Im Gegenlicht und vor wolkenverhangenem Himmel ist eine Kirchturmspitze mit Kreuz zu sehen | dpa

Missbrauchsstudie Zerstörte Lebensläufe

Stand: 25.09.2018 04:31 Uhr

Auch wenn das erschreckende Ausmaß des Missbrauchsskandals heute zu ahnen ist, zeigt die katholische Kirche keinen unbedingten Willen zur Reform der Strukturen, die Straftaten ermöglichen und vertuschen.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Es hat gut acht Jahre gedauert - seit Fälle sexuellen Missbrauchs gehäuft bekannt wurden, bis zu dieser Studie. Acht Jahre, in denen die Kirche viel von Reue und Scham sprach. Acht Jahre Zeit, etwas gegen die alten, intransparenten Strukturen und die Männerseilschaften zu tun. Acht Jahre, um die Priesterausbildung zu reformieren und Zulassungstests zu entwickeln, mit deren Hilfe man pädophile Bewerber sicherer erkennen könnte. Nichts davon ist passiert.

Peter Sonnenberg

Man arbeitet sich selbst auf

Als Schüler im Berliner Canisius Kolleg wurde Matthias Katsch sexuell missbraucht. Heute ist er im Betroffenenrat engagiert und kritisiert, dass man die Kirche die Verbrechen ihrer pädophilen Kleriker selbst aufarbeiten lässt.

Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, steht vor der Jesuitenschule. | picture alliance/dpa

Katsch kritisiert, dass man die Kirche die Verbrechen selbst aufarbeiten lässt. Bild: picture alliance/dpa

Auch bei der Recherche für die neue Studie hatten die externen Wissenschaftler keinen Zugang zu Kirchenarchiven. Sie erhielten von Kirchenmitarbeitern nur ausgesuchte Dokumente zur Auswertung. Skandale wie im Canisius Kolleg, im Kloster Ettal oder bei den Regensburger Domspatzen, seien, laut Katsch, in den knapp 3700 in der Studie genannten Fällen nicht enthalten.

Dabei gehe es, so Katsch, nicht nur um die Aufdeckung einzelner Missbrauchsfälle, sondern vor allem darum, Netzwerke und organisierte Vertuschung aufzuzeigen und zu beenden. Nur so könne man Betroffenen eine späte Genugtuung verschaffen.

Kirche hat Tausende Lebensläufe zerstört

Viele Betroffene haben sich erst Jahrzehnte nach den Übergriffen ihrer Peiniger gemeldet. Die meisten Übergriffe sind deshalb verjährt, die Täter alt oder längst tot. Bianca Biwer, Geschäftsführerin des Opferschutzverbandes Weißer Ring, spricht von einer Re-Traumatisierung in dem Moment, wenn Opfer lange danach zum ersten Mal über die Taten sprechen.

Oft wüssten nicht einmal die Familien der Betroffenen über das Geschehene Bescheid. Zu der Scham komme die Angst, unglaubwürdig zu wirken und Scheu vor einer rechtlichen Auseinandersetzung. "Man igelt sich in einer Überlebensstrategie ein, die man ungern nach langer Zeit wieder verlässt". Deshalb müsse man, über die Fälle in der jetzt veröffentlichten Missbrauchsstudie, von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Bianca Biwer hat Betroffene begleitet, viele haben "zerstörte Lebensläufe".

Es fehlt an angemessener Wiedergutmachung

Jeder gehe anders mit solch traumatischen Erlebnissen um, aber viele blieben ein Leben lang beziehungsunfähig, ergriffen keinen Beruf, stiegen sozial ab und würden kein Vertrauen mehr in Menschen fassen können. Sie erwartet, wie auch Matthias Katsch, deutlichere Zeichen der katholischen Kirche in Sachen Wiedergutmachung.

Das Leid könne nicht "gutgemacht" werden. Dennoch seien symbolische Zahlungen von wenigen tausend Euro nicht genug. Es fehle vor allem an mehr Konsequenz gegenüber den Tätern und noch schonungsloserer Aufarbeitung und Anerkennung der Geschehnisse durch die Verantwortlichen der katholischen Kirche. Außerdem fordert der Betroffenenrat die Aufarbeitung durch eine wirklich unabhängige Instanz mit unbegrenztem Zugang zu den Kirchenarchiven.

Machtstrukturen sollen aufgebrochen werden

Die Zeiten, in denen diese Verantwortlichen die schlimmsten Straftaten innerhalb dicker Kirchenmauern vertuschen konnten, sollten allerdings vorbei sein. Die öffentlich gewordenen Skandale, die ungeheure Fallzahl sexuellen Missbrauchs haben offenbar ein Umdenken in der Kirche eingeleitet.

Der Limburger Bischof Georg Bätzing räumt ein, "dass man jetzt an die Priesterausbildung ranmüsse". Schon bei der Auswahl für das Priesterseminar müssten Kandidaten, die "unreif, narzisstisch oder sozial auffällig" erschienen, außen vor gelassen werden. Selbst wenn das zu einem Engpass an Bewerbern führe.

Bischof Bätzing (Archivbild) | dpa

Bischof Bätzing will schon bei der Priesterausbildung ansetzen. Bild: dpa

Alte Machtstrukturen und Rollenverteilungen müssten aufgebrochen werden, damit die unantastbare Position von Klerikern und daraus resultierende Selbstherrlichkeit mancher Priester nicht mehr ungestraft unschuldige Leben zerstören könne. Bätzing klagt selbstkritisch an, dass die Kirche "durch ihr dominantes System Kindern zutiefst geschadet habe".

Kirche bestimmt Grad der Transparenz selbst

Die Art der Aufarbeitung nimmt er aber in Schutz. Man könne nur Verdachtsfällen nachgehen, nicht aber Archive ohne Anhaltspunkte von der Staatsanwaltschaft durchsuchen lassen. Daher sei es nötig gewesen, Dokumente von Klerikern vorab auswählen zu lassen, bevor sie den Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt worden seien.

Die Studie selbst sei durchaus von den beauftragten, unabhängigen Forschern erstellt worden. Sie müsse jetzt die Grundlage für weitere Schritte in der Aufarbeitung in jedem einzelnen Bistum sein, so Bätzing. Den Rahmen dafür gäben nach wie vor die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz von 2010. Demnach sei Verdachtsfällen nachzugehen. Wenn der mutmaßliche Täter noch lebe, sei er der Staatsanwaltschaft zu melden. Jeder, der mit Kindern arbeitet, müsse den in den Leitlinien festgeschriebenen Anforderungen entsprechen.

Die katholische Kirche, so der Bischof, sei "gedemütigt und entmächtigt". Denn ihr Kapital sei das Vertrauen ihrer Mitglieder, dass durch die Vergehen einiger Priester und den Umgang damit gelitten habe. Die jetzt vorgelegte Studie, hofft er, werde einen Teil dieses Vertrauens zurückbringen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. September 2018 um 09:00 Uhr.