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Fragen und Antworten Daten und Fakten rund um den blauen Dunst

Stand: 24.08.2007 16:58 Uhr

In Deutschland wird jedes Jahr ein gigantischer Berg Zigaretten verqualmt. 2005 gingen fast 96 Milliarden Glimmstängel in blauen Dunst auf. Das entspricht einem täglichen Verbrauch von 262 Millionen Kippen. Kurbeln Raucher also die Wirtschaft an oder sind sie das Geschwür unseres Gesundheitssystems? Wann fangen Jugendliche an zu rauchen? Und wie mächtig sind eigentlich die globalen Tabakkonzerne? Fragen und Antworten zu Deutschlands beliebtester Droge.

Von Kai Olschewski für tagesschau.de

Sind Nichtraucher eine Minderheit?

Nein. Laut Statistischem Bundesamt sind mehr als zwei Drittel der Deutschen Nichtraucher. Weniger als ein Drittel greift dagegen regelmäßig zur Zigarette. Bei den Rauchern sind die Männer in der Mehrzahl: 32 Prozent aller Männer rauchen, bei den Frauen sind es nur 22 Prozent. Insgesamt ist der Zigarettenkonsum seit mehreren Jahren rückläufig. Wurden 1999 noch 145 Milliarden Glimmstengel vernichtet, waren es 2005 nur noch knapp 96 Milliarden. Das Deutsche Krebsforschungsinstitut führt diese Entwicklung auf die Tabaksteuererhöhung zurück. Gleichzeitig werden aber immer mehr Zigaretten selbst gedreht.

Wann zünden sich Jugendliche ihre erste Zigarette an?

Das Einstiegsalter liegt nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei 13,6 Jahren. Die Deutsche Krebshilfe geht davon aus, dass Jugendliche sogar schon zwei Jahre früher anfangen zu rauchen. Dabei bezieht sie sich auf die Studie der Weltgesundheitsorganisation “Health Behaviour in School-aged Children” (HBSC). Einigkeit besteht darin, dass das Einstiegsalter weiter sinkt. Vor fünfzig Jahren griffen Männer noch mit 17 und Frauen erst mit 22 Jahren zu ihrer ersten Zigarette. Allerdings rauchen insgesamt immer weniger Jugendliche.

Was sind typische Raucherkrankheiten?

Wer täglich eine Schachtel Zigaretten raucht, nimmt in einem Jahr etwa eine Tasse Teer in seiner Lunge auf. Mit diesem Bild warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vor den Folgen des Rauchens: Raucher haben demnach ein doppelt so hohes Krebsrisiko wie Nichtraucher. Lungen-, Kehlkopf- und Luftröhrenkrebs zählen zu den typischen Raucherkrankheiten. 2004 starben laut Statistischem Bundesamt etwa 41.000 Menschen an diesen "Raucherkrankheiten". Das sind fünf Prozent aller Todesfälle in Deutschland. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil der Rauchertoten noch bei vier Prozent. An den Folgen des Rauchens sterben drei Mal mehr Männer als Frauen. Rauchen fördert nach Erkentnissen von Kardiologen auch die Gefahr der Arteriosklerose, bei der durch die Verstopfung von Blutgefäßen das Herzinfarktrisiko deutlich steigt.

Wie gefährlich ist Passivrauchen?

Täglich sterben allein in Deutschland mindestens neun Menschen an den Folgen des Passivsrauchens. Das sind etwa 3300 Menschen pro Jahr. Zu diesem Ergebnis kommen übereinstimmend Studien der Universitäten in San Francisco und Münster. Gleichzeitig beeinflusst Passivrauchen die geistige Leistungsfähigkeit von Kindern. Eine in der Fachzeitschrift "Environmental Health Perspectives" veröffentlichte Studie hat ergeben, dass Kinder, die mit Zigarettenqualm aufwuchsen, bei Mathe-, Lese- oder Logiktests schlechter abschnitten als ihre Mitschüler.

Raucher geben viel Geld für Tabak aus. Sind sie ein Motor unserer Volkswirtschaft?

2005 haben die Deutschen insgesamt 24 Milliarden Euro für Zigaretten, Zigarillos und Tabakschnitt ausgegeben. Daran verdient der Staat ordentlich mit: Die Einnahmen aus der Tabaksteuer betragen fast 14 Milliarden Euro.

Der durch das Rauchen verursachte Schaden ist jedoch bedeutend größer. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass durch Zigarettenkonsum ein volkswirtschaftlicher Schaden von mindestens 17,5 Milliarden Euro entsteht. Eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums beziffert ihn sogar auf knapp 40 Milliarden Euro - durch Arbeitsausfall wegen Krankheit und Tod (12,4 Milliarden Euro), medizinische Versorgung (rund sieben Milliarden Euro) und unbezahlte Arbeit (19,5 Milliarden Euro).

Unberücksichtigt bleibt in dieser Rechnung die geringere Lebenserwartung. Raucher sterben durchschnittlich sieben Jahre früher als Nichtraucher - statistisch gesehen mit 69 Jahren. Aus volkswirtschaftlicher Sicht spart die Rentenversicherung somit bei jedem Raucher die Zahlung von Rentenjahren.

Wie mächtig sind die Tabakkonzerne?

Die wirtschaftliche Macht der Tabakkonzerne zeigt sich am Beispiel des US-Mischkonzerns Altria Group. Zu ihm gehört Philip Morris, der zweitgrößte Tabakhersteller der Welt. Allein der Umsatz mit Tabakprodukten betrug 2005 über 63 Milliarden US-Dollar. Bekannte Zigarettenmarken sind Marlboro, Benson & Hedges und Chesterfield. Zum Vergleich: Mit seiner Lebensmitteltochter Kraft (unter anderem Jacobs, Toblerone, Milka und Philadelphia) verdiente Altria gerade mal halb so viel. 2005 hatte Altria Group fast 200.000 Beschäftigte in 150 Ländern.

Die wirtschaftliche Macht der Konzerne spiegelt sich auch in ihrem politischen Einfluss wieder. Durch Lobbyverbände versuchen sie, ihre politischen Ziele zu verwirklichen. In Deutschland vertritt der Verband der Cigarettenindustrie (VdC) die Interessen der Tabakfirmen. Mitglieder sind neben Philip Morris unter anderem noch British American Tobacco und Reemtsma.

Eine Studie der Universität Kalifornien unter Leitung von Annette Bornhäuser kommt zu dem Ergebnis, dass die deutsche „Gesundheitspolitik bis zum heutigen Tag von Tabakindustrieinteressen dominiert wird“. Die Tabakkonzerne hätten es demnach verstanden, besonders die Gefahren des Passivrauchens zu verschleiern. Dabei hätten die Lobbyisten Wissenschaftler und Politiker auf ihre Seite gezogen, um von den Gesundheitsrisiken abzulenken. Bornhäuser wirft der Bundesregierung vor, dass Deutschland eines der wenigen industrialisierten Länder ist, in denen die Tabakindustrie noch einen guten Ruf genießt.