Bundeskanzlerin Angela Merkel  | AP

Bürgerdialog mit Merkel Die Sorgen der Sorgentelefon-Mitarbeiter

Stand: 10.03.2021 18:51 Uhr

In ihrem jüngsten Bürgerdialog hat Kanzlerin Merkel mit Mitarbeitern von Hilfs- und Krisentelefonen gesprochen. Die berichteten, wie die Pandemie seelische Nöte in der Bevölkerung verschlimmert - und ihre Arbeit verändert.

Von Sophie von der Tann, ARD-Hauptstadtstudio

Die Beraterinnen am Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen haben besonders während der Corona-Krise viel zu tun, erklärt die Leiterin Petra Söchting. "Während es früher die Möglichkeit gab - vielleicht wenn in einem Frauenhaus in der Nähe kein Platz war - zu schauen: Habe ich eine Freundin, eine Verwandte, kann ich mit meinen Kindern erstmal irgendwo unterkommen, ist das alles deutlich schwieriger geworden."

Sophie von der Tann ARD-Hauptstadtstudio

Seit April 2020 - etwa zeitgleich mit dem ersten Lockdown - seien die Anfragen um rund 20 Prozent gestiegen, sagt Söchting im Gespräch per Videoschalte mit Kanzlerin Angela Merkel. Allerdings ließe sich daraus nicht direkt schließen, dass häusliche Gewalt im gleichen Umfang gestiegen sei.

Pandemie machte Hilfetelefone bekannter

Denn das Hilfetelefon sei seit Beginn der Pandemie auch bekannter geworden. Außerdem fällt Söchting auf: Es melden sich auch mehr Menschen aus dem Umfeld von Betroffenen, die hinschauen und sehen, da stimmt was nicht.

Eine Beobachtung, die auch Bernd Janning von Krisenchat.de gemacht hat: "Allgemein ist das Bewusstsein gestiegen, auch bei Kindern und Jugendlichen, dass man sich Hilfe holen kann. Und dass es okay ist, wenn ich ein psychisches Problem habe."

Bei den in ganz Deutschland rund 250 Mitarbeitenden von Krisenchat.de melden sich Kinder und Jugendliche per Chat - mit Liebeskummer und Schulstress, zunehmend aber auch mit Depressionen, Selbstmordgedanken oder dem Drang, sich selbst zu verletzen.

Rund die Hälfte habe darüber noch nie mit jemandem gesprochen, sagt Janning. Deshalb sei der Chat so wichtig als niederschwelliges Angebot. Denn besonders Jugendliche, die bereits eine Therapie begonnen haben, litten unter den Corona-Beschränkungen.

Alte Glaubenssätze kommen wieder hoch

"Wenn jemand gelernt hat, mit einer Angststörung in die Öffentlichkeit zu gehen, mit anderen zusammen zu sein, etwa im Verein Sport zu machen und das alles weggebrochen ist, dann kommen sehr schnell viele alte Glaubenssätze hoch, etwa, dass man nicht dazugehört", so Janning. "Das ist etwas, das uns sehr bewegt und wir sehen, dass uns da manchmal die Hände gebunden sind, was die Ressourcen angeht."

Viele lokale Angebote gibt es aktuell nicht. Das betrifft besonders auch Geflüchtete, die sich ohnehin oft isoliert und einsam fühlten, berichten die Gesprächsteilnehmer. Oder auch Alleinerziehende und ältere Menschen.

Die Mitarbeitenden der Hilfs- und Sorgentelefone befürchten: Angesichts der ohnehin hohen Kosten der Krise könnte in Zukunft gespart werden an solchen Angeboten.

Dass die Folgen der Pandemie - auch psychisch - noch lange nachwirken werden, ist auch Merkel bewusst. Sie macht Hoffnung auf Unterstützung.

Merkel sieht Hilfe als wichtig an

"Da braucht man sehr viel Geduld. Unsere Haushaltssituation ist ja gerade nicht erfreulich", so Merkel "Aber wir müssen dann gucken, dass wir nicht zu früh mit einem Kurs einsetzen, der alles abschneidet, sondern auch weiter Hilfeleistungen anbieten. Das wird ganz wichtig sein."

Etwa 90 Minuten dauert das Gespräch zwischen der Kanzlerin und den Vertretern der Hilfs- und Krisentelefone.

Zum sechsten Mal seit Beginn der Pandemie sprach Merkel per Videokonferenz mit Bürgerinnen und Bürgern über deren Sorgen und Erfahrungen. Sie hört zu, fragt nach, spricht von einem Licht am Ende des Tunnels, auch wenn im Augenblick jeder Tag schwerfalle.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. März 2021 um 18:00 Uhr.