Angela Merkel und Berliner Schülerinnen im Bundeskanzleramt

15 Jahre Merkel Die Kanzlerin und die Frauen

Stand: 22.11.2020 03:18 Uhr

Vor 15 Jahren wurde Angela Merkel vereidigt. Damit stand zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Regierung. Aber was hat die Kanzlerin eigentlich für Frauen erreicht?

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Erst ist sie "Kohls Mädchen". Dann wird Angela Merkel zur "Mutti" der Nation. Und zur mächtigsten Frau der Welt. Bewundert, aber auch beschimpft. Wie aber sieht die Kanzlerin sich selbst? "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", sagt Merkel darüber, dass sie als erste Frau vor 15 Jahren das mächtigste Regierungsamt in Deutschland übernommen hat. Und ihr ist auch klar: "Aus der Tatsache, dass es mich gibt, darf kein Alibi werden."

Kein Alibi, aber es ist doch ein Paukenschlag: Merkels Vereidigung als Bundeskanzlerin im November 2005. Mit dunklem Blazer steht die CDU-Frau vor dem damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, spricht die Eidesformel, und endet mit "so wahr mir Gott helfe".

Aber was hat Merkel für Frauen erreicht?

Geholfen hatte ihr zuvor ausgerechnet der machohafte Gerhard Schröder. In der "Elefantenrunde" bei ARD und ZDF nach der Bundestagswahl war für den Bis-Dahin-Kanzler die Übergabe der Macht an eine Frau quasi undenkbar: "Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel einginge, in dem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden?" tönt ein überheblicher Schröder, immer noch machttrunken. "Ich meine, wir müssen die Kirche doch auch mal im Dorf lassen…"

Damals, in der Fernsehrunde, reagiert Merkel stoisch. Sie schaut leicht irritiert, rollt unmerklich mit den Augen - und holt die SPD ins Boot. "Sie sind damit die erste demokratisch gewählte Regierungschefin in Deutschland", würdigt Lammert Merkel nach der Vereidigung im Bundestag. "Das ist ein starkes Signal für viele Frauen, und für manche Männer sicherlich auch."

Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen und Angela Merkel | Bildquelle: imago images / Xinhua
galerie

Die Kanzlerin stellt immer auch Frauen nach vorn: Hier mit Annegret Kramp-Karrenbauer und Ursula von der Leyen

Aber was hat Merkel für Frauen erreicht? Wie sehr war das ihr Fokus? Eine Feministin - so nennt sich die Kanzlerin jedenfalls nie. Als sie bei einem G20-Frauengipfel mit der niederländischen Königin Maxima und Trump-Tochter Ivanka danach gefragt wird, will sich Merkel kein Etikett anheften lassen: "Die Geschichte des Feminismus ist eine, da gibt es Gemeinsamkeiten mit mir und auch Unterschiede. Und ich möchte mich auch nicht mit einem Titel schmücken, den ich gar nicht habe", macht sie klar.

Merkel sieht sich selbst als "Türöffnerin" für Frauen

Als eine Art "Türöffnerin" für Frauen sieht Merkel sich hingegen schon, allein weil sie als Vorbild fungiert. Ihr könnt es schaffen! - das ist das Bild, die Botschaft, die sie vor allem jungen Frauen und Mädchen vermitteln will. "Die Tür ging nicht mehr zu. Aber irgendwie steckt der Fuß manchmal noch ganz schön fest drin im Spalt“, so zieht Merkel im Jahr 2018 eine gemischte Bilanz, bei einer Veranstaltung zu "100 Jahren Frauenwahlrecht". Dass wirkliche Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen jetzt nochmal 100 Jahre brauche, das dürfe aber nicht sein, macht die Kanzlerin klar.

