Kanzlerin Merkel bei ihrer Sommer-PK am 31. August 2015. | dpa
Analyse

Fünf Jahre "Wir schaffen das" Ein Satz mit Folgen

Stand: 31.08.2020 05:06 Uhr

Merkels Schachtelsätze sind legendär, aber vor fünf Jahren waren es nur drei Worte für die Geschichtsbücher: "Wir schaffen das" - ein Satz, der motivieren sollte, aber polarisierte.

Von Alex Krämer, ARD-Hauptstadtstudio

Kurze Hauptsätze sind normalerweise nicht so Angela Merkels Sache. Auch deshalb bleibt es im Kopf, wenn sie dann doch mal einen ausspricht - so wie am 31. August 2015:

Wir haben so vieles geschafft: Wir schaffen das.
Alex Krämer ARD-Hauptstadtstudio

Merkel sagt diesen Satz in einer Krisensituation. Die Flüchtlingszahlen steigen dramatisch, über die Balkanroute drängen immer mehr Menschen nach. Ihre umstrittenste Entscheidung - die Grenze offen zu halten für Flüchtlinge aus Ungarn - hat die Kanzlerin zu diesem Zeitpunkt noch nicht getroffen. Sie folgt wenige Tage später, in der Nacht vom 4. auf den 5. September. Aber die drei Worte vom 31. August nehmen die Entscheidung vorweg.

"Merkel wollte mit Sicherheit das Land motivieren“, sagt Politikwissenschaftler und Publizist Albrecht von Lucke über den Kanzlerinnen-Satz, der historisch wurde. "Und sie wollte die Kräfte dieses Landes abrufen."

Gelungen ist das nur bedingt. Es gab viel Zuspruch. Eine Welle der Solidarität ging durchs Land, sehr viele Menschen engagierten sich in der Flüchtlingshilfe, oft nicht nur für ein paar Wochen, sondern für Monate oder sogar Jahre.

Aufstieg der AfD

Aber ziemlich schnell wurde eben auch klar, dass Merkels Satz polarisiert und dass er sich zum Polarisieren eignet. Bestes Beispiel dafür ist Alexander Gauland von der AfD. Er formuliert Merkels Aussage in seinem Sinne um - am 7. Oktober 2015, auf einer Kundgebung in Erfurt. "Wir schaffen das, sagt Frau Merkel", ruft er den rund 8000 Demonstranten zu - und fügt unter Johlen und Beifall des Publikums hinzu: "Nein! Wir wollen das gar nicht schaffen!"

Merkel hat es Gauland und anderen leicht gemacht, sagt Politikwissenschaftler von Lucke. Denn der Satz, obwohl rhetorisch stark, habe ein Vakuum hinterlassen. Wer ist "wir"? Und was ist "das"?

"In dem Maße, in dem über Wochen, über Monate keine Erklärung folgte, was zu schaffen sei, hat diese Rhetorik immer mehr dazu geführt, dass ein Teil der Bevölkerung sich dieser neuen Herausforderung nicht gewachsen sah", analysiert von Lucke. Die Kanzlerin habe zu lange gewartet. "Sie hätte viel früher erklären müssen, was damit gemeint ist. In starken parlamentarischen Reden, vielleicht auch in einer Fernsehansprache - so wie sie es in der Corona-Krise getan hat, weit klüger und die Bevölkerung mitnehmend." Am Umgang mit Corona sehe man, dass Merkel daraus gelernt hat.

Zwei weitere Sätze mit Problempotenzial

"Wir schaffen das" ist am stärksten im Gedächtnis geblieben - für deutlich problematischer hält der Politikwissenschaftler aber zwei weitere Sätze aus der Zeit der Flüchtlingskrise, die etwas später fielen. Der erste stammt von Horst Seehofer, es war eine Reaktion auf Merkels "Wir schaffen das": Ebenfalls drei Worte: Der damalige CSU-Chef schimpfte über eine "Herrschaft des Unrechts". Es war der Beginn eines beispiellosen Streits, der die Schwesterparteien fast zerrissen hätte.

"Hätte es den Konflikt, von Seehofer auf die Spitze getrieben, nicht gegeben, sondern hätte es eine gemeinsame Lösung gegeben, in der beispielsweise der bayerische Ministerpräsident hätte sagen können: 'Wir sehen die Herausforderung, aber Bayern zeigt, wie es zu schaffen ist' - dann hätte es den Aufstieg der AfD so nicht gegeben", vermutet von Lucke. Für diese Zerrüttung des Parteiensystems sei nicht in erster Linie die Kanzlerin zuständig, sondern allemal zuerst die CSU.

Aber Seehofer sagte eben, was er sagte. Die Folge war ein jahrelanger Machtkampf in der Union, mal offener ausgetragen, mal verdeckter, aber immer schwelend. Es führte zu Handlungsunfähigkeit und Lähmung - und stärkte die AfD. Und für Merkel begann mit dem Konflikt ihr schleichender Machtverlust. Auch ihr Rückzug vom CDU-Vorsitz 2018 kann als eine Folge von "Wir schaffen das" gesehen werden. Denn nicht nur in der CSU, auch in ihrer eigenen Partei lösten Merkels Satz und die Politik, für die er steht, Unbehagen und Abwehr aus.

Für wirklich problematisch hält von Lucke aber eine ganz andere Äußerung Merkels. "Der eigentlich gefährliche Satz war dieser Satz: 'Dann ist das nicht mehr mein Land' - wenn wir das nicht schaffen." Damit habe die Kanzlerin deutlich gemacht: Wenn ihr nicht tut, was ich von euch will - dann seid ihr nicht mehr das Land, das ich mir wünsche. "Das hatte schon eine Tonlage, bei der man mit Fug und Recht sagen konnte: Das geht in demokratischer Hinsicht fast zu weit."

"Wir schaffen das." "Es ist eine Herrschaft des Unrechts." "Dann ist das nicht mehr mein Land." Drei Sätze, die nachhallen und die exemplarisch für die angespannte Stimmung von 2015/16 stehen.

Ein Satz aus diesem Frühjahr hätte damals auch ganz gut gepasst - er bezieht sich auf den Umgang mit der Corona-Pandemie. Er stammt weder von Merkel noch von Seehofer, sondern von Jens Spahn: "Wir werden einander viel verzeihen müssen."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. August 2020 um 11:00 Uhr.