Bundeskanzlerin Merkel bei einer Pressekonferenz nach Beratungen mit den Länderchefs zu AstraZeneca. | EPA
Analyse

AstraZeneca-Impfstoff Retten, was zu retten ist

Stand: 31.03.2021 00:10 Uhr

AstraZeneca wird für Menschen unter 60 nur noch eingeschränkt empfohlen. Das Vertrauen in den Impfstoff schwindet. Bundeskanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Spahn versuchen zu retten, was zu retten ist.

Von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Ein weiteres Problem beim Impfen hatte der Kanzlerin gerade noch gefehlt. Mit ihrem dringenden Aufruf bei Anne Will zu mehr Härte im Kampf gegen Corona war sie bei vielen Ministerpräsidenten nicht durchgedrungen. Die Infektionszahlen steigen, die Zahlen der belegten Intensivbetten in den Krankenhäusern auch, und das gute Wetter lässt wieder mehr Menschen in Gruppen nach draußen strömen.

Daniel Pokraka ARD-Hauptstadtstudio

Das Letzte, was Angela Merkel in dieser Lage gebrauchen konnte, war ein weiterer Imageverlust des AstraZeneca-Impfstoffs. Ramponiert ist dessen Ruf seit Wochen; erst wegen möglicher Nicht-Eignung für alte Menschen, dann wegen möglicher Todesfälle nach Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen im Zusammenhang mit dem Impfstoff.

Viele potenzielle Impflinge in ganz Deutschland lassen sich lieber später impfen als sofort mit AstraZeneca. Die gestern bekannt gewordene Empfehlung der STIKO, den Impfstoff grundsätzlich nur bei über 60-Jährigen anzuwenden, ist ein weiterer Schlag für die Impfkampagne.

Merkel kann "Verunsicherung nicht wegreden"

Merkel weiß das. Auch, dass sie "die Verunsicherung nicht wegreden kann", sagt sie am Abend nach ihrem Gespräch mit den Ministerpräsidenten und Gesundheitsminister Spahn. Der hatte sich mit seinen Ministerkollegen aus den Ländern auf neue Regeln für die Impfung mit AstraZeneca geeinigt.

Merkel - das scheint eine der Botschaften des gemeinsamen Auftritts mit Spahn zu sein - und die Ministerpräsidenten tragen die Neuerungen mit.

60- bis 69-Jährige werden in Impfreihenfolge vorgezogen

Bund und Länder machen aus der Not eine Tugend. Ab heute können die Länder eine Gruppe mit AstraZeneca impfen lassen, die laut Impfreihenfolge bisher noch nicht dran war: 60- bis 69-Jährige. Ein "pragmatischer Ansatz", sagt Gesundheitsminister Spahn. Auch für Menschen dieser Altersgruppe stelle Corona ja "ein höheres Risiko" dar, und der Impfstoff von AstraZeneca sei in manchen Belangen sogar besser als der von BioNTech. 

Im Gegenzug bekommen unter 60-Jährige, die impfberechtigt sind, nur noch unter Voraussetzungen das Vakzin von AstraZeneca: Es soll eine individuelle Risikoanalyse stattfinden, und zwar - anders als bisher - grundsätzlich nicht in einem Impfzentrum, sondern in einer Arztpraxis.

Zweite Dosis: Beim Hausarzt oder warten

Wer unter 60 ist und schon eine Erstimpfung mit AstraZeneca hatte, hat zwei Möglichkeiten. Man kann sich entweder auch nach individueller Risikoanalyse in der Arztpraxis die zweite Dosis impfen lassen oder abwarten, bis die Ständige Impfkommission eine Empfehlung dazu abgegeben hat. Spahn: "Die Erstimpfung mit ihrer Wirksamkeit besteht mindestens bis Anfang Mai."

Neue Regeln für die Impfung mit AstraZeneca, beschlossen innerhalb weniger Stunden - reicht das, um Vertrauen wieder herzustellen? Die Kanzlerin hofft, dass Klarheit, Informationen und Transparenz dafür sorgen. Man habe es eben mit neuen Impfstoffen zu tun, da dürfe man neue Erkenntnisse nicht "unter den Teppich kehren", sondern müsse auf die Experten hören - und wie schon einmal und auch jetzt notfalls die Regeln ändern.

Ob das überzeugt? Wie viele Menschen zwischen 60 und 69 lassen sich den Impfstoff von AstraZeneca verabreichen? Die Antwort dürfte bald kommen. Ab heute können die Länder die neuen Impfregeln in Kraft setzen. 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. März 2021 um 22:30 Uhr.