Dunkle Wolken ziehen über ein Kreuz. | picture alliance / Lino Mirgeler

Missbrauch in katholischer Kirche "Die Politik ist bisher zu zurückhaltend"

Stand: 21.01.2022 13:13 Uhr

Immer mehr Stimmen werden laut, die bei der Aufklärung von Missbrauch in der katholischen Kirche den Staat auffordern, einzugreifen. Die Politik müsse mehr tun, sagt der Missbrauchsbeauftragte der Regierung.

Nach der Veröffentlichung eines Gutachtens zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Erzbistum München und Freising werden Forderungen nach mehr Einflussnahme von Seiten der Politik und der Justiz auf die Aufklärung laut.

So fordert der Anti-Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, einen stärkeren Einsatz der Politik bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. "Wichtig wäre, dass die von mir im Jahr 2016 auf der Bundesebene bereits eingerichtete Aufarbeitungskommission nun mal endlich gesetzlich verankert wird", sagte er dem rbb. Dieser Kommission müssten "auch tatsächlich Kontroll-, Beratungs- und vielleicht auch Untersuchungsrechte eingeräumt werden".

So müssten sich Bundes- und Landespolitik viel stärker einbringen, sagte Rörig: "Die Politik ist, wenn es um Aufarbeitung und Missbrauch im kirchlichen Bereich geht, bisher zu zurückhaltend gewesen. Und mir wäre es wirklich wichtig, dass jetzt auch das Klein-Klein der Bundespolitik in die Mottenkiste der Vergangenheit gesteckt wird und die Ampelkoalition sich für ein konsequentes Aufarbeiten von sexualisierter Gewalt auch im kirchlichen Bereich entscheidet."

"System von Vertuschung und schneller Vergebung"

Ähnliche Forderungen kamen auch aus der Politik selbst. Der religionspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Castelluci, sagte der "Augsburger Allgemeinen" niemand könne "sich selbst aufklären - dafür gibt es unseren Rechtsstaat". Nach den Erfahrungen mit den unterschiedlichen Gutachten und deren Handhabung in der Kirche forderte er "einen verbindlichen gemeinsamen und überprüfbaren Rahmen für die Aufarbeitung in ganz Deutschland - Transparenz und Unabhängigkeit müssen gestärkt werden". Als möglichen Weg nannte Castelluci ebenfalls eine Aufwertung der unabhängigen Aufarbeitungskommission.

Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, sagte im rbb, sie glaube "nicht mehr, dass die Kirche allein die Aufarbeitung schafft". Es müsse die Frage gestellt werden, "ob es nicht ein besserer Weg wäre, wenn wir auf der politischen Seite im Sinne der Unabhängigkeit der Aufarbeitung mehr Einflussnahme hätten - beispielsweise über einen Ausschuss im Parlament, über eine Kommission, über eine Wahrheitskommission." Stetter-Karp zeigte sich dabei enttäuscht über das Verhalten der kirchlichen Verantwortlichen. "Es ist offensichtlich, dass auch im Jahr 2022 die bittere Realität heißt: Das System von Vertuschung, Vergessen und schneller Vergebung gegenüber den Tätern ist nicht aufgebrochen worden." 

Forderungen an den Papst

Auch der Passauer Rechtswissenschaftler Holm Putzke mahnte mehr Einsatz von Politik und Justiz an. "Nachdem das eine Never-Ending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der Katholischen Kirche gibt, oder sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken", sagte der Strafrechtsprofessor. Auch die Justiz habe lange weggeschaut: "Den Strafverfolgungsbehörden ist der Vorwurf zu machen, kriminelles Verhalten in der Katholischen Kirche anders zu behandeln als zum Beispiel Kriminalität in Wirtschaftsunternehmen oder in Schulen und Internaten", sagte er.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller forderte Papst Franziskus auf, Konsequenzen aus dem Gutachten zu ziehen. "Ich würde mir wünschen, der Papst wäre mit den deutschen Bischöfen strenger", sagte Schüller dem BR. "Die deutschen Bischöfe können sich leisten, was sie wollen. Sie bleiben im Amt, das hat machtpolitische und fiskalische Gründe." Letztlich hänge es "immer an einem Papst, der am Ende den Daumen hebt und senkt".

Papst: Gesetze streng anwenden

Unterdessen äußerte sich auch Papst Franziskus selbst zum Thema Missbrauch, ohne allerdings direkt Bezug auf das Gutachten zu nehmen. Beim Empfang von Vertretern der Glaubenskongregation im Apostolischen Palast forderte er eine strenge Anwendung der Gesetzgebung bei dem Thema. "Die Kirche treibt mit der Hilfe Gottes die Verpflichtung voran, den Opfern von Missbrauch durch unsere Mitglieder gerecht zu werden, indem mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge die vorgesehene kanonische Gesetzgebung angewandt wird", sagte er.

Franziskus verwies in seiner Rede vor den Vertretern auf die zurückliegende Anpassung der Normen, wodurch Kirchenvertreter, die jeglicher Art des Missbrauchs überführt werden, einfacher zur Rechenschaft gezogen werden können. "Dies allein kann nicht reichen, um das Phänomen einzudämmen, aber es bildet einen wichtigen Schritt, um Gerechtigkeit wiederherzustellen, den Skandal wiedergutzumachen und einen Täter zu ändern", sagte der 85-Jährige.

Justiz prüft 42 Fälle

Nach der Veröffentlichung des Gutachtens am Donnerstag prüft die Justiz, ob kirchliche Verantwortungsträger sich womöglich strafbar gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft München I untersucht derzeit 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger, bestätigte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der Nachrichtenagentur dpa. Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl, die das aufsehenerregende Gutachten im Auftrag des Bistums verfasst hat, habe der Staatsanwaltschaft im August 2021 "41 Fälle zur Verfügung gestellt", sagte Leiding - und einen weiteren Fall im November 2021. "Sie betreffen ausschließlich noch lebende kirchliche Verantwortungsträger und wurden stark anonymisiert übermittelt."

Sollten sich auf dieser Basis "Verdachtsmomente hinsichtlich eines möglicherweise strafrechtlich relevanten Verhaltens der kirchlichen Verantwortungsträger ergeben", würden die entsprechenden Unterlagen bei der Kanzlei angefordert und gegebenenfalls an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergegeben, sagte Leiding. "Welche strafrechtlichen Normen verletzt wurden, ist noch Gegenstand der Prüfung."

Schwere Vorwürfe gegen Ratzinger

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene WSW-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor. Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen.

Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus. Besonders brisant ist die Rolle Ratzingers. Im seinem Fall sehen die Gutachter es als erwiesen an, dass er bei vier pädophilen Klerikern - zwei davon einschlägig vorbestraft - deren Weiterbeschäftigung in Kirchengemeinden ermöglichte. Eine Stellungnahme, in der Benedikt dies zurückwies, nannten die Gutachter auf Grundlage von Zeugenbefragungen und der Aktenlage unglaubwürdig.

Über dieses Thema berichteten am 21. Januar 2022 das Nachtmagazin um 00:30 Uhr und BR24 um 11:01 Uhr sowie um 13:34 Uhr.