Fernsehansprache der Bundeskanzlerin Merkel am 18.3.2020 | Bildquelle: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/Shutter

Coronavirus-Pandemie Merkel, die Krisenkanzlerin?

Stand: 23.04.2020 02:34 Uhr

Sie schien schon in der Versenkung verschwunden - jetzt ist Kanzlerin Merkel so präsent wie selten zuvor. Heute hält sie im Bundestag wieder eine Regierungserklärung. Kann Merkel besser Krise als Alltag?

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Spannend wurde es, als Angela Merkel abgetaucht war, in häuslicher Quarantäne. Als die Kanzlerin nur noch schlecht zu verstehen war per Telefonschalte aus dem Home-Office: "Ja, Merkel", meldete sie sich da knarzend, "ist der Söder noch dabei…?" Ja, Markus Söder war noch in der Leitung. Merkel ist leicht genervt, die Technik muckt: "Ich fang dann wieder von vorn an, weil der Ton schlecht war…"

Aber eine holperige Tonqualität war da Merkels kleinstes Problem. Ein Land zu regieren, mitten in dieser Corona-Ausnahmesituation, ohne sichtbar zu sein? Anderen Regierungschefs wäre das schwer gefallen. Einem Donald Trump, einem Emmanuel Macron. Aber Merkel? Sie kennt Krisen, trägt sie mit Fassung, lässt gerade mal dies durchblicken:

"Ich will jetzt nicht sagen, dass ich nicht froh bin, wenn sich die Quarantäne dann ihrem Ende zuneigt."

Kanzlerin wird weltweit gefeiert

Angela Merkel, bald 15 Jahre im Amt. Vor Corona war sie fast schon weg vom Fenster. Innenpolitisch unsichtbar. Der Wettstreit um ihre Nachfolge war entbrannt. Jetzt wird die Kanzlerin weltweit gefeiert. Als Krisenmanagerin. Als eine, die kleine Schritte geht, überlegt, die sich vortastet in dieser Pandemie, aber auch harte Einschränkungen nicht scheut. Auch in Deutschland gehen ihre Beliebtheitswerte steil nach oben. Per Fernsehansprache macht Merkel Mitte März ihren Kurs deutlich: Warnen: "Es ist ernst, nehmen sie es auch ernst!" - und an Vernunft und Gemeinsinn der Bürger appellieren:

"Es kommt auf jeden an. Niemand ist verzichtbar, alle zählen. Es braucht unser aller Anstrengung."

Merkel ist erst still in der Corona-Krise. Überlässt ihrem Gesundheitsminister das Feld. Doch als der Naturwissenschaftlerin immer klarer wird, was kommen könnte durch das Virus, da sucht sie den direkten Draht zu den Bürgern. Merkel spricht, sie erklärt - so, wie man das vorher nicht kannte von der Kanzlerin. Für ihre Verhältnisse emotional:

"Ich will an der Stelle auch nochmal sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass sich so viele Menschen darauf einlassen, diese sehr, sehr harten Regeln - gerade wenn man sich das Wetter anschaut, wie es derzeit ist - einzuhalten, weil sie wissen, dass sie damit einen Beitrag leisten, Menschenleben zu retten."

Merkel war lange Übermutter der Nation

Bis dahin war Merkel eher eine Art Sphinx, der zwar viele vertrauen. Weil sie Deutschland wirtschaftlich vorangebracht hat. Weil sie punkten konnte, auch mal mit Erfolgen der SPD. Aber wirklich nahe war sie den Bürgern kaum, eher eine Art Übermutter der Nation. Jetzt ist sie in deren Mitte angekommen. Die Kanzlerin vertraut den Bürgern - zumindest mehr, als das in anderen Ländern der Fall ist. Präsident Macron in Frankreich zum Beispiel verbietet, bestraft, schränkt drastisch ein. Das will Merkel so nicht, und das hat auch mit ihrer Herkunft zu tun.

"Als auch eine freiheitsliebende Bürgerin, im 30. Jahr der Deutschen Einheit - glauben Sie doch nicht, dass es mir als Politikerin leicht fällt, mit anderen gemeinsam so etwas anordnen zu müssen. Das ist doch etwas, was wir uns lieber erspart hätten, aber was die Umstände einfach erfordern."

Der Druck auf Merkel war wohl noch nie so groß wie jetzt. Was, wenn es am Ende nicht reicht? Wenn die Disziplin nachlässt, die Infektionszahlen wieder steigen? Ein Horror für die Kanzlerin:

"Es wäre ganz schlecht, wir würden zu schnell voranschreiten, um dann wieder alles zurücknehmen zu müssen, das versuchen wir zu vermeiden."

Kleine Schritte, ein vorsichtiges Vortasten, Geduld, kein großer Wurf. Merkels Art, Politik zu machen, hat ihr immer wieder Kritik eingebracht. In der Krise bewährt sie sich, bis auf weiteres. 

Merkel - eine Krisenkanzlerin? Wie sie mit Corona umgeht
Angela Ulrich, ARD Berlin
22.04.2020 22:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. April 2020 um 09:00 Uhr.

Korrespondentin

Angela Ulrich | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo RBB

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