Angela Merkel spricht in der Synagoge Rykkestraße. | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX/Shutte

Merkel gedenkt in Synagoge Gegen Judenhass und Ausgrenzung

Stand: 09.11.2018 13:15 Uhr

Mit deutlichen Worten hat Kanzlerin Merkel am Jahrestag der Novemberpogrome einen entschiedenen Kampf gegen Judenhass, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung gefordert. Die AfD war ausgeladen worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Erinnerung an die Novemberpogrome vor 80 Jahren als beständige Aufgabe bezeichnet. Bei einer Gedenkveranstaltung in der Synagoge Rykestraße in Berlin mahnte sie an, die richtigen Schlüsse aus der Ausgrenzung von Menschen, aus Rassismus und Antisemitismus zu ziehen. Dies sei nicht nur Aufgabe an einem Gedenktag wie dem 9. November, sondern immer.

"Lassen Sie uns alle jeden Tag mit dem Verständnis von heute daran arbeiten, dass so etwas wie vor 80 Jahren nie wieder passiert", betonte sie. Merkel zeichnete einen Bogen von den damaligen Ereignissen zu heute: Auch jetzt wieder lebten die Menschen in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen mit rasanten technologischen Umbrüchen. In solchen Zeiten sei die Gefahr besonders groß, dass diejenigen Zulauf erhielten, die mit einfachen Antworten auf die Herausforderungen reagierten.

Die Bundeskanzlerin ordnete die Novemberpogrome historisch ein: Die Ereignisse seien eine Wegmarke "zum Zivilisationsbruch der Schoah" mit sechs Millionen getöteten Juden gewesen; sie hätten aber auch eine Vorgeschichte gehabt. "Ich bin davon überzeugt, dass wir nur dann die richtigen Lehren ziehen können, wenn wir die Novemberpogrome von 1938 als Teil eines Prozesses verstehen", unterstrich Merkel.

Merkel warnte vor Judenhass in Deutschland und forderte ein entschlossenes Vorgehen gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung.

Klare Positionierung gegen die AfD

An der Gedenkveranstaltung nahmen Vertreter des Judentums, von Bundesregierung, Bundestag, Kirchen und Gesellschaft teil. Ausdrücklich nicht eingeladen hatte der Zentralrat der Juden Vertreter der AfD. Zentralrats-Präsident Josef Schuster kritisierte die Partei als "geistige Brandstifter", die die Hetze gegen Flüchtlinge, Muslime und Juden perfektioniert habe.

"Sie instrumentalisieren die mutigen Widerstandkämpfer der Weißen Rose für ihre Zwecke. Sie verhöhnen die Opfer und Überlebenden der Schoah, indem sie die NS-Verbrechen relativieren. Sie betreiben Geschichtsklitterung und wollen unsere Gedenkkultur zerstören", machte Schuster in seiner Ansprache deutlich. "Es wäre für die jüdische Gemeinschaft unerträglich gewesen, 80 Jahre nach der Pogromnacht, Vertreter dieser Partei unter uns zu wissen", so Schuster.

Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, forderte mehr Engagement gegen Antisemitismus und griff die AfD ebenfalls verbal an. "Diese Partei hat bis jetzt nur bewiesen, dass sie die Demokratie strapaziert, dass sie die Meinungsfreiheit strapaziert und dass sie einen richtigen Judenhass in Gang gebracht hat", sagte sie im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF.

"All das gehört zusammen"

Zuvor hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in seiner Rede im Reichstag den 9. November als "Schicksalstag der Deutschen" bezeichnet. "An diesem Datum verdichtet sich unsere jüngere Geschichte in ihrer Ambivalenz, mit ihren Widersprüchen und Gegensätzen." Eines sei untrennbar: "Das Tragische und das Glück, der vergebliche Versuch und das Gelingen, Freude und Schuld: All das gehört zusammen."

Schäuble rief dazu auf, Frieden und Freiheit nie wieder zu gefährden, und warnte vor wachsendem Antisemitismus. Aktuelle Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens zeigten, wie nötig deren besonderer Schutz im 21. Jahrhundert immer noch sei. "Die Firnis der Zivilisation ist dünn."

Viele Zäsuren am 9. November

Am 9. November 1938 inszenierten die Nationalsozialisten die reichsweiten Pogrome gegen Juden. Damit nahm die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung ihren Anfang.

Der 9. November steht aber auch für glückliche Zäsuren in der deutschen Geschichte: Vor 100 Jahren rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin die erste deutsche Republik aus. Mit der DDR-Grenzöffnung am 9. November 1989 wurde der friedlichen Vereinigung der beiden deutschen Staaten der Weg geebnet.

Über dieses Thema berichtete am 09. November 2018 die tagesschau um 14:00 Uhr und NDR Info um 14:15 Uhr in den Nachrichten.

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