Drogenkonsumenten am Bremer Hauptbahnhof
mittendrin

Drogenszene am Bremer Hauptbahnhof Kampf um jeden Hoffnungsschimmer

Stand: 25.11.2022 19:42 Uhr

Der Crack-Konsum in den Städten nimmt zu - und einer der Orte, an denen Bremen die Drogenkranken duldet, liegt nahe dem Hauptbahnhof. Sozialarbeiter versuchen dort, Süchtigen aus der Abwärtsspirale zu helfen.

Von Alexander Noodt, Radio Bremen

Ein tiefer Zug aus der Crack-Pfeife. Sie hält die Luft einen Moment an, dann atmet sie aus. Sie läuft etwas orientierungslos vorbei an den anderen Konsumenten. Der Rausch beginnt. Nach spätestens 15 Minuten wird sich die Sucht wieder melden. Dann wird der Drang wieder da sein, die nächste Crack-Dosis zu inhalieren.

Die Zahl der Menschen, die in dieser Endlosschleife gefangen sind, wachse, erzählt Sozialarbeiter Felix Moh. Ständig ploppten neue Gesichter auf, woher sie kommen, weiß er nicht. Dabei kennen er und seine Kollegin Anna Tibert die Szene am Bremer Hauptbahnhof ziemlich gut.

Die Orte, an denen Bremen die Drogenkranken duldet, sind wenig einladend. Ein paar Quadratmeter umgeben von einem Metallzaun, mittendrin eine Toilettenkabine mit Alufassade. Auf ein paar Holzbänken hinter dem Klohäuschen sitzen die, deren Leben vom Crack bestimmt wird. Es ist kalt, es ist November. Der sogenannte Szenetreff liegt neben dem klassizistischen Bahnhofsgebäude direkt neben einer Eisenbahnbrücke. Er erinnert an einen Käfig. Ein Ort ohne Dach und ohne Perspektive.

Crack auf dem Vormarsch

Was am Bremer Bahnhof sichtbar wird, ist längst die Realität in vielen Großstädten: Crack ist auf dem Vormarsch. Grundlage des Stoffs ist Kokain, und es schwappen seit Jahren immer größere Mengen nach Deutschland. Weil der Reinheitsgehalt des Kokains stetig wächst, wird die Herstellung des Cracks immer billiger.

Das ist nicht die einzige Erklärung für die steigenden Konsumentenzahlen. Der soziale Druck wächst, die gesellschaftlichen Herausforderungen sind groß - der Weg nach unten hat sich beschleunigt. Erst ist der Job weg, dann die Wohnung und damit die Perspektive. Wenn Freunde oder Familie fehlen und die Verzweiflung siegt, geht’s rasch in die Abwärtsspirale.

Polizei hat Präsenz verstärkt

Sozialarbeiter Moh schätzt, dass etwa 1000 Menschen zur Drogenszene rund um den Bremer Hauptbahnhof zählen. Wieviele es genau sind - schwer zu sagen, die Szene ist sehr dynamisch. Am Bahnhof treffen die Konsumentinnen und Konsumenten auf ihre Dealer. So wird der Nachschub gesichert, und unter den Reisenden kann man ganz gut in der Masse untertauchen. Im Gewimmel des Bahnhofs begehen sie den ein oder anderen Diebstahl, um das Geld für das nächste Crack zu beschaffen.

Die Polizei hat ihre Präsenz verstärkt und geht ein halbes Jahr vor der nächsten Bürgerschaftswahl in Bremen mit Großkontrollen gegen die Dealer vor. Im Kern löst sich damit das Problem der Drogensucht nicht auf. Die Konsumenten kommen schwerer an Stoff, der Suchtdruck wächst und damit auch die Unruhe und Aggressivität in der Szene.

Es gibt nur einen provisorischen Drogenkonsumraum in Bremen, eine feste Einrichtung wird frühestens in zwei Jahren fertig sein. Und wer raus aus der Sucht will, für den gebe es wenig geeignete Therapien, sagt Sozialarbeiter Moh. Für Crack gibt es keinen Ersatzstoff wie etwa Methadon beim Heroin.

Manche schaffen es aus der Sucht

"Wir helfen an der Basis und versuchen zu verhindern, dass die Menschen sterben", erzählt Sozialarbeiterin Anna Tibert. Es treibt sie an, dass es auch immer wieder Menschen gibt, die es dank ihrer Hilfe raus aus der Cracksucht geschafft haben. Ihre Augen leuchten, als sie von den Menschen erzählt, die sie Jahre später trifft, die ein geordnetes Leben führen und die die Sucht hinter sich gelassen haben.

Wahrscheinlich gehören Tibert und Moh zu den wenigen Menschen, die mit den Drogenkranken Gespräche auf Augenhöhe führen - unermüdlich. Für sie ist der Metallkäfig neben dem Bremer Hauptbahnhof kein Schandfleck. Der Ort, an dem die Politik die Aussortierten der Gesellschaft duldet, ist für die beiden der Ort, an dem sie um jeden Hoffnungsschimmer kämpfen.

Tibert und Moh wünschen sich, dass man nicht "die Drogis" sieht, sondern Menschen. Und dass man nicht mit dem Finger auf sie zeigt und sich an ihrem Anblick im Stadtbild stört. Der Appell der beiden an die Politik und an jeden ist eindringlich: Man muss diesen Menschen helfen - mit Orten, mit Therapien, mit Zuneigung.