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tagesthemen mittendrin Hassbriefe am Steintor

Stand: 03.09.2020 13:14 Uhr

In Hannovers Steintorviertel prägen türkische Geschäfte das Bild. Die Familien leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Hassbriefe mit Morddrohungen sorgen nun für Angst. Viele fragen sich: Was tut die Polizei?

Von Amelia Wischnewski, NDR

Ein Hassbrief mit Morddrohungen sorgt in Hannovers Steintorviertel für Beunruhigung. In dem Brief, der dem NDR vorliegt, droht ein anonymer Verfasser "allen türkischen Geschäften und Moscheen". Zu den Empfängern des Schreibens gehört neben anderen der Restaurantbesitzer Mehmet Kilic.

In dem an Kilic adressierten Brief heißt es unter anderem: "Ihr werdet vernichtet", "haut endlich ab, ihr Scheiß Drecks-Kanaken, wir hassen euch" und "wird bald schweren Krieg geben am Steintor - verlasst Euch drauf". Unterzeichnet ist der Text mit "Die Deutschen".

Hand hält Drohbrief | ARD-Aktuell

Ein Brief voller Hass und Beleidigungen Bild: ARD-Aktuell

Natürlich mache ihm das Sorgen, sagt Kilic mit Blick auf seine 30 Mitarbeiter und seine Familie. "Ich lebe seit 26 Jahren in Deutschland, meine Töchter sind hier geboren. Bisher hatten wir solche Probleme in Hannover nicht. Ich hoffe, dass die Polizei uns unterstützt."

Das Steintor ist in Hannovers Innenstadt. Muslime prägen das Viertel. Herkunft und Religion sind aber zweitrangig. Es sind vor allem Unternehmergeschichten, die hier geschrieben werden.

Geschäftsleute sind verunsichert

Faruk Mermertas betreibt einen Supermarkt mit türkischen Spezialitäten: "Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Als ich den Brief gesehen habe, dachte ich: Was passiert hier gerade? Wir sind in Hannover". Den Brief erhielt er bereits im Dezember 2019, spricht aber erst jetzt darüber.

Mermertas ist in Sorge um seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie um Kunden und Kundinnen: "Christchurch war noch nicht lang her. Da ist ein Spinner mit einer automatischen Waffe in eine Moschee spaziert und hat in einem Livestream wahllos Menschen umgebracht. Nichts anderes wurde uns in dem Brief angekündigt." Er erstattete umgehend Anzeige bei der Polizei, hatte aber den Eindruck, nicht ernst genommen zu werden. Ein möglicher Grund: Der Brief ist in einer kindlich anmutenden Handschrift verfasst.

Polizei sieht keine Gefahr

Die Ermittlungen zu den Drohbriefen laufen. Die Polizei in Hannover kommt bisher zu der Ansicht, dass keine Gefahr für die betroffenen Lokale bestehe. Dennoch betont Harry Blome, Leiter des polizeilichen Staatsschutzes bei der Kriminalpolizei: "Diese Briefe sind ehrverletzend, die sind herabwürdigend, sind fremdenfeindlich und so etwas gehört sich einfach nicht. Und dass der ein oder andere sich Sorgen macht, wenn er einen solchen Brief erhält, das verstehe ich gut, deshalb sind wir auch da."

Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, sieht eine Zunahme solcher Anzeigen. "Es ist eine Volksstimmung im Moment da, wo viele Leute meinen, sie können alles sagen, was sie wollen. Sie können auch bedrohen. Sie können verächtlich machen, sie können beschimpfen. Und das ist ein Punkt, der geht nicht, der zersetzt unsere Gesellschaft von innen, wenn wir hier Teile der Bevölkerung alleinlassen."

Shishabars, ein Friseur, eine Moschee

Neun Briefe gab es laut Polizei innerhalb eines Jahres. Sie gingen auch an Shishabars, einen Friseur und an eine Moschee. Die Betroffenen tauschen sie darüber aus.

Männer in Moschee | ARD-Aktuell

Özcan Özcicek von der Moscheegemeinde Bild: ARD-Aktuell

Auch Özcan Özcicek von der Moscheegemeinde wagt es erst gut ein halbes Jahr später, offen über erhaltene Drohbotschaften zu sprechen. Der Brief ist nur ein Vorfall von vielen. Per E-Mail schickten andere Unbekannte Fotos von einem verbrannten Koran. Vor einiger Zeit wurde ein abgetrennter Schweinefuß in den Innenhof der Moschee geworfen. "Wir fühlen uns langfristig nicht sicher", sagt Özcicek. "Ich mache mir darüber Gedanken, was in den nächsten zehn Jahren sein wird. In was für einer Gesellschaft wachsen meine Kinder auf?"

Es ist gut möglich, dass der Absender der Drohschreiben nie gefasst wird. Und, dass er auch nie einen Menschen verletzt. Und doch belegen die Hassbriefe: Auch Worte können Terror sein.

Das niedersächsische Innenministerium zählte im vergangenen Jahr 497 hasskriminelle Straftaten - dazu gehören auch islamfeindliche, rassistische und sogenannte fremdenfeindliche Taten. Die Zahlen stiegen seit drei Jahren wieder an, hieß es aus dem Ministerium.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 03. September 2020 um 22:15 Uhr.