Die geplante Putenmastanlage. | RBB
Reportage

tagesthemen mittendrin Brandenburger kämpfen gegen Putenmast

Stand: 24.07.2020 23:12 Uhr

Das 500-Seelendorf Reitwein ist ein Idyll - selbst Theodor Fontane schrieb darüber. Doch nun genehmigte der Landkreis den Bau eines Mastbetriebs für fast 15.000 Puten. Die Anwohner wollen die Anlage verhindern - bislang vergeblich.

Von Mirja Fiedler, RBB

Die Perle des Oderbruchs - so bezeichnen viele Reitweiner ihr Dorf mit seiner mehr als 700 Jahre alten Geschichte. Schon König Friedrich II. von Preußen soll sich hier im Schloss zurückgezogen haben. Auch der Schriftsteller Theodor Fontane hat den Ort an der Oder nahe der Grenze zu Polen in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" verewigt. Heute locken neben der bewegten Geschichte Naturschutzgebiete, der Oder-Neiße-Radweg, ein Event-Gasthof und Pensionen Touristen und Hochzeitspaare an.

Eventgasthof "Zum Heiratsmarkt" | Fiedler/RBB

Pensionen und ein Event-Gasthof ziehen Touristen an, die das idyllische Umland erkunden wollen. Bild: Fiedler/RBB

Bauaufsicht genehmigt Putenmast nahe Wohnhäusern

Doch vor fast sieben Wochen hat die Bauaufsichtsbehörde des Landkreises Märkisch-Oderland einem Landwirtschaftsbetrieb erlaubt, eine Putenmastanlage wenige hundert Meter von Wohnhäusern entfernt zu errichten.

Noch stehen auf dem Gelände, auf dem zu DDR-Zeiten eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) angesiedelt war, drei alte Rinderställe. Reitweins parteiloser Bürgermeister sagt, die geplante Putenmast zerstöre die Dorfidylle.

Bürgermeister sieht Zuzug gefährdet

Das Brandenburger Dorf wachse, da junge Familien nach Reitwein zögen, erzählt Detlef Schieberle. Für die Kindertagesstätte mit ihren 26 Plätzen gebe es eine Warteliste, Gemeinde und Privatleute könnten Zuzüglern kaum noch Bauland anbieten. Diesen Trend sieht der Bürgermeister in Gefahr: "Wer zieht denn in einen Ort, in dem er den ganzen Tag von Putendreck umschwebt wird?"

Gelände geplante Putenmastanlage in Reitwein | RBB

Noch stehen auf dem Gelände alte Ställe. Demnächst sollen hier Puten gemästet werden. Bild: RBB

Gestank, Lärm, Nitrat im Grundwasser und Antibiotikarückstände befürchtet auch die Bürgerinitiative "Unser Reitwein". Die Initiatoren haben nach eigenen Angaben 340 Unterschriften gegen die Putenmastanlage gesammelt. Die Hälfte der Dorfbewohner habe unterschrieben.

Anja und Mike Bäcker blicken mit ihren drei Kindern von der Terrasse ihres Hauses auf die ehemaligen LPG-Flächen. Obwohl Mike Bäckers Eltern zu DDR-Zeiten dort arbeiteten, ist der Familienvater gegen den geplanten Putenmastbetrieb: "Es hat niemand etwas davon. Es wird keinen Arbeitsplatz geben. Nichts. Die Anlagen laufen autark."

Familie Bäcker auf ihrem Grundstück in der Nähe der Geplanten Putenmast. | RBB

Familie Bäcker blickt auf die ehemaligen LPG-Flächen: Direkt vor ihrem Haus soll die Mastanlage entstehen. Bild: RBB

Landwirte und Verbände wollen sich nicht äußern

Wie viele Arbeitsplätze der Chef der Landwirtschaft Golzow Betriebs-Gesellschaft mit der Putenmastanlage schaffen will, welche Vorteile Reitweiner haben könnten und inwieweit er die Kritik der Anwohner nachvollziehen kann, will Detlef Brauer nicht beantworten. "Es macht überhaupt keinen Sinn, Stellung zu dem Sachverhalt zu nehmen", schreibt er.

Auch der Deutsche sowie der Brandenburger Bauernverband und der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft auf Bundes- sowie Landesebene möchten sich zu der geplanten Putenmastanlage in Reitwein nicht äußern.

Protest gegen Putenmastanlage | RBB

"Keine Massenmast in unserem Dorf" - das ist das Ziel der Bürgerinitiative "Unser Reitwein". Bild: RBB

Landrat hat keine Bedenken

Der Landrat des Kreises Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt, erklärt, mehrere Fachbehörden hätten den Antrag vom 9. November 2016 für den Putenmastbau in Reitwein umfassend geprüft. "Problematisch ist gar nichts an dieser Anlage", sagt der SPD-Politiker.

Rechtlich seien die Voraussetzungen dafür gegeben, die ehemaligen Rinderställe für 14.920 Puten umzubauen. Für Anlagen mit Plätzen ab 15.000 Truthühnern gilt laut Brandenburger Landwirtschaftsministerium ein anderes Genehmigungsverfahren. Den Umweltschutz regele unter anderem das Bundes-Immissionsschutzgesetz.

Landratsamt Märkisch Oderland | RBB

Im Landratsamt hält man die geplante Anlage nicht für problematisch. Bild: RBB

Gemeinde legt Widerspruch ein

Die Gemeinde Reitwein hat laut ihres Bauausschussvorsitzenden Johannes Darrelmann Widerspruch gegen die geplante Putenmastanlage im Dorf eingelegt. Der Rechtsanwalt vertritt außerdem einen Mandanten, der den Bau einer Hähnchenmastanlage im benachbarten Golzow vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg vergangene Woche vorläufig gestoppt hat. Beide Anlagen will die Landwirtschaft Golzow Betriebs-Gesellschaft errichten.

Wer die Puten in Reitwein letztendlich mästen wird, ist momentan unklar. Offenbar versucht Geschäftsführer Detlef Brauer bereits seit Jahren, die Flächen für die geplante Anlage in Reitwein zu verkaufen. Doch erst diese Woche sei die Gemeinde aufgefordert worden, ein mögliches Vorkaufsrecht zu prüfen, erzählt Bürgermeister Detlef Schieberle. Laut des Schreibens eines Notars in Frankfurt (Oder) an das Amt Lebus will ein Niedersachse die Flächen erwerben. Albert Vaske aus Emstek-Halen im Kreis Cloppenburg sagt, er sei an der Reitweiner Anlage interessiert, aber nicht legitimiert, darüber zu sprechen.

Bürgerinitiative "Unser Reichwein" | RBB

Wie die Bürgerinitiative am Dienstag erfuhr, ist das Gelände offenbar verkauft worden. Bild: RBB

Verkaufspreis fast eine halbe Million Euro

Während eines Stammtisches der Bürgerinitiative verkünden Bürgermeister und Bauausschussvorsitzender am vergangenen Dienstag, dass das Gelände für die geplante Putenmastanlage fast eine halbe Million Euro kosten solle. Die Gemeinde könne das Geld aber nicht aufbringen.

"Selbst wenn wir Spenden sammeln würden mit den Bewohnern, würden wir nie 500.000 Euro zusammenkriegen", meint Familienvater Mike Bäcker. "Man müsste im Lotto gewinnen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 24. Juli 2020 um 21:45 Uhr.