Blick auf Hochhaus und umliegende Häuser von oben | <WDR>
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tagesthemen mittendrin Das höchste Dorf am Rhein

Stand: 02.09.2020 12:53 Uhr

In Köln steht eines der höchsten Wohnhäuser Europas: 1200 Menschen leben hier - so viele wie in manch einem Dorf. Wie sieht ihr Alltag aus? Und warum haben sie diese Wohnform gewählt?

Von Jan Koch, WDR

Als sie mit ihrem Mann damals eine gemeinsame Wohnung suchte, hat es Helga Gramen in das Uni-Center verschlagen. Ein Hoch- und Wohnhaus mitten in Köln, von außen groß, fast monströs. Ein Haus, das von vielen Kölnern nicht als das schönste Gebäude angesehen wird - mit seinen weiß-grünlich schimmernden Fassadenwänden war es aber einmal der letzte Schrei.

Jan Koch

Also nahmen die Gramens 1983 den Besichtigungstermin wahr. "Es war irgendwie akut, dass wir unbedingt zusammenziehen wollten", erzählt sie. "Und letztendlich sind wir dann auch hier eingezogen. Haben uns aber gesagt, wir ziehen direkt wieder aus." Doch statt das Haus schnell wieder zu verlassen, sind sie geblieben.

125 Meter über der Erde mit Blick auf den Dom

Helga Gramen lebt bis heute dort. Ihr Mann Peter ist vor acht Jahren gestorben. Für sie war es ein einschneidendes Erlebnis - auch, weil sie umziehen musste: Allerdings nicht weg aus dem Hochhaus, sondern lediglich zwei Etagen tiefer. Aus einer großen glamourösen Maisonette-Wohnung in der 39. Etage zwei Etagen tiefer in ein Appartement für sie allein. Eine Wand ist komplett verspiegelt - so wirkt das Appartement viel größer. Beige-helle Ledercouches, ein gläserner Tisch, ihr Bett ist mit einer Kuhfellmuster-Decke abgedeckt. Aus dem Fenster kann man weit über die Domstadt blicken, 125 Meter über der Erde.

Gramen, die nun 38 Jahre im Hochhaus lebt, ist eine von gut 1200 Bewohnerinnen und Bewohnern hier im quasi höchsten Dorf am Rhein. Denn hier leben auf 45 Etagen mit 968 Parteien so viele Menschen wie in manchem Dorf auf dem Land. So groß wie kaum ein Wohnhaus in Europa, zählt es zu den größten unseres Kontinents, ein besonderes Lebensmodell.

gedeckter Kaffeeetisch | <WDR>

Kaffeetrinken in der 37. Etage: Helag Gramen und ihre Freundin erinnern sich an die alten Zeiten. Bild:

Gramens Freundin Lucia Halder, die zum Kaffee gekommen ist, hat sich schlau gemacht, bevor sie selber vor gut acht Jahren Bewohnerin wurde: "In den 70ern war es der absolut letzte Schrei, hier zu leben. Dann kam aber der Trend, dass man lieber ein Haus im Grünen haben will und Wohnhaussiedlungen kamen aus der Mode."

Gramen ergänzt: "Heute denkt man immer, da ist die Hölle los. Nein, wir haben auch wenig Kinder. Familien mit Kindern ziehen ungern hierher. Die wollen immer ein kleines Häuschen oder eine Wohnung mit einem Gärtchen. Sie leben in den normalen Häusern."

Als normal würde sie ihr Leben im Hochhaus wohl nicht beschreiben. Sie holt alte Platten aus ihrem Schrank hervor. Es sind die Schallplatten der Band ihres Mannes Peter. Er war Gitarrist der in Köln berühmten Rockband "Zeltinger". Selten hört sie noch die Musik, häufig erinnert sie sich aber an die gemeinsamen Partys im Haus: "Unsere Feste auf der 39. Etage: Wir haben jeden Monat wild gefeiert, weil wir sehr viel Homosexuelle hatten, die liefen mit nacktem Popo rum. Da war schon schwer was los da oben. Da war mal einer, der hat gesagt: deine Partys sind wie in New York."

Fotografien | <WDR>

Helga Gramens Mann war Gitarrist der Rockband "Zeltinger". Bild:

Heute ist es in der 39. Etage mit dem gelb gestrichenen Gang ruhig geworden. Hinten befindet sich ein Gemälde mit einer Dame in Rot. Wo man viel eher Partys vermuten könnte, finden allerdings gar nicht so viele statt. Denn einer der drei Trakte ist komplett für Studenten reserviert. Knapp 300 Wohnungen dort gehören dem Studierendenwerk.

Auch Aylin Tirpan und Afra Caprak wohnen nicht nur dort, sondern arbeiten auch im Hochhaus - im unten angesiedelten Studierendensekretariat. Auch an diesem Vormittag sitzen sie sich gegenüber, über Unterlagen und Anträge gebeugt. "Ungefähr 340 Personen müssten hier leben", erzählt Afra Caprak. "Das Uni-Center ist bei Studierenden sehr beliebt, viele kämpfen darum, hier leben zu können."

Eingang Uni-Center | <WDR>

Der Eingang zum Uni- Center Bild:

Hochhaus | <WDR>

45 Etagen gibt es im Haus. Bild:

Beide helfen Studierenden bei Ein- und Auszügen. Diesen Monat sind es mehr als 30. Neben der Lage spielt der Mietpreis für viele eine essentielle Rolle. "Ich zahle jetzt um die 300 Euro", erklärt Tirpan. "Ich habe ein großes Appartement. Es gibt auch noch die kleinen, Afra lebt da. Afra, was zahlst du?" "250 Euro", entgegnet ihre Kollegin. Tirpan ergänzt: "Vorher habe ich privat gewohnt, für die Einzimmerwohnung habe ich 530 Euro warm gezahlt. Und so ist es halt angenehmer, wenn man dann weniger zahlt."

Blick vom Balkon | <WDR>

Der Blick vom Balkon in der Wohnung von Aylin Tirpan. Bild:

Tirpan nimmt uns mit in ihr Appartement. Neben Küche, Bett und Bad hat sie noch etwas, das jeder Kölner anstrebt: "Bei mir geht die Sonne leider nur auf. Aber dafür habe ich den Dom." Aber nicht nur deshalb sagt sie: "Ich will hier auf jeden Fall wohnen bleiben, fühle mich richtig wohl hier."

Vielleicht wird sie auch am Ende bleiben - wie Helga Gramen, die im anderen Trakt 30 Etagen über ihr lebt. So nah beieinander und doch so fern: Begegnet sind sie sich noch nie. Und trotzdem bezeichnen sie beide das Hochhaus als ruhig und ihre Heimat. "Ich bin sehr zufrieden hier", ein Urteil, das beide fällen - über das höchste Dorf am Rhein.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. September 2020 um 22:15 Uhr.