Kardinal Reinhard Marx gibt nach der Vorstellung eines Gutachtens zu Fällen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising ein Pressestatement. | dpa

Kardinal Marx nach Gutachten "Ich bin erschüttert und beschämt"

Stand: 20.01.2022 17:15 Uhr

Nach der Veröffentlichung des Gutachtens zum Missbrauch im Erzbistum München und Freising hat Kardinal Marx die Betroffenen um Entschuldigung gebeten. Als Erzbischof fühle er sich für die Institution Kirche mitverantwortlich.

Der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und amtierende Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, hat nach der Veröffentlichung des Gutachtens zum Missbrauch im Erzbistum München die Opfer um Entschuldigung gebeten. Sein erster Gedanke gelte den Betroffenen sexuellen Missbrauchs, die durch kirchliche Vertreter Unheil in einem erschreckenden Ausmaß erlebt haben, sagte er bei einer Stellungnahme. "Ich bin erschüttert und beschämt."

Als Erzbischof von München und Freising fühle er sich mitverantwortlich für die Institution Kirche, so Kardinal Marx weiter. "Die Missbrauchskrise ist und bleibt eine tiefe Erschütterung für die Kirche." Die Perspektive der Betroffenen würde für das Erzbistum im Mittelpunkt stehen.

Gleichzeitig kündigte Kardinal Marx eine Veränderung und Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland an. "Dass sexueller Missbrauch nicht ernst genommen wurde, dass es ein Wegsehen von Verantwortlichen gegeben hat, wissen wir seit Jahren", sagte er. Deshalb müsse des Synodale Weg fortgesetzt werden. Seit 2010 sei schon viel geändert und umgesetzt worden und damit "sind wir längst nicht am Ende".

Gutachten belastet Kardinal Marx und Papst Benedikt

Ein heute veröffentlichtes Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) lastet unter anderem dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Fehlverhalten im Umgang mit vier Fällen von sexuellem Missbrauch während seiner Zeit als Erzbischof des Bistums München und Freising an. Das Gutachten wurde vom Erzbistum München und Freising in Auftrag gegebenen. In allen Fällen habe Benedikt - damals Kardinal Joseph Ratzinger - ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen. Der emeritierte Papst war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising.

Kardinal Marx werfen die Gutachter Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch vor. Es gehe dabei um Meldungen an die Glaubenskongregation in Rom. Zudem warfen ihm die Gutachter Untätigkeit vor. Es sei ungeachtet einer Vielzahl von Meldungen nur in "verhältnismäßig geringer Zahl" festzustellen, dass sich der Kardinal überhaupt unmittelbar mit Missbrauchsfällen befasst habe. Weiter hieß es, Marx habe sich auf eine "moralische Verantwortung" zurückgezogen und die direkte Verantwortung im Generalvikariat gesehen.

Auch Ratzingers direktem Nachfolger als Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, wirft das Gutachten Fehlverhalten in 21 Fällen vor. In der kommenden Woche wolle er inhaltlich detaillierter Stellung zu dem Gutachten nehmen, sagte Kardinal Marx.

Mindestens 497 Betroffene

Das Gutachten listet insgesamt Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt auf. Untersucht wurden Missbrauchsfälle aus den Jahren 1945 bis 2019. Nach Angaben der Gutachter waren 247 Opfer männlich, 182 Opfer weiblich, in 68 Fällen sei eine Zuordnung nicht möglich gewesen. 60 Prozent der betroffenen Jungen waren zwischen acht und 14 Jahre alt.

Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es laut der Studie - darunter 173 Priester und neun Diakone. Allerdings sei dies nur das sogenannte Hellfeld. Es sei von einer deutlich größeren Dunkelziffer auszugehen. Das Gutachten kommt außerdem zu dem Schluss, dass viele Priester und Diakone auch nach Bekanntwerden entsprechender Vorwürfe weiter eingesetzt worden seien.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Januar 2022 um 15:00 Uhr.