Nour Al Fawaz  | SWR

Meßstetten und die Flüchtlinge "Ja, wir haben es geschafft"

Stand: 31.08.2020 14:29 Uhr

5000 Einwohner, bis zu 3600 Flüchtlinge: Meßstetten in Baden-Württemberg erlebte die Flüchtlingskrise 2015 besonders intensiv. Was die Einwohner und die Flüchtlinge aus Merkels "Wir schaffen das" gemacht haben - ein Ortsbesuch.

Von Tim Diekmann, SWR

An die langen Schlangen vor der Pforte der ehemaligen Zollernalb-Kaserne im baden-württembergischen Meßstetten kann sich Alfred Sauter noch gut erinnern. Es gab Tage, da strömten Hunderte neu ankommende Flüchtlinge durch die Tore auf der Suche nach einem Bett und etwas Warmem zu essen. Heute geht Sauter mit zwei Bekannten alleine durchs Tor. Der Gang über das große Kasernengelände, auf dem zwischen 2014 und 2017 insgesamt knapp 25.000 Flüchtlinge lebten, macht den pensionierten Berufssoldaten nachdenklich: "Wenn man sich das hier ansieht, wie alles verwahrlost, das macht einen schon traurig."

Tim Diekmann
Die ehemalige Zollernalbkaserne in Meßstetten | SWR

Das verlassene Kasernengelände heute. Bild: SWR

Die ehemalige Zollernalbkaserne in Meßstetten | SWR

Seit drei Jahren steht das Gelände leer. Bild: SWR

Inzwischen holt die Natur sich das Gelände zurück, zwischen den schweren Betonplatten wachsen wilde Gräser, ein Baum verschlingt die Reste eines Basketballkorbs. Seit beinahe drei Jahren steht das Gelände wieder leer. Für Sauter, der sein halbes Leben als Soldat und später als Flüchtlingshelfer in der Kaserne gearbeitet hat, ein ungewohntes Bild.

Jeder Sechste ein Flüchtling

Die Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in Meßstetten öffnete im Oktober 2014. Auf dem weitläufigen Kasernengelände wollte die Landesregierung zeitgleich bis zu 1000 Flüchtlinge unterbringen. Eine Entscheidung, die nicht jeder Bürger in Meßstetten von Anfang an unterstützte. Manche fürchteten, dass zu viele Flüchtlinge ins Dorf kommen würden, denn in Meßstetten leben selbst nur rund 5000 Menschen. Bei Vollbelegung der LEA wäre jeder sechste Einwohner von Meßstetten ein Flüchtling.

In einem leergeräumten Gebäude entdeckt Alfred Sauter heute eine weiße Tafel, die mit bunten Buchstaben beklebt ist. Auf ihr steht: "Willkommen in Meßstetten". Das war das Willkommensschild. "Wenn die Flüchtlinge aus dem Bus ausgestiegen sind, dann mussten sie als erstes hierhin zur Aufnahme. Und mit dem Schild haben wir sie dann hier in der LEA empfangen", erinnert sich Sauter.

"Manche haben unter Bäumen geschlafen"

Als Koordinator für die Ehrenamtlichen organisierte und verteilte Sauter in den ersten Monaten zahlreiche Spenden, an Kleidung mangelte es nicht. Die Hilfe aus der Gemeinde war riesig. Zeitweise zählten die freiwilligen Helfer über eine Million Kleidungsstücke. Im Dezember 2015 lebten das erste Mal mehr als 1000 Bewohner auf dem Kasernengelände. Im Herbst 2015, während der Hochphase der Migrationskrise, waren es zeitweise mehr als 3600 Schutzsuchende. "Die Leute haben geschlafen, wo Platz war", erzählt Sauter. "Im Sommer haben manche Flüchtlinge auch unter Bäumen geschlafen."

Polizeieinsätze und Fake News

Nicht immer blieb es ruhig in der LEA: Ende 2015 kam es zu einer Massenschlägerei. Steine flogen. Scheiben gingen zu Bruch. Auslöser waren laut eines Zeitungsberichts von damals ein paar Brötchen, die jemand verbotenerweise aus der Kantine mitnehmen wollte. Hunderte Polizisten mussten den Streit schlichten. Auch ein Hubschrauber war im Einsatz. Es blieb einer der wenigen Großeinsätze.

Im Internet machten Gerüchte die Runde: Flüchtlinge aus der LEA sollten heimlich Schafe geschlachtet haben. Ein anderes Mal hieß es, dass sie einen Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung enthauptet hätten. Nichts davon ist wahr. Ärger gab es auch wegen Wildpinkelns und Müll, der nicht weggeräumt wurde. Vereinzelt meldeten Frauen, dass sie sich von den Flüchtlingen bedroht fühlten. Es bleiben Ausnahmen.

An Ärger und Abgrenzung kann sich Nour Al Fawaz nicht erinnern. Im Gegenteil, der 35-jährige Syrer denkt gerne an seine Zeit in Meßstetten zurück. 2016 kam er mit seiner Frau Oula aus Syrien in die Landeserstaufnahmeeinrichtung. "Der Kontakt mit den Deutschen war wirklich gut, sie haben uns viel geholfen. Meine Erfahrungen waren bis jetzt ausschließlich positiv", sagt Al Fawaz.

Nour Al Fawaz  | SWR

Nour Al Fawaz kam 2016 mit seiner Frau aus Syrien. Er sagt: "Wir haben es geschafft." Bild: SWR

Bis heute unterstützt ihn der ehemalige Kriminalbeamte Karlo Gerstenecker. Die Zeit als ehrenamtlicher Helfer habe ihn verändert, sagt er. Er habe dazugelernt. In seinen 43 Jahren bei der Polizei habe er viele negative Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht. "Die drei Jahre in Meßstetten waren ganz anders. Mit ganz wenigen Ausnahmen waren meine Eindrücke alle positiv. Ich wurde nicht angegriffen oder blöd angegangen."

Ehrenamtliche Helfer wie der frühere Berufssoldat Alfred Sauter kamen an ihre Belastungsgrenzen, als immer mehr Flüchtlinge den Weg nach Meßstetten finden. Ans Aufgeben dachte Sauter aber nie: "Man muss die Menschen aufnehmen, wir konnten sie ja nicht auf der Straße liegen lassen oder in anderen Flüchtlingslagern, wo es noch schlimmer war."

Einst Flüchtling, heute Systemadministrator

Fünf Jahre ist es nun her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer traditionellen Sommer-Pressekonferenz den inzwischen historischen Satz "Wir schaffen das" gesagt hat.

Für Nour Al Fawaz sind die drei Worte der Kanzlerin wahr geworden: "Es ist ein großer Satz, aber man muss für diesen Satz auch etwas tun. Wenn man zuhause bleibt und nichts macht, hilft das nicht. Man muss sich bewegen: die Sprache schnell lernen, eine Stelle finden. Das heißt für mich 'Wir schaffen das'. Für mich persönlich kann ich sagen: Ja, wir haben es geschafft."

Als gelernter Ingenieur arbeitet Al Fawaz heute als Systemadministrator an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen.  

Es sind die positiven Geschichten, an die sich die Bürger von Meßstetten heute erinnern. Es sind die Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen, mit Menschen, denen sie in größter Not geholfen haben. Als die LEA Meßstetten im September 2017 nach drei Jahren schließt, zählen die Verantwortlichen rund 25.000 Männer und Frauen, die von Meßstetten aus ein neues Leben begonnen haben.  

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. August 2020 um 17:00 Uhr.