Zur Frauenpolitik hat Merkel jedoch von Beginn an ein ambivalentes Verhältnis. Sie ist erst gegen eine Quote. Gegen Teilzeitregelungen, die Frauen die Rückkehr in den Beruf erleichtert hätten. Gleichzeitig unterstützt sie ein Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen: kein Modell für Gleichberechtigung, weil es fast immer Frauen sind, die daheimbleiben. Merkel wirft ihr politisches Gewicht auch nicht dagegen in die Waagschale, dass Frauen weiterhin deutlich weniger als Männer verdienen - bei gleicher Qualifikation.

Kanzelramt
galerie

Auch wenn es Altkanzler Schröder lange nicht wahrhaben wollte: Am Ende wurde Kanzlerin Merkel die neue Hausherrin im Kanzleramt - Schröder blieb am 22. November nur mehr die Gratulation.

Die Partei ist für Frauen attraktiver geworden

Aber die Kanzlerin stellt auch Frauen nach vorn. Sie ebnet Ursula von der Leyen erst den Weg ins Verteidigungsministerium, dann auf den EU-Chefsessel. Sie macht Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Generalsekretärin und ihre Partei für Frauen attraktiver.

Reuters-Korrespondent Andreas Rinke beobachtet Merkel, seit sie im Amt ist - und bescheinigt ihr ein großes Engagement für Gleichberechtigung. "Sie hat auf Auslandsreisen immer wieder versucht, Schwerpunkte zu setzen, die frauenbezogen waren", sagt Rinke. In Saudi-Arabien zum Beispiel hat Merkel die erste Frauenuniversität besucht, in Niger ein Frauenhaus. Oder sie hat junge südkoreanische Studentinnen aufgefordert, in die Politik zu gehen. Merkel sei überzeugt, dass Gesellschaften besser funktionieren, in denen Frauen etwas zu sagen haben - dieses Credo verfolge sie im In- und Ausland.

Engster Führungskreis aus Frauen

Dazu hilft Merkel ihr pragmatischer Politikstil: umzusteuern, wenn sie Irrtümer erkennt. Freiwillige Selbstverpflichtungen von Firmen, für mehr Frauen in Führungspositionen? Das reichte der Kanzlerin zu Beginn ihrer Amtszeit - später nicht mehr: "Nun gibt es immer wieder Unternehmen, die sich die Zielgröße Null setzen", moniert Merkel. Dafür habe sie "null Verständnis".

Merkels engster Führungskreis im Kanzleramt sind Frauen: Ihre Büroleiterin Beate Baumann, ihre Planungschefin Eva Christiansen. Aber ihr Sprecher, Steffen Seibert, ist ein Mann, genau wie ihre Abteilungsleiter meist männlich sind. "Vielleicht ist auch das der große Unterschied zu ihren Vorgängern", sagt Rinke von Reuters, "weil sie eben keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht."

Angela Merkel und ihre Mitarbeiterinnen Christiansen und Baumann | Bildquelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb
galerie

Angela Merkel - damals noch Kanzlerkandidatin - mit ihren Mitarbeiterinnen Eva Christiansen (links) und Beate Baumann auf dem Weg zum TV-Duell mit Gerhard Schröder am 4. September 2005

Am Ende ihrer Amtszeit agiert Merkel freier. Bei allem - in der Corona-Politik oder eben auch bei der Gleichberechtigung. Parität in allen Bereichen nennt sie "logisch". Als ihr eine alte Dame bei einem Bürgerdialog beschreibt, wie sie sich umgeben fühle von starken Frauen, in ihrem Pflegeheim, in der Politik, da ist das ganz nach Merkels Geschmack: "Es muss nicht schlecht sein, wenn Frauen was zu sagen haben", antwortet die Kanzlerin sichtlich erfreut. Dass das heute in Deutschland so ist, hat auch mit Merkel zu tun.

15 Jahre Bundeskanzlerin - Merkel als erste Frau im Amt
Angela Ulrich, ARD Berlin
22.11.2020 08:37 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. November 2020 um 10:07 Uhr.

Korrespondentin

Angela Ulrich | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo RBB

Angela Ulrich, RBB

Darstellung: