Katholischer Priester bei Predigt
mittendrin

Homosexualität in der Kirche Ein (schwuler) Mann Gottes

Stand: 25.05.2022 15:06 Uhr

Homosexuelle haben es in der katholischen Kirche schwer: Wer eine Beziehung führt, dem droht die Entlassung. Im Schwarzwald kämpft Pater Ralf Klein für mehr Anerkennung. Er lebt im Zölibat.

Von Jenni Rieger, SWR 

Wenn Pater Ralf Klein vor dem Altar des Doms in St. Blasien im Schwarzwald steht, sich den Gläubigen zuwendet und beginnt zu beten, dann sieht man: Dieser Mann ist genau da, wo er hingehört. Oder, wie er vielleicht sagen würde: Wo Gott ihn haben wollte.

Jenni Rieger

Klein gehört dem Jesuitenorden an. Er hat sein Leben vor mehr als 30 Jahren in den Dienst der Kirche gestellt. "Das Wichtigste ist für mich, in der Nachfolge Jesu Christi zu leben", sagt er. Aber er sagt auch Sätze wie diese: "Wenn zwei erwachsene Männer in Liebe zueinander Ja sagen und sich einander sexuell hingeben, wen schädigen sie da? Niemanden." Und genau da beginnt das Problem. Nicht zwischen Gott und ihm, wie er sagt, aber zwischen der Kirche und ihm. 

Homosexuelle Beziehungen sind "nicht gottgewollt"

Um es deutlich zu sagen: Natürlich lebt der Jesuit Klein im Zölibat. "Und da kann es der Kirche doch eigentlich egal sein, wen ich nicht liebe." Ist es aber nicht. Denn Homosexualität gilt der Kirche auch im 21. Jahrhundert noch als unerwünschte Veranlagung, homosexuelle Beziehungen als "nicht gottgewollt". 

Vor dem Dom stehen drei Frauen. Katholikinnen, bereit zum Kirchgang. Wie sie es finden, dass ihr Seelsorger schwul ist? "Er ist ein guter Priester und was mir gefällt, ist, dass er ganz klar sagt, dass er zölibatär lebt, das ist wichtig", sagt die eine. Und ihre Bekannte fügt hinzu: "Ich finde es in Ordnung, aber sicher gibt es auch Menschen, die sich daran stören." 

"Ich hatte schon Angst"

Tatsächlich hatte Pater Klein auch ein mulmiges Gefühl, als er sich in der ARD-Dokumentation "Wie Gott uns schuf" vor einem Millionenpublikum outete - auch wenn sein engeres Umfeld bereits seit Jahren Bescheid wusste. "An manchen Tagen hatte ich schon Angst", erzählt der Jesuit. "Wie reagiert mein Vorgesetzter, was wird er sagen? Man ist auf einer Achterbahn der Gefühle." 

Doch schwul sein allein ist kein Kündigungsgrund. Nicht, wenn es nicht mit einem "Fehlverhalten", also etwa einer homosexuellen Beziehung einhergeht. Klein hat deshalb den Mut gefunden, in die Öffentlichkeit zu treten. Aber er weiß, dass viele andere Menschen sehr viel mehr riskiert haben als er - Ärzte an katholischen Kliniken etwa, oder Pflegekräfte in katholischen Seniorenheimen und Religionslehrer. "Wenn Menschen in Beziehungen leben, die der offiziellen katholischen Moralvorstellung widersprechen, kann ihnen nach dem kirchlichen Arbeitsrecht gekündigt werden. Wenn jemand geschieden ist und wieder heiratet oder eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingeht, dann wird das als Verstoß gegen die Loyalitätsobliegenheiten verstanden."   

Pater Klein steigt in seinen schwarzen Kleinwagen. An die kurvigen Straßen hier im Schwarzwald habe er sich noch nicht gewöhnt, sagt er. Lange hat er in Berlin gelebt, eigentlich sei er ja eher ein Großstadtmensch. Jetzt aber rast er über die engen, kurvigen Straßen nach Görwihl, einem kleinen Dorf im Hotzenwald.

 

Die Probleme eines Transmannes in der Kirche

Dunkle Wälder, tiefe Täler, alte Sitten. Nicht unbedingt der typische Ort, um über "Diversität in der katholischen Kirche" zu diskutieren. Geladen hat die örtliche katholische Kirche. Vor dem Bau weht eine Regenbogenflagge. Und im Eingang steht Theo Schenkel, der zweite Redner dieses Diskussionsabends.

Ein junger Mann mit Bart und lockigen Haaren, der manchmal etwas verlegen die Arme über der Brust verschränkt. Und der eine wahre Odyssee mit der katholischen Kirche hinter sich hat. "Das Problem, das die Kirche mit mir hat", erzählt er, "ist, dass ich trans bin und meine Partnerin heiraten möchte. Und da mir bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde, sieht die Kirche meine Partnerschaft mit einer Frau als gleichgeschlechtlich." 

Denn als Schenkel getauft wurde, war er offiziell noch ein Mädchen - und wird für die Kirche demnach immer weiblich bleiben, auch wenn er demnächst in seinem Personalausweis als "Herr Schenkel" ausgewiesen sein wird. Für die Kirche gilt eine Ehe mit seiner Freundin demnach als homosexuelle Partnerschaft - und verstößt gegen das kirchliche Arbeitsrecht. 

Schenkel darf Religionslehrer werden

Schenkel wusste um diesen Konflikt - und hat sich dennoch geoutet, obwohl er gerade mitten in seinem Referendariat als  Religionslehrer war. "Mutig", sagt Pater Klein dazu, "du hattest viel zu verlieren. Respekt!" Denn lange war nicht klar, ob Schenkel nach dem Referendariat auch als Religionslehrer würde arbeiten dürfen. Inzwischen ist klar: Er darf.

Vielleicht war es seine Beharrlichkeit, vielleicht auch der öffentliche Druck durch sein Outing in der ARD-Dokumentation. Vor einigen Wochen hat das Erzbistum Freiburg Schenkel eine Lehrerlaubnis erteilt. Ein Durchbruch? Wohl eher eine Einzelfallentscheidung. Denn der große Befreiungsschlag, das große Umdenken in der katholischen Kirche, sie sind bislang ausgeblieben, bemängelt der junge Referendar: "Was es jetzt braucht, ist die Verantwortung, die nach der Betroffenheit kommt. Die Verantwortungsübernahme, dass wirklich Dinge geändert und nicht nur Einzelschicksale gesehen werden."  

25 Menschen haben sich inzwischen im Kirchenschiff in Görwihl versammelt, junge, alte, Männer, Frauen. 25 Menschen, die über Diversität in der katholischen Kirche sprechen wollen, über Menschen wie Theo Schenkel und Ralf Klein - das hört sich nicht weltbewegend an, ist aber beachtlich in einem kleinen Dorf mitten im Hotzenwald.   

"Man braucht Geduld - aber das heißt nicht Däumchen drehen"

Für den Jesuiten Klein ein kleiner, aber wichtiger Schritt hin zu Öffnung der katholischen Kirche: "Bei so einer Institution wir der Kirche, die nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten denkt, braucht man viel Geduld. Aber Geduld heißt nicht Däumchen drehen, sondern immer wieder pushen." 

Dann steigt er wieder in seinen Kleinwagen und rast über die engen, kurvenreichen Straßen des Schwarzwalds zurück nach St. Blasien. Um Gottes Wort zu verbreiten. Denn darum ginge es schließlich, sagt der Jesuit. Egal, wie die Kirche zu seiner Sexualität stehe.   

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 24. Mai 2022 um 22:15 Uhr.