Campingplatz Lügde.

Kindesmissbrauch in Lügde Schwere Vorwürfe gegen Behörden

Stand: 14.02.2019 21:20 Uhr

Im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde gibt es inzwischen sechs Tatverdächtige. Außerdem verdichten sich laut NDR, WDR und "SZ" die Hinweise, dass Behörden gravierende Fehler begangen haben. Eine Mutter erhebt schwere Vorwürfe.

Von Cathrine Lejeune, Stella Peters, Nina Reckemeyer, Britta von der Heide, NDR, Boris Baumholt, WDR

Eine Frau vor einer Fernsehkamera.
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Die Mutter des betroffenen Mädchens will anonym bleiben.

Die Mutter, die mit ihrer Anzeige die Ermittlungen zu den Missbrauchsfällen in Lügde ausgelöst hat, erhebt schwere Vorwürfe gegen Polizei und Jugendämter. Im Interview mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" sagte sie: "Wenn sie schon 2016 den Hinweisen nachgegangen wären, dann wäre meiner Tochter nichts passiert."

Die Behörden sind jedoch erst zwei Jahre nach den ersten Verdachtsmomenten gegen Andreas V. und seine inzwischen mutmaßlichen fünf Mittäter vorgegangen - nämlich nachdem die Mutter am 20.10.2018 eine Anzeige gestellt hat. Sie schildert im Interview, dass sich ihre Tochter im Sommer vergangenen Jahres mit der Pflegetochter von Andreas V. angefreundet habe. Später habe das Mädchen zweimal, jeweils für mehrere Tage bei ihm und seiner Pflegetochter auf dem Campingplatz übernachtet. Nach dem zweiten Mal habe ihre Tochter gesagt, dass Andreas V. ihr Schlimmes angetan, ihr wehgetan habe.

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter.
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Staatsanwalt Vetter sieht Fehler der Behörden.

"Natürlich, wenn man den Hinweisen 2016 nachgegangen wäre, wäre sicherlich die ganze Geschichte völlig anders abgelaufen", sagt auch der jetzt für die Ermittlungen zuständige Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Er bezieht sich auf zwei Verdachtsmeldungen, die im August und November 2016 eingegangen waren.

Erste Hinweise im August 2016

Im August 2016 schilderte eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes aus dem Kreis Hameln-Pyrmont einen möglichen Kindesmissbrauch. Sie soll dem Hamelner Jugendamt zunächst auf den Anrufbeantworter gesprochen und die Vorwürfe eines Vaters von zwei Mädchen gegen Andreas V. geschildert haben. Dies geht aus einem internen Vermerk hervor, den die Mitarbeiterin des Kinderschutzbunds nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Andreas V. angefertigt hat, und der NDR, WDR und "SZ" vorliegt. Andreas V. soll demnach gegenüber dem Vater gesagt haben, "es sei so ein schönes Gefühl so einen warmen Körper im Nacken sitzen zu haben".

Am nächsten Werktag, dem Montag darauf, meldete sich laut Vermerk das Hamelner Jugendamt auf die Nachricht auf dem Anrufbeantworter zurück. Die Meldung sei noch einmal genauestens hinterfragt worden. Zugleich habe das Jugendamt versichert, sich darum zu kümmern.

Tjark Bartels.
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Landrat Bartels sagt, die Behörde hätte bei deutlichen Hinweise reagiert.

Der für die Behörde zuständige Landrat von Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels, sagte im Interview mit NDR, WDR und "SZ": "Wenn ein deutlicher Hinweis, der auf sexuellen Missbrauch hindeutet, bei uns im Haus vorgelegen hätte, dann hätten wir darauf reagiert". Zu dem konkreten Gesprächsvermerk hat er sich bislang nicht geäußert.

Auch Polizei unternahm nichts

Der Kinderschutzbund hat damals nicht nur das Jugendamt, sondern auch die Polizei informiert. Dies bestätigt unter anderem ein interner Bericht des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen. Der Polizist, der die Meldung entgegennahm, sprach anschließend noch mit dem Vater der betroffenen zwei Mädchen, schrieb einen Vermerk über die Gespräche und reichte ihn beim Jugendamt ein. Offenbar hat aber der Polizist weder die zuständige Kriminalpolizei noch die Staatsanwaltschaft informiert, obwohl dies die Regeln bei solchen Verdachtsfällen vorschreiben. Den Vermerk über die Gespräche fanden Ermittler nach einer Durchsuchung im Jugendamt im Dezember 2018.

Ein weiterer Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch, über den bereits berichtet worden ist, kam im November 2016 von einer Mitarbeiterin des Jobcenters in Blomberg.

Ein Absperrband um ein Auto und einen Wohnwagen auf dem Campingplatz Lügde.
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Andreas V. war Dauercamper in Lügde.

Aktiv wurden die Behörden jedoch erst Ende 2018, nachdem die Mutter am 20. Oktober eine Anzeige gestellt hatte. Auch in diesem Fall reagierten die Behörden nach Recherchen von NDR, WDR und "SZ" offenbar langsam. Erst elf Tage nach der Anzeige der Mutter wurde die Tochter vom Fachkommissariat Bad Pyrmont vernommen. Die Terminierung auf den 31.10. wird in der Akte mit "Terminschwierigkeiten" begründet. Trotz klarer Hinweise auf einen möglichen schweren Missbrauch der beiden Kinder, vergingen erneut zwei Wochen, bis am 13.11. das Jugendamt Lippe informiert wurde. Dieses nahm dann das Pflegekind von Andreas V. sofort in Obhut. Der Beschuldigte wurde am 6.12. festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Campingplatz Lügde: Viel Leid hätte verhindert werden können
tagesthemen 22:15 Uhr, Stella Peters, Britta von der Heide, NDR

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Innenminister kritisiert Polizei und Jugendämter

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach im Interview erneut von klaren Fehlern der Behörden. "Unabhängig von den Ermittlungen, die jetzt laufen und in die ich auch nicht eingreifen darf und auch nicht will, ist offenkundig, dass bei den beteiligten Behörden, bei den Jugendämtern und auch der Polizei, nicht alles richtig gelaufen ist, um es vorsichtig zu formulieren", sagte Reul. Dies sei keine Vorverurteilung, sondern "einfach der Eindruck, den man hat, wenn man alle Fakten auf sich wirken lässt", so Reul. Ob es auch strafrechtlich relevant sei, bleibe abzuwarten.

Über dieses Thema berichtete am 14. Februar 2019 die tagesschau um 12:00 Uhr und NDR Info um 18:30 Uhr in der Sendung "Echo des Tages".

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