Ehem. Nonne Doris Reisinger | Bildquelle: dpa

Missbrauchte Nonne "Das kann ich niemals jemandem erzählen"

Stand: 13.02.2019 19:33 Uhr

Kommende Woche lädt der Papst Bischöfe nach Rom ein. Dabei soll es um den Missbrauch in der Kirche gehen. Auch Doris Reisinger wird da sein. Sie wurde als Ordensschwester von einem Priester vergewaltigt.

Von Sebastian Kisters, HR

Kurz nachdem sie vergewaltigt wurde, denkt die Ordensschwester Doris Reisinger: "Das kann ich niemals jemandem erzählen. Und das ist das Wichtigste, dass niemals jemand davon erfährt. Sonst würden Menschen an der Kirche zweifeln."

Reisinger war als 19-Jährige einer Ordensgemeinschaft in Rom beigetreten. Gott - das war für sie immer Trost und Zuversicht. Der Schritt in die Gemeinschaft war für sie also logisch. Was folgte war verstörend. Und schließlich zerstörerisch.

Vollkommene Selbstaufgabe

Zunächst passt sie sich an, dem Rhythmus des Ordens in Rom und der Unterwerfung. Sie erzählt, sie sei im Kloster nach einem Ideal vollkommener Selbstaufgabe geformt worden, so dass sie "am Ende gar nicht mehr sagen konnte: ´Ich´ oder ´Ich will!´ oder ´Ich will irgendetwas nicht!´ Ich habe einfach nur funktioniert."

Reisinger verbietet sich Zweifel. Zweifel, das sind für sie Versuchungen. Sie will auf dem gewählten Weg bleiben. Bis sie vergewaltigt wird. Ordensbrüder und - schwestern wohnen nahe beieinander. Ein Bruder stellt ihr nach, dann steht er plötzlich in ihrem Zimmer.

Kirche ist meine Heimat, denkt die junge Frau. Und sie will nicht verstehen, dass ihre Heimat gerade zerstört wird. Sie erzählt von Missbrauch nicht nur in ihrem Zimmer. Auch im Beichtstuhl. Reisinger spricht mit einer verantwortlichen Ordensschwester. Die sagt, Doris selbst habe den Priester in Versuchung geführt.

Papst: "Es wird immer noch gemacht."

Missbrauchte Nonnen und Ordensschwestern, dazu äußerte sich jüngst der Papst auf einer Pressekonferenz. Auf der Rückreise eines Besuches in den Emiraten sagte Franziskus, Bischöfe und Priester hätten Nonnen missbraucht. Und weiter: "Ich glaube, dass es noch immer gemacht wird. Das ist keine Sache, die einfach so aufhört, die Sache geht so weiter."

Neu ist "die Sache" nicht. Bereits in den 1990-er Jahren sammelte die amerikanische Ordensschwester Mary O‘Donnohue Berichte über sexuelle Übergriffe von Priestern gegen Nonnen. Sie dokumentierte Fälle aus 23 Ländern. O’Donnohue schreibt, Priester verlangten etwa Sex für Arbeitserlaubnisse von Nonnen in bestimmten Diözesen. Nicht ungewöhnlich sei, dass Priester Schwestern aufforderten, die Pille zu nehmen. Bereits 2001 hatte die italienische Zeitung "La Republica" berichtet, in einem afrikanischen Kloster seien 20 Ordensschwestern schwanger gewesen.

Papst Franziskus bei einem Treffen der Kurie | Bildquelle: AP
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Der Papst äußerte sich jüngst zu den missbrauchten Nonnen: "Das ist keine Sache, die einfach so aufhört."

Nonnen wie Sex-Sklaven

Auch in Berichten von O’Donnohue stand Afrika im Focus. Ordensschwestern wären von Priestern besonders attackiert worden, weil sie als nicht HIV-infiziert galten. Der Vatikan räumte damals "regionale Probleme" ein. Doch die Ordensschwester berichtete auch von Fällen in Lateinamerika, Asien und Europa. Aus dem Vatikan selbst gibt es Berichte von einer Gemeinschaft, in der Nonnen wie Sex-Sklaven gehalten wurden. In den sozialen Medien vernetzen sich gerade unterschiedliche Betroffene unter #nunstoo.

Ihr Glück: ein Mitbruder

Reisinger sagt, ihr Glück sei gewesen, dass sie sich einem Mitbruder anvertrauen konnte. Gemeinsam verließen sie den Orden. Heute sind sie verheiratet. Ohne ihren Mann würde sie nicht mehr leben, glaubt Reisinger. Sie hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben: "Nicht mehr ich". Heute lebt sie in Hessen. In der kommenden Woche schließt sie ihre Doktorarbeit im Fach Philosophie ab.

Heute ist sie glücklich. Die Vergewaltigungen liegen elf Jahre zurück. Könnte Reisinger ihrem jüngeren Ich etwas zurufen, was würde sie der jungen Frau raten? Der Frau, die gleich nach dem Abitur Gott dienen wollte und in den Orden eintrat? Menschen, die meinen zu wissen, was Gott will, "und die das in deinem Leben durchdrücken wollen", seien gefährlich, sagt sie. Wenn Gott zu uns spreche, dann nicht an unserem Verstand und unserem Gefühl vorbei.

Sie hat ihren Vergewaltiger angezeigt. Die Behörden verfolgen den Fall nicht weiter. Der mutmaßliche Täter hat ihnen von einer einvernehmlichen intimen Beziehung berichtet. Der Vatikan untersuchte selbst. Es habe zwar eine päpstliche Visitation der Gemeinschaft gegeben. Aber was genau rausgekommen sei, das wisse sie nicht wirklich. Es gebe bis heute dazu kein offizielles Statement aus Rom.

Kardinal: "Ich glaube Ihnen"

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat Reisingers Buch gelesen. Kürzlich gab es ein bewegendes Treffen, das der Bayerische Rundfunk begleiten durfte. Der Kardinal hat ihr drei Worte gesagt, die sie von einem hohen Kirchenvertreter noch nie gehört hat. Drei Worte, nach denen sie sich gesehnt hat: "Ich glaube Ihnen!"

In der kommenden Woche lädt der Papst führende Bischöfe aus der ganzen Welt nach Rom. Viele Jahre nach ersten offiziellen Untersuchungen heißt es, alle Kardinäle und Bischöfe müssten zunächst auf einen gemeinsamen Stand gebracht werden, was Missbrauch in der Kirche angeht.

Reisinger wird mit vielen Betroffenen auch in Rom sein. Sie spricht auf einer Podiumsdiskussion abseits des Vatikans. Es geht um Missbrauch erwachsener Frauen durch Priester. Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, was sollte in Rom passieren? "Was schön wäre: Wenn Bischöfe in Rom zu den Betroffenen auf die Straße kämen." Sie glaubt nicht daran.

Über dieses Thema berichtete das BR Fernsehen am 06. Februar 2019 um 22:00 Uhr.

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