Oma war schon bei den Landfrauen, die hat sie früher belächelt. Mit dem Verein verband sie "Kittelschürze und Bauernhof. Ich fand das total uncool". Heute ist die 34-Jährige, die beim Sozialamt arbeitet, selbst stolze Landfrau, wie sie sagt. Die Bildungsangebote und die Flexibilität haben sie überzeugt. Alles kann, nichts muss. Man sucht sich einfach die Sachen aus, die einem ins Leben passen.

"Man ist immer herzlich willkommen, auch wenn man mal ein halbes Jahr nicht da war", sagt sie. "Das entspannt mich. Mit zwei Kindern und Job schafft man nicht immer, alles unter einen Hut zu kriegen."

Alt und Jung wachsen langsam zusammen

Die 30-jährige Mandy Markus steht neben ihr und versucht sich in der Yoga-Pose "der Baum". Sie hat drei Kinder, arbeitet als Zahnarzthelferin und ist auch im Vorstand des Ortsvereins. "Dass wir ein bisschen mehr junges Leben mit reinkriegen. Wir wollten ein bisschen frischen Wind reinbringen", sagt sie. Je mehr junge Frauen im Verein seien, desto mehr Angebote für sie gebe es auch.

Am Anfang sei das Zusammenwachsen zwischen Alt und Jung ziemlich schwierig gewesen, sagt sie. Die älteren waren zunächst skeptisch. "Aber es ging recht schnell und wir wurden gut akzeptiert." Und sie hätten auch schon einiges bewegen können, freut sie sich, während sie versucht, das Gleichgewicht zu halten.

Verantwortung auch an Jüngere abgeben

Die Vorsitzende der Landfrauen Villmar, Gabriele Fluck, ist seit mehr als 40 Jahren dabei. Sie ist glücklich über den Nachwuchs und weiß, dass sie als ältere auch mal loslassen und den jungen Frauen Vertrauen schenken muss. "Denn nur dann geht es weiter. Man kann nicht auf der Stelle stehen bleiben und nur sein eigenes Ding durchziehen. Man muss dann auch andere mal lassen.“

Die Verantwortung an Jüngere abgeben, darum geht es jetzt. Denn junge und engagierte Frauen für die Landfrauen zu gewinnen ist kein Selbstläufer. Helfen soll dabei auch die "Initiative Junge LandFrauen", die 2017 ins Leben gerufen wurde. Ziel ist es, die Wünsche und Bedürfnisse junger Frauen auf allen Ebenen des Verbandes stärker in den Blick zu nehmen.

Im Ortsverein Villmar ist der Generationenwechsel auf einem guten Weg. Mehr als Drittel des Vorstandes ist unter 35 Jahre. Der Verein hat sie bisher alle zusammengehalten - und das soll auch so bleiben. Vor allem soll es die Landfrauen auch in 50 Jahren noch geben, Das wünschen sie sich hier im Ortsverein in Villmar.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Juli 2021 um 22:00 Uhr.