Kanzlerin Merkel | REUTERS
Analyse

Merkel und Afghanistan Kein Gespür für die Lage

Stand: 27.08.2021 17:20 Uhr

Die Afghanistan-Krise hat Bundeskanzlerin Merkel während ihrer gesamten Regierungszeit begleitet - und sie an ihre Grenzen gebracht. Zuletzt fehlte der sonst so trittsicheren Kanzlerin das Gespür für die Lage.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Donnerstag 18:30 Uhr: In Kabul sind gerade Dutzende Menschen gestorben. US-Soldaten, Frauen, Kinder. Deutsche Soldaten fliegen per Notfallevakuierung aus Kabul aus. Da erübrigt Kanzlerin Angela Merkel zweieinhalb Minuten ihrer Zeit am Rande einer Pressekonferenz im Kanzleramt für die Tragödie in Afghanistan: "Ich möchte aus aktuellem Anlass einige Worte zu Afghanistan sagen. Die Details werden später von den Ministern gegeben werden."

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Merkel und ihr Gespür für Stil. Die Frau, die jahrelang so trittsicher durch Krisen schritt, macht die Stunde, in der der gefährlichste Evakuierungseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr glücklich endet, zu einer Randnotiz samt Detailfragen, die andere klären sollen.

Filmpremiere statt Krisensitzung

Mittwoch, 16. August: Die erste Bundeswehrmaschine landet in Kabul. Tausende Ortskräfte sind in Todesangst. Der Ausgang ist ungewiss. Die Kanzlerin geht abends zur Kinopremiere von "Die Unbeugsamen". Merkel und ihr Gespür für Stil.

"Ich schäme mich dafür, ich schäme mich dafür, ich wünschte, dass auch diese Bundesregierung endlich Verantwortung übernehmen würde. Sich zumindest entschuldigen würde bei Soldaten und Ortskräften." Was der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagt, mag zur Hälfte Wahlkampf sein. Die andere Hälfte ist die Erkenntnis, dass diese Kanzlerin mit dem Kontrollverlust der deutschen Regierung in Afghanistan nur schwer zurechtkommt. Nicht eigene Fehler benennt, sondern ihre Regierungserklärung zur Regierungsrechtfertigung machte und diejenigen beschimpfte, die die Fehler aussprachen: "Hinterher, im Nachhinein präzise Analysen zu machen, ist nicht wirklich kompliziert, hinterher alles genau zu wissen und vorherzusehen, ist relativ mühelos."

Keine Antworten, dafür Fragen

Es ist die einfachste - Kritiker sagen, billigste - Variante, jede Kritik als Besserwisserei der Neunmalklugen abzutun. "Hinterher kann jeder" sagt eine Kanzlerin, die sonst für gewöhnlich den Ruf hatte, die Dinge vom Ende her zu denken. Sie aber gab jetzt keine Antworten. Sie stellte Fragen: "Waren unsere Ziele zu ehrgeizig? Haben wir das Maß der Korruption in Afghanistan unterschätzt? Kamen unsere Ziele und Werte wirklich in Afghanistan an?"

André Wüstner vom Bundeswehrverband verteidigt die Bundeswehr. Die Kanzlerin verteidigt er in der ARD nach dieser Rede nicht mehr: "Auch als sie am Ende Fragen aufgeworfen hat, da fragten sich im Nachgang viele Soldaten: Das sind Fragen, auf die brauchte es doch die ganze Zeit schon Antworten. Warum gab es die nicht? Wie strategielos war man in den vergangenen Jahren?"

Merkel stößt an ihre Grenzen

Sie ist als Krisenkanzlerin bekannt. Die Afghanistankrise aber bringt Merkel an ihre Krisenbelastungsgrenzen.

Berlin 2012: Vor neun Jahren sitzt die Kanzlerin mit dem damaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai im Kanzleramt. Und sagt, was jetzt, neun Jahre später, nicht mehr gilt: "Es sollen nicht die Fehler gemacht werden, die in der Vergangenheit in Afghanistan so oft passiert sind. Dass Länder bei Ihnen engagiert sind und plötzlich weg waren und Afghanistan wieder allein gelassen wurde. Genau das soll verhindert werden."

Karzai saß unbewegt daneben und hörte damals zu. Er, der spätere Namensgeber für den internationalen Flughafen von Kabul, der jetzt zum Ort und Inbegriff der Tragödie von Afghanistan wurde. Merkel, die im August 2021 so überrascht war vom Zusammenbruch der afghanischen Armee.

Elf Jahre früher aber wusste sie bereits, was passieren würde, wenn Korruption und Unfähigkeit regieren: "Selbst wenn alle afghanischen Sicherheitskräfte ausgebildet sind, wird die Internationale Gemeinschaft dafür sorgen, dass Armee und Polizei überlebensfähig sind. Ansonsten könnte die Hoffnung der Taliban sein, sofort zuzuschlagen, wenn Polizisten und Armee nicht mehr vernünftig bezahlt und motiviert sind."

Elf Jahre später schlugen die Taliban zu, weil die internationale Gemeinschaft nicht dafür gesorgt hatte, dass die Armee überlebensfähig war. In den letzten Tagen der Kanzlerschaft Merkel schimmert durch, dass der Afghanistankrieg in den 16 Jahren unter ihrer Verantwortung eigentlich nie ihr Krieg gewesen ist. Ein Krieg, der verloren wurde, ein ganzes Land möglicherweise gleich mit: "Diese neue Realität ist bitter. Aber wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen", sagt die Kanzlerin.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. August 2021 um 17:00 Uhr.