Die Silhouette eines Kindes | ARD-aktuell / Weiss

Sexualisierte Gewalt "Unsägliches Leid" in Orden und Klöstern

Stand: 26.08.2020 15:46 Uhr

Viele Klöster und Orden sind mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Laut einer Umfrage werden rund 30 Prozent beschuldigt. Vor allem in Heimen, Schulen und Internaten haben die Täter ihre jungen Opfer gequält.

Mindestens jeder dritte katholische Orden in Deutschland sieht sich mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Eine Mitgliederbefragung der Dachorganisation Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) ergab, dass sich bei den Ordensgemeinschaften mindestens 1412 Personen gemeldet haben, die angaben, als Kind oder Jugendlicher Opfer von sexualisierter Gewalt geworden zu sein. Von ihnen waren rund 80 Prozent männlich und etwa 20 Prozent weiblich.

654 Ordensmitglieder wurden als Täter beschuldigt. Die meisten davon - 522 oder knapp 80 Prozent - seien bereits tot, teilte die DOK mit. 37 Beschuldigte seien aus ihrem Orden ausgetreten. Die Vorfälle reichen den Angaben zufolge teilweise bis in die 1950er- und 1960er-Jahre zurück, als noch viele Schulen und Internate von Patern oder Nonnen geführt wurden.

Katharina Kluitmann, DOK-Vorsitzende | picture alliance/dpa

Die DOK-Vorsitzende Katharina Kluitmann drückte ihr Bedauern deutlich aus: "Wir erkennen unser Versagen erneut an." Bild: picture alliance/dpa

Durch Reaktionen "erneut verletzt"

Die DOK-Vorsitzende Katharina Kluitmann sagte bei der Vorstellung der Ergebnisse:

Brüder und Schwestern unserer Gemeinschaften haben sexuellen Missbrauch in seinen verschiedenen Formen verübt. Nicht nur diese Taten haben unsägliches Leid über die Betroffenen gebracht.

Wenn die Opfer später ihr Schweigen gebrochen und darüber gesprochen hätten, was ihnen angetan worden sei, so Kluitmann, seien sie oft enttäuscht und dadurch erneut verletzt worden. "Wir bedauern das sehr und erkennen unser Versagen erneut an."

Hoher Rücklauf bei interner Umfrage

Die DOK betonte, dass die Angaben nicht auf eine wissenschaftliche Studie zurückgingen. Es handele sich um eine interne Umfrage. Der Rücklauf sei hoch gewesen: Etwa drei Viertel der Ordensgemeinschaften, 291 von 392, hätten den Fragebogen zurückgesandt.

In diesen 291 Orden lebten 88 Prozent der heutigen Ordensmitglieder. Die kleinsten Orden umfassen nur noch eine Handvoll von Personen, mitunter sogar nur noch ein einziges Mitglied.

Beschuldigte sind meist Männer

Von den 291 Gemeinschaften, die die Fragen beantwortet haben, gaben 100 an, dass sie mit Vorwürfen zu verschiedenen Missbrauchsformen konfrontiert worden seien. Das seien gut 34 Prozent. Personenbezogene Daten zu Opfern oder Beschuldigten wurden in der Erhebung nicht abgefragt. Den Orden sei Anonymität zugesichert worden, so die DOK.

Von den Menschen, die in Deutschland Mitglied in einem Orden sind, sind den Angaben zufolge 75 Prozent Frauen und 25 Prozent Männer. Unter den Beschuldigten sind die Männer stark überrepräsentiert.

Massenhafter Missbrauch dokumentiert

Eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hatte 2018 den massenhaften Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker dokumentiert. Die Aufarbeitung geht seitdem weiter. Einige Diözesen haben unabhängige Kommissionen ernannt, die konkrete Vorwürfe untersuchen und dabei auch Beschuldigte benennen sollen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. August 2020 um 15:00 Uhr.