Vilseck in der Oberpfalz | dpa

tagesthemen mittendrin "Little America" in Gefahr

Stand: 08.09.2020 12:55 Uhr

In Vilseck und Grafenwöhr wird die deutsch-amerikanische Freundschaft täglich gelebt. Die Region in der Oberpfalz lebt von und mit den US-Soldaten und ihren Familien. Nun geht in "Little America" die Angst um.

Von Margit Ringer, BR

Der Marktplatz in Vilseck: Gegenüber vom Rathaus gibt es in einem amerikanischen Reisebüro günstigste Flüge in die USA. Daneben liegen ein Schuhladen, ein amerikanisches Nagelstudio und seit Jahrhunderten das Traditionshotel Angerer. Inhaberin Sabine Kederer beherbergt zu 80 Prozent US-Amerikaner oder Geschäftsreisende, die auf dem Truppenübungsplatz zu tun haben. Bricht diese Kundschaft weg, wäre das für die Hotelchefin in 14. Generation ein "Desaster". Gerade jetzt, wo sie eine sechsstellige Summe investiert und viel renoviert habe. Auch für unzählige andere Unternehmen und Handwerker in der Kleinstadt sind die Amerikaner ein wichtiges Standbein. Durch die US-Armee hat sich eine wirtschaftliche Monostruktur in der Region gebildet.

Der Marktplatz in Vilseck. | dpa

Marktplatz in Vilseck: Die Sorgen vor dem Truppenabzug sind groß. Bild: dpa

Bis zu 500 Wohnungen plötzlich leer

Im Juni hatte US-Präsident Donald Trump einen Abzug von rund 12.000 US-Soldaten aus Deutschland angekündigt. Allein 4500 Soldaten davon sollen mit ihren 9000 Familienangehörigen aus Vilseck abziehen. Bis zu 500 Wohnungen würden dann im Stadtgebiet plötzlich leer stehen, sagt Bürgermeister Hans-Martin Schertl. Er bangt auch um zivile Arbeitsplätze für Menschen aus der Region, etwa 3300 Jobs gibt es derzeit auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr mit seinen beiden Standorten Vilseck und Grafenwöhr. Rund 660 Millionen Euro haben die Amerikaner im Jahr 2019 außerhalb der Kasernentore ausgegeben, für Mieten, Gastronomie, Einzelhandel, Bau-Investitionen und Löhne und Gehälter für Zivilangestellte.

Bürgermeister Hans-Martin Schertl | BR

Bürgermeister Schertl bangt um Tausende Jobs in der Region ... Bild: BR

Sabine Kederer, Chefin des Traditonshotels Angerer | BR

... und Hotelchefin Kederer um ihre Kundschaft. Bild: BR

"Das nenne ich Weltpolitik"

Der Bürgermeister und die Hotelchefin sind sich einig: Würden die Regierungschefs ihre persönlichen Kontakte so pflegen, wie es die Kommunalpolitiker und Amerikaner hier vor Ort tun, gäbe es die Verwerfungen in der Weltpolitik nicht. "Zusammen an einem Tisch sitzen, miteinander reden, das nenne ich Weltpolitik", sagt Kederer.

Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr gilt als größter und modernster Übungsplatz Europas. Hier trainierten die Amerikaner für sämtliche Einsätze im Irak und Afghanistan. Im Rahmen der NATO wird mit weit mehr als 20 Nationen multinational geübt. Zusammengerechnet leben insgesamt 40.000 Amerikaner auf oder rund um den Truppenübungsplatz, davon rund 15.000 Soldaten. Schießlärm, Fluglärm, Manöver und Panzerkolonnen außerhalb der Kasernen sind die Oberpfälzer gewohnt. Schließlich bringen die Amerikaner auch viel Geld und Arbeitsplätze in die Region.

Freundschaften und manchmal auch Ehen

Auch Freundschaften sind in den vergangenen 75 Jahren entstanden, manchmal auch Ehen. Raymond Tavarez Gascot war Fallschirmjäger bei der US-Armee und hat sich nach seinem Militärdienst seinen amerikanischen Traum von Freiheit und Glück in Grafenwöhr erfüllt.

Raymond Tavarez Gascot in seiner Werkstatt | BR

Er lebt seinen amerikanischen Traum in Grafenwöhr: Raymond Tavarez Gascot Bild: BR

Der Puerto-Ricaner betreibt eine Autoaufbereitung mit zehn Mitarbeitern, ist mit einer Deutschen verheiratet und schätzt die Gastfreundschaft und das internationale Flair in Grafenwöhr. Die Lebensqualität hält er hier für höher, als in den USA. Dass etwa ein Drittel der hier stationierten Soldaten nun gehen sollen, bedauert er. Die US-Soldaten würden das Zusammenleben mit den Deutschen sehr genießen sagt er. Die Erfahrungen und das Wissen, das man teile, sei ein großer Teil von dem, was Deutschland und Amerika heute ausmache.

Noch gibt es im Pentagon kein Detailkonzept zum Truppenabzug aus Deutschland und auch keinen Zeitplan. Viele Oberpfälzer hoffen auf einen politischen Wechsel nach der US-Präsidentschaftswahl Anfang November. Doch selbst wenn Donald Trump abgewählt wird, bleibt die Frage des Teilabzugs der US-Soldaten aus Bayern eine monatelange Hängepartie.