NRW-Ministerpräsident Armin Laschet  | AFP

Merkel besucht Laschet Zeche statt Schloss

Stand: 18.08.2020 04:21 Uhr

Es ist ihr zweiter Besuch bei einem möglichen Kanzlerkandidaten: Kanzlerin Merkel kommt nach NRW. Ministerpräsident Laschet will es bescheiden halten, nachdem Konkurrent Söder auf Prunk im Schloss gesetzt hatte.

Von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Im Vorfeld klang es wie Alltagsroutine: Armin Laschet kündigte den Besuch der Bundeskanzlerin en passant an, fast im Vorbeigehen, und man musste sich fragen: War das kalkuliert gedämpfte Vorfreude oder gespielte Nüchternheit? Die Bundeskanzlerin kommt schließlich nicht alle Tage vorbei. Nun hat dieser Besuch allerdings schon vor Wochen seinen einzigartigen Glanz verloren. An dem Tag, an dem ein anderer Laschet die Merkel-Show stahl: Markus Söder.

Sabine Henkel ARD-Hauptstadtstudio

Söder setzte sich in Szene

Das bayerische Kabinett tagte Mitte Juli hochherrschaftlich im Schloss Herrenchiemsee - Merkel zu Ehren, oder besser: Söder zu Ehren. Der genoss sehr offensichtlich die Spekulationen um die Kanzlerinnennachfolge und setzte sich mit Merkel gekonnt in Szene: vor dem Schloss, im Schloss, auf dem Schiff und in der Kutsche. Markus der Erste von Bayern.

"Ich kann nur sagen, Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten, der hat mich heute eingeladen, mehr können Sie dazu von mir nicht hören", war Merkels Kommentar zu diesem Spektakel. Dass Merkel, die personifizierte Bodenständigkei, diese Söder-Inszenierung mitspielte, heizte weitere Spekulationen an und ließ Laschet sicher nicht kalt.

Laschet setzt auf Bescheidenheit

Wie kann er es schaffen, Söder in den Schatten zu stellen? Unmöglich, Merkel jetzt in ein Schloss in NRW einzuladen. Und so kommt es zum Kontrastprogramm: die Zeche Zollverein. Das Laschet-Kalkül: Maloche statt Prunk, Bescheidenheit statt Größenwahn. Es ist der zweite Akt im Vorwahlkampf. Die CDU braucht einen neuen Chef und die Union einen Kanzlerkandidaten. Wer führt am besten, wer kann Corona-Krise?

Das Krisenmanagement prägt den Konflikt. Auch, wenn Laschet das abstreitet. Er hält den Konflikt für künstlich zugespitzt. Dabei war es sein Innenminister, Herbert Reul, der Söder öffentlich attackierte. "Heiße Luft und eine Politik, die auf Inszenierung setzt, bringen die CDU nicht weiter", sagte Reul und fügte hinzu, dass er es unerklärlich findet, wie Leute auf die Idee kommen können, dass Söder ein guter Kanzlerkandidat sei. Das kam an wie eine Retourkutsche, denn kurz zuvor hatte Söder erklärt: "Nur wer Krisen meistert, wer die Pflicht kann, der kann auch bei der Kür glänzen." Wer dabei versage, habe keinen moralischen Führungsanspruch. Der Konflikt ist also weniger künstlich zugespitzt, als viel mehr offensichtlich.

Wer behauptet sich?

Dabei hat Söder sich bisher nicht eindeutig erklärt. Er beteuert bei jeder Gelegenheit, dass sein Platz in Bayern sei, befeuert aber gleichzeitig die Spekulationen um seinen Platzwechsel nach Berlin. Laschet ist da deutlicher. Er pokert nicht, sondern formuliert glasklar seinen Anspruch.

Allerdings haftet ihm der Ruf an, nicht kanzlertauglich zu sein - nicht zuletzt durch sein instabiles Corona-Krisenmanagement. Söder machte es lange Zeit besser, fuhr den Merkel-Kurs und erntete ihr Wohlwollen. Dann fiel ihm das Urlauber-Testdesaster auf die Füße. Ob das Laschet nützen wird? Fraglich. Vor der Ernennung zum Kanzlerkandidaten muss Laschet erstmal CDU-Chef werden. Seine Chancen schätzt er als gut ein, was auch sonst?

Kanzlertauglichkeit ist mehr als Corona-Management

Laschets und Söders Kanzlertauglichkeit konzentriert sich derzeit nur auf eine Frage: Wer navigiert sein Land besser durch die Corona-Krise? So bedeutend das ist, so wird ein Kanzler doch über die Pandemie hinaus gewählt. Es gibt weitaus mehr Herausforderungen. Wer macht die beste Klimapolitik? Wer hat eine Lösung für die festgefrorene Asylpolitik in Europa? Wer sorgt für Generationengerechtigkeit?

Laschet steht für Merkels Politik, Söder fährt eher einen politischen Zickzackkurs. Mal will er Grenzen sichern, um - so wörtlich - "den Asyltourismus" zu beenden und die AfD auszustechen, später umarmt er Bäume, um den Grünen Wähler und Wählerinnen abzujagen. Jetzt gilt er vielen  als geborener Kanzler. Jedenfalls sprechen die Umfragen für Söder. Laschet liegt in der Kanzlerfrage sogar hinter Friedrich Merz.

Am 13. September muss er als Ministerpräsident eine ganz andere Wahl überstehen: die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen, da wird auch über Laschets Krisenmanagement abgestimmt. Eine Standortbestimmung, die zeigen wird, wo Laschets Platz sein kann.

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 18. August 2020 um 06:09 Uhr.